www.euro-focus.de  »  Brennpunkt
Dienstag, 10. Januar 2006

Angstsparen und 12 Euro-Cocktails

Das gerade ein paar Tage hinter uns liegende alte Jahr war immer noch nicht der Brüller. Gut, der negative Umsatzwinkel scheint nicht mehr so steil zu sein. Es hat auch vereinzelte Monate mit guten Umsätzen gegeben, die auch im Plus lagen zum Vergleichsmonat 2003. Aber das war’s auch schon.

Die alles dominierende Frage ist jetzt, ob das Konjunkturprogramm der großen Koalition auch auf diese Branche einen dringend benötigten warmen Regen regnen lässt. Es wäre zu wünschen, dass das Geld in den kommenden Wochen und Monaten nicht nur für hoch auflösende Fernseher mit Flachbildschirmen überdimensionaler Diagonalen zur Fußball-WM ausgegeben wird. Es ist auch nicht wünschenswert, dass gegen Jahresende ein neuer Run auf Brillen losgeht, um die im nächsten Jahr höhere Mehrwertsteuer zu umgehen.

Es könnte natürlich auch sein, dass alle noch mehr sparen als jetzt schon, um im Angstjahr 2007 über die Runden zu kommen. Denn Angstsparen ist heute schon in weiten Bevölkerungskreisen normal – einerseits. Die haben einfach keine Lust mehr am Einkaufen – haben Sie als Inhaber eines Einzelhandelsgeschäftes denn selbst Lust die Konsumkeule zu schwingen? Warum erwarten wir es dann von unseren Kunden? Und Shopping wie in den USA geht bei uns kaum jemand.

Wer aber Lust hat, dem fehlt das Geld. Und wer Geld hat, der spart. Und wer Angst hat, hebt in den Grenzregionen der Alpen selbst seine kleinsten Ersparnisse ab und trägt sie nach Österreich oder in den Schweiz um sie vor Hartz IV zu retten. In der Disko unterhalten sich die jungen Leute über private Rentenversicherungen und vermögenswirksame Leistungen. Nicht zu vergessen der hohe Benzinpreis für den getunten Polo draußen. Nur für denjenigen, der immer für Euro 20 tankt, bleibt der Preis scheinbar gleich.

Doch was nützt das Jammern? Die Rahmenbedingen sind für den gesamten Einzelhandel gleich, egal wer die Regierung stellt, egal wie teuer Benzin oder Heizöl sind, egal wie hoch die Mehrwertsteuer ist.

Aber ist es nicht verrückt wie sich die 25-Jährigen (früher hießen die Twens) über das Sparen unterhalten und wie man die Pauschalsteuern auf Zinserträge in Österreich und der Schweiz umgehen kann, während sie in den Szenekneipen die Cocktails für Euro 12 und mehr schlürfen? An den Handgelenken der Frauen klimpern Tiffany-Armbänder, unter Arm klemmt das Zickentäschchen von Louis Vuitton und am Hintern funkelt auf der Jeans ein A aus rosafarbenen Swarowski-Steinen. Passend zum T-Shirt von Zara steckt die Sonnenbrille im Haar.

Diese Zielgruppe rechnet nicht in Cocktailgläsern, sondern in Wodkaflaschen. Denken die wirklich ans Sparen? Nein, die reden nur drüber. Können Sie sich so jemanden im Geschäft vorstellen: „Ach nein, ich kann keine Brille kaufen, der Benzinpreis ist doch so hoch!“ Machen sich die Kunden überhaupt solche Gedanken, wenn sie kaufen?

Egal. So schlecht die Bedingungen im Einzelhandel und Handwerk – und insbesondere in der Augenoptik – auch sind, es gibt sie noch die Verbraucher, die konsumieren. Aber sie konsumieren nicht mehr wahllos, sondern sehr gezielt. Ein Trend entwickelt sich immer stärker: Man kauft nicht beim Hänschen, sondern geht zum Hans.

Das sind in der Augenoptik die Unternehmen, die trotz des rückläufigen Marktes erfolgreich sind – nicht nur Fielmann, Apollo oder die anderen starken regionalen Filialunternehmen, sondern auch eine Reihe von mittelständischen Einzelunternehmen. Ganz wichtig bei dieser Betrachtung ist, der Preis kann nicht das ausschlaggebende Argument dafür sein. Diese Unternehmen machen also irgendetwas anders als die Masse.

Diese Unternehmen zeigen Profil: bundesweit, landesweit, regional und örtlich. Sie haben ein von den Kunden eindeutig erkennbares Konzept. Sie strahlen Verlässlichkeit aus. Die Kunden wollen wissen woran sie sind und zwar immer – egal ob sie am Schaufenster vorbei bummeln, das Geschäft betreten, nur mal schauen oder sich beraten lassen wollen, oder mit der Kreditkarte bezahlen.

Wer als Kunde zu Fielmann geht, weiß dass er (angeblich) alles günstiger kaufen kann als beim Augenoptiker um die Ecke. Dafür nimmt er lange Wartezeiten bei der Beratung und beim Bezahlen in Kauf. Aber er fühlt sich sicher und bekommt es auch noch verbal bestätigt, wenn er den Laden verlässt. – Stimmt nicht? Versuchen Sie doch mal das Gegenteil zu beweisen!

WM, Angstsparen, steigende Energiekosten, teure Cocktails – das sind grundsätzliche Parameter, die für alle gelten. Deshalb ist Konjunktur heute auch nur noch eine globale Aussage. Die ausschlaggebende Konjunktur, die Firmenkonjunktur, ist hausgemacht, ist abhängig vom einzelnen Inhaber oder seiner Familie. Sie ist nicht abhängig davon, dass man seine Kunden zufrieden stellen oder den besten Service bieten will – das wollen alle.

Jörg Spangemacher am 10.01.2006 um 13:12 Uhr
(0) Comments | Permalink | Artikel empfehlen
Seite 1 von 1 Seiten
Brennpunkte-Archiv