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Nur noch zweiter Sieger

15. Oktober 2006

Seit Mai gehen Gerüchte um, Krane mit 87 Filialen und ca. EUR 40 Mio. Umsatz sei von Apollo/Pearle Europe/Hal Holding übernommen worden. Am 30. August brachte EuroFOCUS-NetNews eine Meldung unter Bezug auf das Handelsblatt, der Verkauf sei perfekt. Eine offizielle Stellungnahme war nicht zu bekommen.
Am 6. September veröffentlichte die FAZ ein Interview mit Alfons Frenk, dem Chef der Edeka Zentrale, in dem er bestätigte Krane verkauft zu haben mit der Begründung: „Man soll nur etwas betreiben, wovon man Ahnung hat. Wir können keine Brillen produzieren, aber Lebensmittel verkaufen.“ Dieses Interview konnte ebenfalls in EuroFOCUS-NetNews in Auszügen nachgelesen werden.

Dass Apollo tatsächlich der Käufer ist, veröffentliche der amerikanische News-Service V-Mail am 11. September. Damit verfügt Apollo in Deutschland über 575 Niederlassungen – und die mittelständischen Augenoptiker jubeln heimlich: Endlich ist die Vormachtstellung Fielmanns gebrochen. Ob das wirklich so ist, mag dahin gestellt bleiben. Aber was heißt das schon für den Einzelkämpfer mit einem durchschnittlichen Umsatz von gerade mal EUR 250.000? Was berührt es ihn, ob der eine oder der andere ein paar Geschäfte mehr oder weniger betreibt?
Die entscheidenden Fragen sind ganz andere. Günter Fielmann behauptet regelmäßig und unwidersprochen, 50% aller in Deutschland verkauften Brillen stammten von ihm. Macht Apollo so viel weniger Brillen? Wie viele Brillen von den jährlich angeblich 11 Mio. Stück bleiben den übrigen 8.000 mittelständischen Augenoptikern dann noch? Können die jährlich veröffentlichten Zahlen des ZVA über den Abverkauf von Brillen überhaupt stimmen? Warum werden sie manipuliert? Wer hat ein Interesse daran?

Wie auch immer. Es darf niemanden verwundern, dass sich Markenhersteller unter diesen Umständen gezwungen sehen, mit Filialunternehmen Lieferverträge abzuschließen, wie es jetzt auch Rodenstock gerade getan hat, weil mittelständische Augenoptiker für Industrieunternehmen nicht mehr ausreichende Aufträge vergeben. Hinzu kommt, dass mittelständische Augenoptiker immer öfter „fremd“ gehen, sich bei Billigimporteuren eindecken und nur noch Spezialgläser bei den Markenherstellern kaufen.
Mit diesem Verkauf an Apollo bekommt die Diskussion des ZVA um eine Augenoptiker-Kammer eine neue Bedeutung. Denn diese Kammer – so sie denn tatsächlich Wirklichkeit werden sollte – bedeutet die Zwangsmitgliedschaft aller Betriebe. So hat der ZVA-Vorstand während seiner Tagung am 8. September beschlossen, dieses Projekt mit äußerster Priorität voranzutreiben.
Der Hintergrund: Der Mitgliederschwund der Innungen, besonders in den neuen Bundesländern, nimmt inzwischen dramatische Größenordnungen an. Und es kommt noch schlimmer: Apollo ist aus Tradition kein Innungsmitglied. Denn in den 80ern waren sich Innungen und ZVA zu fein, diesen Außenseiter aufzunehmen, der damals noch unter Foto-Quelle segelte.

Setzt Apollo diese Unternehmenspolitik auch für die knapp 90 Krane-Filialen um, kommen die Landesinnungsverbände Brandenburg und Westfalen/Lippe in große wirtschaftliche Bedrängnis. In Brandenburg und Westfalen/Lippe werden jeweils deutlich mehr als 20 Betriebe mit einem Durchschnittsumsatz von EUR 450.000 ihre Innungsmitgliedschaft kündigen. Das gibt drastische Haushalts- und Finanzierungslücken: 30% der Etats und mehr werden fehlen. Es wird etwas abgeschwächt ebenfalls Sachsen, Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen und Hessen treffen.
Damit rächt sich das kleinkarierte Taktieren der Verbände, deren Akteure auch heute noch zwischen Freunden und Feinden, Guten und Bösen, Gelittenen und Auszustoßenden lavieren, statt den Augenoptikern zu erklären, wie wichtig Innungen sind und was sie für ihre Mitglieder tun.

Es gibt aber noch eine weitere Facette, die sich lohnt zu betrachten. Fielmann droht aus europäischer Sicht langsam tatsächlich ins Abseits zu geraten. Die Expansion in Österreich und der Schweiz ist schwieriger als gedacht und Holland erweist sich als uneinnehmbar. Dort wurden ihm erstmals seine Grenzen gezeigt, als er die Preisschlacht gegen Specsavers nicht gewinnen konnte. Während Hal, Grand Optical, Optique 2000 und andere Kapitalunternehmen europaweit expandieren und kontinuierlich lokale Ketten aufkaufen, hört man auf den Pressekonferenzen in Hamburg immer nur Ankündigungen, aber keinen Vollzug.
Eine unternehmerisch und kaufmännisch grundsätzlich richtige Entscheidung von Fielmann, nicht um jeden Preis und zu jedem überhöhten Preis expandieren zu wollen, könnte sich bald als strategischer Fehler entpuppen. Dann sind alle strategisch wichtigen Märkte in Europa von finanzkräftigeren Kapitalgesellschaften besetzt. Aktiensplitting ist zwar nett, hilft aber im Überlebenskampf der Großen Vermarkter gar nichts.

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