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Eine Wette auf die Zukunft

15. Dezember 2006

Wetten sollte man nur, wenn man ganz sicher ist, dass man diese Wette auch gewinnt. Jedenfalls mache ich das so. Alles andere ist sträflicher Leichtsinn, ist Lotterie. Was der ZVA mit der Neuordnung des Berufes vorhat, ist eine Wette, deren Wahrscheinlichkeit sie zu verlieren weit, weit größer ist denn sie je zu gewinnen.
Denn wenn das Projekt des regulierten Berufes erst mal auf die Bahn gebracht ist und sich die Politik tatsächlich damit beschäftigen sollte, ist der ZVA nur noch Zaungast. Es ist höchst fraglich, ob er dabei wenigstens noch moderieren und so versuchen dürfte, die auftretenden Fliehkräfte wenigstens halbwegs in Richtung seiner Interessen lenken zu können. Wie eine Meute hungriger Wölfe werden die Interessengruppen an dem Balg zerren und ihn zerfleischen.

Sicher, Prof. Kluth hat schon im März, und jetzt wieder im Oktober, die juristischen Aspekte ausgeleuchtet unter denen die gewünschte Idee des „reglementierten Gesundheitsberufes“ realisiert werden könnte. Wer aber Juristen kennt – und ich stamme aus so einer Familie – der weiß, dass sich ein Jurist alles vorstellen kann. Wenn es aber um die Frage geht: „Ist es denn machbar, und wie?“, dann ziehen sich diese Menschen schnell ins Wage zurück, beschwören die hohe See und Gottes Hand. Festklopfen lässt sich keiner – so war es auch jetzt wieder bei der Obermeistertagung in Berlin.
Thomas Nosch hat sein Präsidentenamt angetreten mit dem Versprechen für mehr Offenheit. Sicher, das ist lange her und längst vergessen – und versprechen kann man sich schließlich auch mal. Und dort war sie wieder zu beobachten: die Unfähigkeit von ZVA-Geschäftsführung und -Vorstand, zu den eigenen Vorstellungen gegenläufige Meinungen zu diskutieren. Denn die Landesinnungsverbände Nordrhein und Bayern verteilten vorab je eine eigene Stellungnahme (beide Papiere liegen der FOCUS-Redaktion vor, FOCUS 12/06, S. 14) zu den Chancen und Risiken der neuen Rahmenbedingungen des Berufes. Das Fazit beider Papiere ist vernichtend: Beide Verbände geben dem Projekt nicht die geringste Chance.

In Münster, während des Westfalentages wurde verlautbart, diese Papiere seien vom Tisch. Wahr ist aber, dass die internen Diskussionen gegen dieses Vorhaben immer heftiger werden. Erste Tendenzen zur Aufweichung der starren Linie sind schon erkennbar, um den Druck aus dem Kessel zu nehmen.
Die öffentliche und kontroverse Diskussion ist wohl deshalb nicht erlaubt, weil den Protagonisten im ZVA-Vorstand die Argumente schneller wegschmelzen als Schnee in der Sonne. Denn in der Tat, keines der Argumente ist stichhaltig, nicht einmal einer oberflächlichen Bewertung halten sie stand. Das haben die beiden Landesverbände Argument für Argument wunderschön erledigt und zerpflückt.
Und sie ist wohl auch deshalb nicht erlaubt, weil der gemeine deutsche Augenoptiker keine Ahnung von den Zusammenhängen hat? Wenn das wirklich die Meinung des ZVA-Präsidiums ist, dann haben die Mitglieder des gesamten Vorstands die Pflicht, alle Innungsmitglieder umfassend, lückenlos und in aller nötigen Tiefe zu informieren und auszudiskutieren.

Aber wie ein trotziger kleiner Hosenscheißer will das ZVA-Präsidium sein Räppelken nicht aus der Hand geben, als könnte es die politische Grundeinstellung umkehren. Denn Abschotten, Zugangslenkung oder Kartellbildung sind in Zeiten der politischen Korrektness chancenlos.
Mehr und noch mehr Wettbewerb, Deregulierung, Öffnung, runter mit den Preisen, Öffnen der Märkte – das sind die Vokabeln, die die Politik wie ein Mantra runternudelt. Geschützte regulierte Berufe sind ein Ausläufermodell: Die Rechtsanwälte dürfen werben; Rechtsberatung soll in Zukunft auch Laien erlaubt sein, Gebührenordnungen werden abgeschafft zu Gunsten frei aushandelbarer Abrechnungen bei Architekten und Anwälten. Zwangsmitgliedschaften in Kammern stehen auf dem Prüfstand. Gegen diesen Mainstream will der ZVA anschwimmen und nicht untergehen?

Dabei ist der Ansatz des ZVA für einen Wandel im Grundsatz richtig. Nur, man sollte nicht mehr Regulierung suchen, sondern die völlige Freigabe. Holland und Großbritannien machen es erfolgreich vor. Dort darf jedermann in seiner Currybude auch Brillen verkaufen und anpassen – jeder! Er darf nur nicht ein Schild anbringen, aus dem ein Passant ableiten könnte, er sei Augenoptiker. Das darf nur jemand, der eine entsprechende Prüfung abgelegt und bestanden hat.
Und was ist passiert seit der totalen Freigabe in Holland? – Nichts. Pearle und die anderen Filialunternehmen sind nicht schneller gewachsen als vorher auch, denn sie brauchen Augenoptiker in ihren Filialen. Die Absolventen der Schule in Utrecht sind stolz, dass es dieses System heute gibt und verdienen gutes Geld, wenn sie sich niederlassen und die Regeln des Marktes akzeptieren und beherrschen.

Fragen Sie doch einmal bei der Tochter des früheren ZVA-Präsidenten Müller nach. Die ist Dozentin an dieser Schule und könnte sicher sehr detailliert die holländische Situation beschreiben.
Auch wenn wir die Pickelhaube auf der Straße nicht mehr sehen, die Mentalität der alles überwachenden, organisierenden und kontrollierenden Organisationen aber haben alle Verbände noch in ihren Köpfen. Über Deregulierung wird nur akademisch Gefachsimpelt – und sonst nichts.

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