Mittwoch, 15. März 2006
Östlich der Oder beginnt die optometrische Wüste. Das scheint gesicherte Erkenntnis, denn Augenoptikern ist in nahezu allen ehemaligen Ländern des Ostblocks untersagt, sich optometrisch zu betätigen. Refraktion und KL-Anpassung sind ausschließlich den Augenärzten erlaubt. Und Screening ist unter dortigen Augenoptikern ein unbekannter Begriff. Auf einen einfachen Nenner gebracht: Die dortigen Kolleginnen und Kollegen sind reine Dispenser.
Mit dieser festen Information im Hinterkopf sitzt man Ende Februar in Brno (dem früheren Brünn) und verfolgt den ersten Kongress der tschechischen Augenoptiker. Eine kleine Armada internationaler Spitzen-Berufspolitiker ist anwesend. Man hört vieles zum wiederholten Mal und geht so seinen eigenen Gedanken nach. Doch plötzlich schreckt man wie elektrisiert aus diesen Gedanken hoch und fragt sich, was man da plötzlich hört: Optometrie fast so wie in den USA gibt es seit 2003 auch in Russland? Hat man recht gehört? Hat man etwas nur teilweise mitbekommen und falsch verstanden? – Mitnichten!
Der Chefredakteur der russischen Fachzeitschrift VEKO, Ildar Ilyasov, berichtete in seinem Vortrag Erstaunliches: Schon 1972 wurde in Russland eine Berufsgruppe „Medical Optics“ offiziell als Dispenser (Technical Optician, mit dem Recht Brillen anzufertigen) anerkannt. 2003 wurde der Optometrist (Medical License) mit weit reichenden Befugnissen in der Ausübung seines Berufes installiert. Außer chirurgischen Eingriffen am Auge sind Augenärzte und Optometristen in Russland gleichgestellt. Beide Berufe und ihre Anforderungen an die Qualifikation sind detailliert festgelegt und beschrieben. Ein riesiger Markt tut sich auf. Bei einer Bevölkerung von ca. 145 Mio. gibt es nur etwa 5.000 Geschäfte in diesem großen Staatengebilde und 15.000 Augenärzte. Um eine etwa vergleichbare Versorgungstiefe zu erreichen wie sie in Zentraleuropa üblich ist, werden 20.000 Geschäfte mit ebenso vielen Lizenzen gebraucht. In Moskau und St. Petersburg kann diese Entwicklung schon beobachtet werden mit dem Effekt, dass es dort schon zu Mitarbeiter-Engpässen kommt.
Und hier liegt der Pferdefuß: Es fehlt an Ausbildungskapazitäten und den nötigen finanziellen Ressourcen. Das Ausbildungssystem nach dem Vertrag von Bologna erlaubt es einem Abiturienten an der einzigen Ausbildungsstätte Russlands, sich innerhalb von nur acht Jahren vom Werkstattoptiker über den Optometristen zum Augenarzt ausbilden zu lassen.
Für die Grundausbildung sind 1.600 Stunden vorgesehen – zu je einem Drittel theoretischer Unterweisung und zwei Drittel praktischer Übungen. Dazu zählen Mathematik und Physik, klinische Pathologie, physiologische Optik, optische Systeme und IT – um nur die wesentlichen Punkte zu nennen. Das Curriculum der zweiten Stufe weist wieder 1.600 Stunden auf in der gleichen Relation von Praxis zur Theorie. Nur stehen jetzt die Inhalte klinische Ophthalmologie, ophthalmologische Diagnose, komplizierte Korrektionsarten am Auge und Forschung am Auge an.
Nach weiteren 1.600 Ausbildungsstunden u.a. in Pharmatherapie am Auge, Augenkrankheiten und ihre Diagnose hat ein junger Mensch das Ziel erreicht, als Optometrist zu arbeiten. Auf diese Weise erhalten jährlich 140 Dispenser ihr Diplom und 40 Optometristen. Obwohl ein jährlicher Bedarf von 1.500 bis 3.000 Optometristen besteht, sind in den vergangenen Jahren nur 700 Optometristen zugelassen worden, sagte Ilyasov. Tausend Fragen jagen durchs Gehirn: Hat sich der Referent falsch oder ungenau ausgedrückt im Englischen? Hat man selbst das Gesagte falsch verstanden und interpretiert? Das kann doch alles gar nicht sein, hat man schließlich noch nie von gehört.
Mir liegen die Präsentation und der Vortrag im Original vor. Die oben genannten Fakten sind ihnen entnommen. Die Redaktion des FOCUS wird sich bemühen, weitere Details zu erfahren. Weiterführende Informationen dazu werden die interessierten Leser des FOCUS schon in der kommenden Ausgabe lesen können.
Erstaunt hat mich dabei eins: Alle Ausbildungspolitiker und Professoren schielen gebannt nach den USA oder England und wollen deren Ausbildungsprogramme kopieren und mit Gewalt hier in Deutschland installieren. Für unverschämt teures Geld, an dem sich die Macher eine goldene Nase verdienen, werden in den USA Inhalte gelehrt, die hier in dieser und der nächsten Generation von Augenoptikern nicht angewendet und ausgeübt werden dürfen – es sei denn, es kommt morgen zu einem Erdrutsch im deutschen Heilpraktikergesetz.
Und in Russland hat es eine Entwicklung gegeben, die niemand mitbekommen hat, und vor der alle hohen Berufspolitiker mit vor Unglauben weit aufgerissenen Augen stehen. Selbst eine ZVA-Kommission, die kürzlich für einige Tage durch Russland gereist ist, hat diese gravierende Neuerung offensichtlich nicht mitbekommen. Sind wir alle blind?
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