Nur Rinderwahnsinn?
15. Februar 2001
Volkszorn macht sich breit – überhaupt und speziell gegen Europa. Für viele Durchschnittsbürger hat das säkulare Experiment der europäischen Vereinigung bisher nur zweierlei gebracht: eine schwindsüchtige Esperanto-Währung und giftigen Fraß – BSE. „Fleisch, ein Stück Lebenskraft“ – schlimmer kann man seine Kunden kaum noch düpieren. Der Rinderwahnsinn bietet alle Optionen, zu einem Dauerthema zu werden und zum Aufhänger, gegen alles zu motzen, was die Menschen – zu Recht oder Unrecht – ärgert und bedrückt.
Da ist Brüssel, die angebliche Superbürokratie (übrigens personell so umfangreich besetzt wie die Stadt München), die zwar penibelst die Krümmung von europäischen Gurken vorschreibt und nachmisst, aber bei essenziellen Fragen einfach nur versagt. Dort die so genannten Politiker, europaweit als Selbstbediener und Lügner, im besten Fall noch als gewissenlose Lobbyisten verschrien, die die Probleme am liebsten unter der Decke halten und in blinden Aktionismus und Populismus verfallen, wenn sich eine Krise gar nicht mehr verheimlichen lässt. Dabei trifft speziell uns Deutsche sehr hart, dass gleich zwei Mythen vor die Hunde gehen – die von der Machbarkeit und der gleichzeitigen Kontrolle der Dinge.
Schuld sind natürlich immer die anderen. Aber vom Glykol in der teuren Spätlese gab’s damals höchstens Kopfweh, von den Azo-Farben in der Kleidung höchsten Krätze. Bei der Wurst geht es aber um Leben und Tod – und wieder schiebt jeder die Schuld auf den anderen. Es ist kein schönes Gefühl, den Kakao, durch man gezogen wird, auch noch selbst trinken zu müssen.
Glück für die da oben, Menschen sind keine Schnellmerker. Aus unserer Geschichte haben wir nachweislich wenig gelernt, und eigentlich sind wir noch nicht sehr weit weg vom Neandertaler. Trotzdem werden wir zumindest kurzfristig aus Erfahrung ein bisschen klüger. Und das ist der Punkt, bei dem auch dem mittelständischen Augenoptiker das Thema BSE durch den Kopf gehen muss. Denn unter dem Druck des Preismarketings vollzog sich nicht nur bei Fleisch und allen anderen Lebensmitteln, sondern auch in der Augenoptik ein Trend Richtung zunehmender Verschrottung.
Wenn Preise runter, gleichzeitig aber die Margen rauf sollen, bedeutet das unvermeidlich Qualitätsverlust. Aber wie unsere Endverbraucher, die sich nur harmlos über das immer billigere Rindfleisch freuten, haben auch wir Insider nur wenig über die Hintergründe nachgedacht.
Wir wissen vom Wanderzirkus der optischen Industrie, die in immer ferneren Ländern zunächst nur simple Grundprodukte fertigen ließ, um sie angeblich hier zu veredeln. Inzwischen hört man davon nichts mehr, sondern die Produktion kompletter Kollektionen wurde per Vollimport nach Fernost outgesourct. Und immer seltener werden Qualitätsteile wie Scharniere dorthin geschickt, sondern auch gleich von dort bezogen. Das hat man zwar irgendwo im Hinterkopf, aber jeder verlässt sich darauf, dass da irgendwie gezaubert wird in China, Korea, Thailand und neuerdings auch in Russland.
Dabei verdrängten wir die uralte Weisheit von Opa und Oma, dass Qualität einfach ihren Preis hat. Dabei hat Qualität heute nicht unbedingt mehr etwas mit dem Herkunftsland zu tun. Auch die am Ausstoß gemessenen Größe eines Unternehmens spricht nicht gegen Qualität. Das gilt auch für die Agrarfabriken; die deutschen BSE-Rinder stammen von vergleichbar kleinen Bauernhöfen.
Aber der Einkäufer in Fernost, der bisher für eine Brillenfassung $ 2,49 ausgeben konnte, jetzt aber nur noch $ 1,99, muss sich darüber im Klaren sein, dass er im besten Fall nur schlechtere Qualität bestellt. Und der Augenoptiker als Einkäufer muss sich darüber Gedanken machen, dass er für den gleichen EK demnächst nicht mehr die gleiche Qualität einkaufen kann. Da lohnt es sich, sich von der Gefangenschaft der Eckpreislagen und anderer Preis-Psychologien zu befreien. Denn, ob der Verbraucher DM 100, DM 250 oder DM 500 für eine Brillenfassung ausgibt, hat nichts mit einer Preisschwelle zu tun, sondern nur mit der Frage, ob er dieses Geld ausgeben will und ob er sich mit dieser Brille wohl fühlt.
Damit keine Missverständnisse aufkommen: Ein höherer Preis hat nicht automatisch etwas mit höherer Qualität zu tun. Der Augenoptiker als Einkäufer, der sich in der Vergangenheit intensiv mit Lagerumschlaggeschwindigkeiten, Margen oder Werbekostenzuschüssen auseinander gesetzt hat, wird in Zukunft wieder dazu verdammt, seine ursprüngliche Aufgabe zu übernehmen und als Fachmann zu beurteilen, ob ein Produkt aus preislich angemessener Qualität besteht, oder ob der Glanz nur von einem hoch gestochenen Fantasienamen stammt. Außerdem kommt es in Zukunft wieder darauf an, diese Einkaufsleistung überzeugend im Geschäft und zu den Kunden zu kommunizieren.
Andernfalls könnte es wieder so laufen wie so häufig in unserer Branche. Nämlich dass uns die Verbraucher wieder um die sprichwörtliche Nasenlänge voraus sind. Denn es könnte ja ein Umdenken bei den Kunden dergestalt einsetzen, ohne dass wir dies merken, dass man für eine seriöse Brille gern ein paar Mark mehr und öfter investiert. Denn nicht nur beim Rindfleisch steht das Verbrauchervertrauen auf dem Spiel.






