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Freitag, 16. November 2007

Luxus

Als die Innungen noch glaubten ihre Mitglieder drangsalieren zu dürfen und die früher überlebenswichtige Kassenzulassung zu verweigern, wenn die Läden nicht auf den Punkt genau bestimmten Vorgaben entsprachen (deren Sinn nie objektiv hinterfragt worden ist), war eins der wichtigsten Kriterien neben dem fünffüßigen Schemel die komplette und funktionsfähige Werkstatt. Nach Kosten und anderen betriebswirtschaftlich sinnvollen Überlegungen wurde nicht gefragt. Ganz einfach: Wer für eine funktionsfähige Werkstatt kein Geld hatte, konnte den Markt nicht stören.
Auch wenn man es letztlich nicht hätte verhindern können, wurde ein so hoher moralischer Druck aufgebaut, dass sich Augenoptiker nur in aller größter Not an die wenigen (und nach offiziellem Duktus illegalen) Unternehmen wandten, die einen Einschleifservice anboten. Die Brillenaufträge wurden dann in größter Heimlichkeit hin und her gebracht, damit nur ja niemand der Kollegen den Frevel entdeckte. Um das Tauschen schwedischer Schweinkram-Heftchen wurde damals nicht so viel Heimlichtuerei gemacht.
Und wer die Firmen der deutschen optischen Industrie besuchte, kam bei der obligaten Führung immer wieder an Türen vorbei, die nicht geöffnet wurden. „Das ist ein Betriebsraum“ oder „Da werden nur Putzmittel aufbewahrt“ oder „Dort laufen Tests, die wir noch nicht zeigen wollen“. Und jeder wusste: Hinter diesen Türen wurden verbotenerweise Brillen für Kollegen eingeschliffen.
Das ist noch gar nicht so lange her, auch wenn die Fronten im Laufe der Zeit aufgeweicht wurden und die Technik der Formscanner, der zugehörigen Schnittstellen und der Datenübertragung immer leistungsfähiger wurden. Und der Problematik der Bohrbrillen mit hochbrechenden Gläsern wollten immer mehr Augenoptiker ausweichen und das Bruchrisiko auf die Hersteller verlagern.
Längst gibt es vereinzelt Systeme, mit denen die Kunden der Glashersteller einen Satz Fassungen bekommen. Wenn diese einem ihrer Kunden eine solche Brille verkauft haben, brauchen sie nur die Fassungsnummer, Größe und Farbe an ihren Lieferanten übermitteln sowie die Werte für die Korrektion und Zentrierung. In wenigen Tagen bekommen sie dann die komplett gefertigte Brille geliefert.
Das macht auf allen Stufen Sinn. Denn längst gibt es technologisch hoch entwickelte Verfahren Brillengläser herzustellen, die auf die individuellen Bedürfnisse des Endkunden zugeschnitten sind. Das haben die Vorträge während der jüngsten MAFO-Konferenz in Paris erneut unterstrichen. Wenn dem Generator zusätzlich zu den sphäro-cylindrischen Werten mit Achslage zur Berechnung auch noch die Maße einer Fassung und die Zentrierwerte eingegeben werden, kann ein in jeder Beziehung optimiertes – auch mittendicken optimiertes – Brillenglas hergestellt werden. Und schließlich kann es in einem Arbeitsgang auch gleich gerandet werden.
Noch etwas gibt es zu bedenken: Seit Jahren klagen die Prüfungskommissionen –trotz überbetrieblicher Ausbildung – über die erschreckend ungenügenden handwerklichen Fähigkeiten junger Gesellen. Wie sollen sie auch handwerklich ausgebildet werden, wenn in über der Hälfte der Betriebe gerade mal ein bis zwei Brillen am Tag gebaut werden können. Da ist die industrielle Fertigung in einer Zentralwerkstatt die kundenfreundlichere und volkswirtschaftlich bessere Lösung. Die präzisere ist es allemal: Denn die brauchen exakte Zentrier- und Anpassdaten. „Die Nahteilhöhe für Frau Meier wie üblich“, so etwas gibt es dann nicht mehr.
Nun hat sich der ZVA geoutet, das Handwerk unter sich zu lassen im Bemühen um eine höhere, doch brotlose Reputation. Passt da noch eine Werkstatt hin mit heulenden Maschinen, die zuweilen auch noch olfaktorisch sehr belästigen können, wenn bestimmte Gläser gerandet werden? Zu dem später wieder in Mode kommenden über die Schulter geknöpften OP-Kittel passen dieser Krach und Gestank einfach nicht, so scheint man überzeugt zu sein.
Nimmt es da Wunder, wenn der ZVA eine Mitarbeiterin beauftragt, den Posten Werkstatt einmal durchzurechnen? Und siehe da: Petra Seinsche hat herausgefunden, eine eigene Werkstatt ist der reine Luxus und bindet Liquidität. Zwischen knapp EUR 24 und EUR 95 kostet es den mittelständischen Augenoptiker ein Paar Gläser einzuschleifen; bei einer Vier-Loch-Brille kommen noch einmal EUR 44 dazu – bei vollem eigenem Bruchrisiko.
Jetzt, wenn es in die eigene Strategie passt, kommen die Berufspolitiker darauf, diesen Baustein für die eigene Propaganda gegen die Handwerkszugehörigkeit zu nutzen. Dabei war es schon vor 30 Jahren betriebswirtschaftlicher Widersinn aus Gründen der Marktabschottung solche Investitionen zwingend vorzuschreiben. Es wäre höchst interessant zu erfahren, was es sich das alte Unternehmen WECO (nicht die Buchmann-Tochter) über vier Dekaden hat regelmäßig kosten lassen, damit sich an dieser Forderung nichts ändert.
Wer rechnen kann, bedarf der Fleißarbeit von Petra Seinsche nicht: Die Investition in eine Maschine von EUR 30.000 rechnet sich nur, wenn diese Maschine pro Schicht voll ausgelastet ist. Bei durchschnittlich einer oder zwei Brillen, die 51% aller mittelständischer Augenoptiker am Tag verkaufen, läuft ein Randschleifautomat höchsten 30 Minuten. Das war früher Unsinn, das ist heute Unsinn.

Jörg Spangemacher am 16.11.2007 um 12:14 Uhr
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