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Dienstag, 15. März 2005

Keine Götter neben mir!

In der Ausgabe Februar des ZVA-Reports beklagt ZVA-Geschäftsführer Joachim Goerdt die Entwicklungen auf Seiten der Anbieter:

1. Rupp + Hubrach ist von BBGR übernommen worden, einer 100-prozentigen Essilor-Tochter
2. Rodenstock gehört zu 90 Prozent einer international operierenden Investorengruppe
3. Die Übernahme von Sola durch Zeiss in Kooperation mit einer Investorengruppe
4. Werner Schulz aus Glücksburg gehört Indo.

Was gibt es dabei zu beklagen? – Nichts! Im Gegenteil, Herr Goerdt sollte froh sein, dass mit der Zeiss/Sola-Fusion ein Dritter in den globalen Gläsermarkt eingreift und dort vielleicht die Monopolstellung von Essilor und Hoya in Frage stellt.

In meinem Interview mit Zeiss-Vorstand Dr. Michael Kaschke für Manufacturers Forum, unser internationales Businessmagazin für die optische Industrie, erlaubte er interessante Einblicke in die zukünftige globale Aufstellung des neuen Konzerns.

In den genannten Fällen handelt es sich um Nachfolgeprobleme der Inhaberfamilien, um Fehlentscheidungen und um den Schlüssel, in das globale Geschehen eingreifen zu können. Wenn es einen Anlass zum Jammern gäbe, dann der, dass es in Deutschland keine nennenswerte (in Stückzahlen gemessen) Fassungsproduktion mehr gibt. Ein ungeheures Potenzial an handwerklichem und industriellem Know-how in der Fertigung hochwertiger Brillenfassungen ist für immer untergegangen.

Die oben genannten Übernahmen und Fusionen werden keine Auswirkung auf den deutschen Markt haben, genau so wenig wie die Übernahmen von Metzler und Nigura durch Moulin. Denn der Gläser- und Fassungsmarkt ist ein rein lokaler Markt mit eigenen regionalen Gesetzen. Und die sind weitgehend unbeeinflusst von globalen Rangeleien.

Natürlich haben Monopolisten in anderen Branchen versucht, einen Markt von bestimmten Produkten trockenzulegen, um dann selbst bessere Margen kassieren zu können. Wenn es denn je funktioniert haben sollte, ist dies bei Brillengläsern kaum möglich. Zu groß ist die Zahl der Anbieter von Gläsern auf dieser Welt. Brillengläser und Blanks gibt es an jeder zweiten Straßenecke zu kaufen.

Die Befürchtungen des ZVA haben andere Gründe: Mit den neuen Eigentümern schwindet der Einfluss des ZVA auf die Industrie. Absprachen wie es sie in früheren Zeiten gab, als die Branche noch eine große Familie war, werden heute nicht mehr möglich sein. Es wird sie mit den Anbietern nur noch in dem Rahmen geben, der den eigenen wirtschaftlichen Zielen und der Kundenbindung entspricht.

Darüber hinaus sind die Vorstände und Geschäftsführer allein ihren Gesellschaftern verpflichtet. Und die wiederum haben für das kleinkrämerische Gemauschel dieser Branche kein Verständnis. Sie wissen auch, dass der ZVA oder die Innungen keine Macht mehr haben, die eigenen Strategien und Ziele nachhaltig zu torpedieren.

In anderen Handwerken gibt es starke Verbundgruppen, die ihre Mitglieder vor der Übermacht der Discounter schützen und gegenüber den Herstellern und Lieferanten mit geballter Einkaufsmacht auftreten. Sie sind manchmal auch Partner, um gemeinsame Marketingaktionen zum Abverkauf bestimmter Produkte zu lancieren und so die Wettbewerbsfähigkeit des Mittelstandes zu sichern. Nur sie können Gesprächspartner der Industrie sein, wenn es um die Marktbearbeitung geht.

Joachim Goerdt befürchtet, die mittelständischen Augenoptiker seien nicht stark genug, dem möglichen wirtschaftlichen Druck der neuen Kapitalgeber zu widerstehen. So wie sich die deutsche augenoptische Landschaft heute noch darstellt, hat er mit seiner Befürchtung Recht: Nach Abzug der zehn größten Filialunternehmen strampeln sich 8.000 Einzelkämpfer für ca. 4 bis 5 Mio. Brillen ab.

Aber das ist gewollte und bewusste Strategie: Keine Götter neben mir! Konsequenterweise wurde in der Vergangenheit jeder Versuch mit Gewalt unterdrückt, eine oder mehrere einflussreiche Organisationen zu etablieren. So wurden die vor 20 Jahren aufkommenden Marketing- und Verbundgruppen mit allen Mitteln bekämpft. Natürlich stand auf dem Panier eine andere Parole: Die Augenoptiker verlören ihre unternehmerische Freiheit und Selbstständigkeit, schlössen sie sich einer solchen Gruppe an.

Wer das so gewollt hat, dass heute 50 Prozent der mittelständischen Augenoptiker nackt und schutzlos dastehen und der Willkür der Anbieter ausgesetzt sind, der darf jetzt nicht scheinheilig tun, die Hilflosigkeit der Augenoptiker beklagen und auch noch achselzuckend seine Hände in Unschuld waschen, weil man ja leider nichts daran ändern könne. Das ist Verrat an den Mitgliedern. Der ZVA muss zulassen, dass die mittelständischen Augenoptiker die Marktkräfte stärken durch Marketing, Betriebswirtschaft und professionellen Verbundgruppen.

Noch etwas ist mir aufgefallen:
Vision 20/20 – die Woche des Sehens. 20/20? Was ist das? Wie viele Augenoptiker können damit etwas anfangen? Wie kann der ZVA so etwas zulassen, wenn die Bevölkerung von einer Sehtüchtigkeit von 100 Prozent ausgeht? Ich habe nichts gegen Amerikanismen, aber wenn wir sie schon einsetzen, dann müssen sie bei uns Sinn machen oder auf ein allgemein verständliches Niveau gebracht werden. Und solange der amerikanische Titel Dr. of Optometry in Deutschland nicht zugelassen ist, nennen wir dies Visus 1,0. Ich gebe zu, ist nicht griffig, 20/20 ist nur dumm. Warum nicht 6/6? – kommt wenigstens aus Europa!

Jörg Spangemacher am 15.03.2005 um 15:13 Uhr
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