Optica: Hopp? Top!!
15. April 2001
Die Branche steckt in der Zwickmühle: Zwanzig Jahre harte Arbeit der Verantwortlichen bei F+O und dem alten Geschäftsführer der KölnMesse tragen endlich ihre Früchte; die optica lebt nur noch, weil sie künstlich beatmet wird. Es scheint eine Frage von Tagen zu sein, wann das endgültige Aus besiegelt wird. In der uns Deutschen eigenen Arroganz wurde der Münchner Versuch eines Außenseiters leichtfertig belächelt und abgetan, eine regionale Fachmesse für die Augenoptik zu installieren, weil dieser Termin diametral gegen die Interessen der Vertriebsleute in der optischen Industrie steht. Er deckt sich aber zu 100 Prozent mit den Interessen der Augenoptiker als deren Kunden.
Statt runder Konzepte, verständlicher Strategien und des Herausstellens von Vorteilen einer zentralen Messe des Berufsstandes unter der Flagge der optica waren in den letzten Jahren nur noch hektische und sinnlose Schnellschüsse (weil von niemandem verstanden und zur Kaschierung von Leerfluchten) und die Flucht zu vermeintlichen Heilsbringern möglich. In einer letzten Kraftanstrengung soll jetzt eine tägliche Modenschau das Ruder rumreißen?
Die deutsche Leit- (nicht Leid) Messe sollte die optica sein. Solange für die optica aber kein in sich gewachsenes und überzeugendes Konzept erarbeitet wird, ohne erdrückendes Pathos, ohne bremsende Gremien, ohne Einflussnahme angeblich wichtiger Marktteilnehmer und Rücksichtnahme auf deren Interessen, wird sie gegenüber dem wendigen Schnellboot opti in München keine Berechtigung zum Überleben haben. Da hat sich die Mehrzahl der Aussteller längst entschieden.
So hat sich eine Situation eingestellt, die die Branche nicht aushalten kann: Zwei Messen innerhalb weniger Wochen – und die optica dazu noch zum unpassendsten Termin. Die Aussteller ächzen unter den doppelten Kosten, denen keine höheren Umsätze entgegen stehen. Die Augenoptiker haben ein klares Votum abgegeben, dass sie beim Ordern zur rechten Zeit gerne auf protzige Stände verzichten, weil auch bei ihnen die Zeiten des schnellen und reichlichen Geldes vorbei sind. Sie haben inzwischen gelernt, wer diesen Messe-Gigantismus letztlich bezahlen muss – nämlich sie selbst.
Die Branche braucht wirklich keine zwei Fachmessen in Deutschland. Was aber ist dagegen zu tun? Jeder Veranstalter möchte verständlicherweise seine Messe überleben lassen. Das schnellste und sauberste Verfahren festzustellen, welches Messekonzept von Besuchern und Ausstellern favorisiert wird, wäre, beide Messen am selben Wochenende im Januar zu veranstalten. Es würde alle Beteiligten auf eine Zerreißprobe stellen, mit der Chance, nach diesem Befreiungsschlag das erfolgreiche Konzept auszufeilen.
Man kann Feuer löschen, indem man ihm durch gezieltes und kontrolliertes Feuer den notwendigen Rohstoff entzieht. Das ist gefährlich, aber es geht. Es gibt Überlegungen, dieses Prinzip auch bei den beiden Fachmessen anzuwenden: Eine dritte Messe soll die beiden bestehenden ausbluten. Ein bizarrer Gedanke, der wenig Erfolgschancen haben wird. Im schlimmsten Fall wird so nur eine dritte Messe etabliert – von allen gehasst, und mancher Besucher wie Aussteller fühlt sich gezwungen, auf allen drei Hochzeiten zu tanzen.
Auch hier wieder: typisch deutsch. Angeblich ist in Köln alles nur schlecht, da liegt das Heil nur noch in München auf der opti, weil dort alles nur gut ist. Vergessen sind die Probleme der Infrastruktur: Parkplätze, An- und Abfahrt, stundenlange Staus auf der A 9, Garderobe, Ausstellungsbedingungen – Umstände, für die der Veranstalter nicht direkt verantwortlich ist, weil niemand mit einem so überwältigenden Erfolg in diesen wenigen Jahren rechnen durfte. Mit der zu erwartenden weiter zunehmenden Akzeptanz in den kommenden Jahren werden diese Probleme noch massiver. Und doch schwärmt eine Mehrheit bei Besuchern und Ausstellern für München.
Eins wird leider übersehen. Es wird noch ein paar Jahre dauern, bis sich die Verhältnisse um die opti bessern werden. Erst zur Fußballweltmeisterschaft werden in München die Messehallen gebaut, die eine Entlastung bringen können. Dann aber werden die gleichen Verhältnisse herrschen wie heute bei der optica: Die Kostenstrukturen werden sich angleichen und das intime Flair des MOC, das heute den Charme der opti ausmacht, werden zur Münchner Messe nicht hinüber gerettet werden können.
Die optica wird nur dann eine Überlebenschance haben, wenn sie sich von der reinen Warenbörse wegentwickelt hin zu einer überzeugenden Plattform für die Selbstdarstellung der Branche mit einer mächtig nach außen wirkenden PR. Es muss etwas passieren, was sie neben ihrer Funktion als Info- und Verkaufsveranstaltung zu einem unverzichtbaren Branchen-Event hochstilisiert.
Über dieses Branchen-Event müssen wir versuchen, die Verbraucher anzusprechen – nicht in der Form, dass sie in die Hallen eingeladen werden. Aber doch so, dass sie mehr über die Brille und die Branche erfahren. Denn allen Beteiligten der Branche geht es seit fast zehn Jahren schlecht. Und solange unsere Kunden etwas, das piept, lieber kaufen als Brillen, ist keine Besserung in Sicht.







