Sonntag, 14. Mai 2006
Ich habe Sie vermisst in Bamberg, am letzten Wochenende im April. Nicht, weil ich dort einen Vortrag gehalten habe, nein, einfach nur so. Zugegeben, ich wäre auch nicht hingefahren, wäre ich nicht eingeladen worden, diesen Vortrag zu halten, der mir überhaupt nicht in meinen Kram gepasst und mir wertvolle Zeit für die Vorbereitung geklaut hat. Trotzdem hat es Spaß gemacht – bei der Vorbereitung lernt man bekannte Zusammenhänge neu zu verstehen um sie erklären zu können – und es war gut, dass ich nach zehn Jahren (waren es mehr?) mal wieder bei einem WVAO-Jahreskongress dabei war.
Ja, ich habe sie vermisst, den ZVA-Vorstand, die Obermeister, den WVAO-Ehrenvorsitzenden, der dort ja mal richtiger Vorsitzender war, bevor er jetzt ZVA-Präsident ist. Früher war das anders, da herrschte Anwesenheits- und Zeigepflicht. Damals gab es ja auch diesen miefigen Kongressball, der alle abschreckte. Und ZVA und WVAO schworen sich gegenseitige und ewige Treue.
Dann gab es eine Zeit, in der man nur noch – und auch heute – von der WVAnull sprach. Die bauten irgendwie den Laden um, niemand verstand’s bis auf wenige, die auch gleich als Spinner erkannt wurden. Ja, es gab Gespräche mit den neuen Machern, aber wirklich schlau wurde man daraus auch nicht, welche Ziele sie verfolgten. Man grüßte höflich, wenn man sich traf, man hatte aber keinen wirklichen Gesprächsstoff außer den üblichen Floskeln beim Smalltalk.
Lustig für den Beobachter wurde es, als der anerkannte Sehberater installiert wurde und der ZVA aufgeschreckt mit der Feuerpatsche versuchte die Brandherde auszutreten – im Sinne dieses Wortes. Das durfte natürlich nicht sein und die Augenoptiker, die damit warben wurden nach altbewährter ZVA-Manier mit Prozessen überzogen, Freundschaften galten nichts mehr. Die alte Kaderlogik musste wieder klarstellen, dass eine Entwicklung die man selbst zwar verpennt hat, nur grundsätzlich falsch sein kann, weil sie eben nicht vom ZVA kommt, von ihm nicht sanktioniert ist und deshalb eliminiert gehört.
Und während der ZVA in seinen Gremien erst intern und neulich erstmals nach langen Jahren öffentlich um eine höchst komplizierte und weltfremde Richtlinie ringt, welche Spezialisierungen überhaupt erlaubt werden dürfen, wer sich mit einem Signet schmücken darf und was er unter der Knute der Obermeister von Nehrlichs Gesinnung tun muss, um es zu behalten, macht die WVAnull munter weiter – und hat Recht und Erfolg damit.
Stattdessen sind einfache, unbürokratische Lösungen gefragt, wenn sie dem einzelnen Mitglied des Berufsstandes nutzen sollen. Wer Profilierungsprobleme hat, soll sie im eigenen Betrieb lösen und nicht Kollegen drangsalieren wollen mit Bedenken über möglichen Missbrauch durch die bösen Kettenbetriebe oder andere Trittbrettfahrer. Jeder sollte willkommen sein, der eine Idee umsetzt, die der Branche insgesamt und dem Einzelnen im Besonderen hilft.
Aber sonst bekam der Beobachter nur mit, dass sich dieser elitäre Mainzer Verein irgendwie änderte, in dem früher nur staatlich schwer überprüfte Augenoptiker Mitglied werden durften. Der gemeine Optikermeister war nicht erwünscht. Was genau sich in Mainz abspielte und welchen Sinn die Veränderungen machten, das blieb unklar. Ein diffuses Sektierertum schien sich zu entwickeln mit LowVision und Funktionaloptometrie. Die Lehren von Bates sollten wiederbelebt werden?
An jenem Wochenende Ende April erlebte ich dagegen eine WVAO, die ich trotz Gesprächen so noch nie wahrgenommen und erkannt hatte. Den letzten Ausschlag für diese Erkenntnis gab der WVAO-Vorsitzende Peter Bruckmann in seinem Eröffnungsvortrag vor rund 400 Teilnehmern: Die WVAO ist eine Marketingorganisation. Die machen augenoptisches und optometrisches Marketing – vielleicht sogar ohne dass sie es wissen oder erkannt haben möchten.
Wie Peter Bruckmann die Entwicklung der Märkte aus den Siebzigern bis 2015 beschrieb und welche Angebote die WVAO für ihre Mitglieder bisher entwickelt hat, das ist glasklares und bestes Fachmarketing: Die Stärkung der Marktposition des Einzelnen in einem immer engeren Markt. Ich bin immer noch kein Freund der Funktionaloptometrie, verstehe den Sinn nicht, die Inhalte sind mir auch zu abstrus.
Wenn sich aber ein mittelständischer Augenoptiker damit, mit LowVision und Kontaktlinsen eine feste Position in einer Marktnische erobern und dann davon leben kann – was wollen wir eigentlich noch? Ist Bedarf dafür am Markt und wird dieser Service nachgefragt, werden diese Kollegen eine sicherere Existenz haben als die Masse der übrigen. Und sie werden mit Sicherheit nicht zu denen gehören, die Progressivgläser und anderes wie wild discounten und so auf Dauer den Markt zerstören.
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