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Mittwoch, 14. Juni 2006

Konjunktur

Die deutsche Wirtschaft soll in diesem Jahr stärker wachsen als während der vergangenen fünf Jahre. Das ist grundsätzlich erfreulich. Und entsprechend euphorisch war auch die Stimmung auf der opti Anfang Januar, als noch jeder glaubte, die neue Regierung würde es richtig reißen.
Inzwischen wissen wir, die Große Koalition mit ihrer erdrückenden parlamentarischen Mehrheit ist ganz offensichtlich nicht dazu in der Lage die brennenden und dringendsten Reformprojekte anzupacken. Statt Kooperation ist Distanzierung und Abblocken der jeweils anderen politischen Denke angesagt. Nur wenn es darum geht, das Wahlvolk zu schröpfen, statt eisern zu sparen und Ausgaben zu streichen, sind sich alle schnellstens einig. Denn es war schon immer leichter Geld auszugeben, das andere mühsam in ihrem Schweiße erarbeitet haben.

Zurzeit tun alle Verantwortlichen alles, um bloß keine Euphorie aufkommen zu lassen und die Binnenkonjunktur zu beschleunigen. Die EZB erhöht in kleinen Schritten die Zinsen, um den Geldwert zu stabilisieren. Und über allem hängt das Damoklesschwert der unseligen Erhöhung der Mehrwertsteuer zum Januar kommenden Jahres. Es hilft dabei nicht viel, wenn im Laufe der kommenden Wochen diese Erhöhung schon vorweg genommen wird in den neuen VK-Preislisten. Der Schock wird uns alle am 1. Januar treffen.
Dazu kommt die ewige Neiddiskussion, dass Selbständige, Reiche, Ärzte und Beamte zusätzlich zur Ader gelassen werden sollen durch das Aufsatteln von Steuern und Verstaatlichung sowie Sozialisierung der privaten Kranken- und Rentenversicherung. Das ist natürlich einfacher, als entschieden gegen die laut einer Analyse des Bundeskriminalamtes allgemeine Korruption und organisierte Kriminalität bei den Sozialversicherungen vorzugehen. Da verdienen zu viele zuviel Geld, nur weil sie für horrende Honorare auf bestimmten Posten sitzen und klammern.

Trotzdem ist die Stimmung der Verbraucher besser geworden, die Nachfrage nach Konsumgütern hat angezogen, die Daten für das Wirtschaftswachstum werden nach oben korrigiert. Und jetzt sinken aktuell auch noch die Arbeitslosenzahlen. Es ist zu hoffen, dass diese Tendenz zunächst erhalten bleibt und sich im Laufe des Jahres noch verstärkt.
An der Augenoptik geht diese grundsätzlich positive Entwicklung fast spurlos vorbei, sieht man einmal von Fielmann ab. Die Umsätze und der Abverkauf schwanken und schlingern wie ein Schiff auf stürmischer See: Tagelange Flaute, und plötzlich ein Tag, an dem sich alle Kunden verabredet haben und den Laden stürmen als gäbe es kein Morgen.
Nun gibt es mittelständische Augenoptiker, die haben immer gut zu tun. Oft genug sind es solche, auf die die „guten“ Augenoptiker mit Fingern zeigen, weil das aus überholter Sicht Nestbeschmutzer sind und weil sie sich nicht an den ungeschriebenen Codex eines „anständigen“ Augenoptikers halten. Die werben offensiv, angeblich zu Dumpingpreisen. Da gibt es sogar einen, der verkauft Brillen von der Stange in Blisterverpackungen ohne Beratung und nur mit Silikatgläsern zum vermeintlichen Schleuderpreis, und der nennt seinen Laden auch noch Brillen Outlet. Ja, hat die Welt denn so etwas schon gesehen?
Was ist daran schlimm? Wenn damit ein bestimmtes Kundenpotenzial angesprochen wird, sich angesprochen fühlt und womöglich auch noch kauft, dann macht es dieser Augenoptiker doch richtig! Oder nicht? Damit zieht er Stückzahlen aus dem Markt, die zugegebener maßen anderen Augenoptikern am Ort fehlen. Wer sich nur ein bisschen in der Branche auskennt, könnte trotzdem mit ausreichenden Margen kalkulieren, wollte jemand mitziehen.

Das ist das Erfolgsrezept der großen Kettenbetriebe: Stückzahlen machen – nicht unbedingt billiger als bei den übrigen Augenoptikern sein, aber kostengünstiger erscheinen. Das Problem dabei ist heute nur, dass diese Strategie erfolgreich besetzt ist. Fielmann hat sich mit seiner jahrzehntelangen Werbegewalt einen Namen gemacht, den Verbraucher nicht mehr differenzieren.
Das heißt, wer heute eine solche Strategie starten wollte, müsste sich sehr genau überlegen, wie er es anstellt. Denn es müssen wirklich Stückzahlen gemacht werden, auch wenn die Margen der einzelnen Brille gut und ausreichend sein können. Da Verbraucher nur in den seltensten Fällen auf Details achten, könnte es sonst passieren, dass sie das als neue Fielmannwerbung erkennen – was fatal wäre. Es gehört also ein Konzept dazu und Ausdauer für intensive Werbung, ausgedrückt in Euro.
Jeder sollte froh sein, wenn er eine solche Strategie nicht fahren muss, sondern seine Stückzahlen auf traditionelle Weise regelmäßig und mit steigender Tendenz erreicht. Das ist aber nur scheinbar einfacher und sicherer.
Da die Stückzahlen insgesamt sinken, wird auf Dauer nur der überleben, der in seinem Einzugsgebiet die meisten Stückzahlen neuer Brillen in seinem Geschäft verkauft – zu Lasten der Mitbewerber. Nur so haben Sie eine Chance sich in der allgemein fragilen deutschen Binnenkonjunktur zu behaupten.

Jörg Spangemacher am 14.06.2006 um 07:00 Uhr
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