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Freitag, 15. Februar 2008

Geht doch!

Tja, das war sie, die neue opti: geruhsam – aber nicht schläfrig; ohne Höhepunkte – aber nicht langweilig; kein Massenansturm – aber nicht leer; zufriedene Mienen – aber keine Euphorie. So habe ich die opti durch den Bildschirm meiner Kamera gesehen, mit der ich erstmals experimentell täglich live in vier bis fünf Filmen von der opti in den FOCUS NetNews berichtet hatte.
Ob die GHM und die Menschen dahinter gewusst haben, in welche Schlangengrube sie sich gewagt hatten, als sie vor einem guten Jahr die opti gekauft hatten? Ich kann es mir nicht vorstellen, aber einzig wichtig ist, was sie draus gemacht haben. Und davor kann man nur den Hut ziehen.
Das knappe Jahr wurde genutzt, um die Strömungen und Kraftlinien innerhalb der Branche kennen zu lernen und bewerten zu können. Der Bedarf wurde eruiert und aus all diesen Gesprächen ein Konzept erarbeitet, das dieser deutschsprachigen Leitmesse ein völlig neues und sicheres Auftreten erlaubte. Es ist den Veranstaltern nur zu wünschen, dass sich die opti schnellstens oder doch mittelfristig endlich das gern gezeichnete Bild der Leidmesse überwindet.
Diese Entwicklung zeigte sich ganz pragmatisch schon in der Aufbauphase. Man staunte nur wie aufgeräumt, höflich und hilfsbereit die Mitarbeiter der Security waren. Man erschrak fast, weil die Erfahrungen der Jahre zuvor völlig anders in Erinnerung geblieben waren. War das etwa der Grund dafür, dass es in diesem Januar nur das übliche aber geordnete Durcheinader gab, während trotz der Regie gebellter Ordnungsrufe und hektischer Abschlepporgien vergangener Jahre ständig ein entsetzliches Chaos ineinander verkeilter LKWs und Lieferwagen zu beobachten war.
Die technische Organisation war einwandfrei und entspannt. Das Forum wurde gut frequentiert – und im Kindergarten gab es zeitweise mehr Kindergärtnerinnen als Gäste. Aber das wird sich in den kommenden Jahren vielleicht ändern, wenn sich dieses Angebot erst richtig rumgesprochen hat.
Exakt 17.880 Besucher zählten die Veranstalter. Diese Angabe beruht auf den Richtlinien der FKM zur neutralen Zählung der Besucherzahlen. Die etwa 30.000 gemeldeten Besucher der vergangenen Jahre beruhten offensichtlich doch auf der etwas großzügigen Zählweise des damaligen Veranstalters und wurde als Täuschungsversuch disqualifiziert. Unter diesem Aspekt stellt sich die Frage eigentlich nicht mehr, warum jemand eine neutrale Prüfung von Besucher- und Auflagenzahlen verweigert. Da könnten dem Beobachter auch Parallelen zu ungeprüften Auflagenmeldungen von Fachzeitschriften auffallen. Die hochgejubelten Besucherzahlen jedenfalls hat niemand geglaubt.
Und sonst? Sieht man vom angekündigten möglichen (inzwischen erhaltenen) Innovationspreis für Carl Zeiss Vision einmal ab, gab es keine Innovationen, keine sonstigen Höhepunkte – oder habe ich etwas übersehen? So als müsse Müsse man zwar dabei sein und sich zeigen, aber bloß nicht unnötig Pulver verschießen. Aus diesem Blickwinkel betrachtet war es die unspannendste Messe seit langem.
Es ist in den vergangenen zwölf Monaten so unendlich viel über die neue opti, ihren Sinn oder Unsinn diskutiert worden. Ständig wurde ihr Sinn in Frage gestellt. Im Schatten dieser Diskussionen erlebten die Regionalmessen eine Art Reinkarnation, und gleichzeitig vollzog sich eine Zersplitterung des Messe- und Ausstellungswesens in Deutschland.
Unter dem Mäntelchen des Services und der Dienstleistung für den angeblich so geschätzten Augenoptiker wittert so mancher schnelles Geld, das er von den potenziellen Ausstellern erwartet. Deshalb wird so mancher, der die Dollarzeichen in den Augen hat, eine böse Überraschung erleben, wenn er verbindliche Verträge über Hallenmieten plötzlich bedienen muss, obwohl niemand ausstellen will und/oder kaum ein Besucher dieses Angebot annehmen mag.
Dagegen wird sich die Extratour der eigenen Halle mit ewiger Party in der Nachbarschaft wohl überlebt haben. Da sind zwei Vorstellungen von zwei Menschen aufeinander geprallt, die nicht zusammen passten. Drei Tage Party fast nonstop hält kaum ein Mitarbeiter des Unternehmens aus, und ob Augenoptiker wirklich so lange durchhalten, dass sich der Aufwand gelohnt hat, weiß nur der Veranstalter. Trotzdem war’s richtig, beide Kontrahenten haben gelernt. Und im nächsten Jahr wird es ganz sicher einen Kompromiss geben, der Messestand und Party in einer der Messehallen machbar werden lässt.
Bleibt ein Wunsch: Die Veranstalter mögen alles dafür tun, dass diese Messe befreit bleibt von den widerstrebenden Interessen der Verbände und Aussteller. Sie sollen gehört werden, natürlich. Aber wenn sie ihre Klauen reinschlagen, wird sie aller Voraussicht nach wie die alte optica wie ein Bankert hin und hergerissen und letztlich zerfetzt.
Diese opti sollte im deutschsprachigen Raum endlich eine feste Größe werden mit einer Ausstrahlung Richtung Osten. So kann sie ihre schlummernde Stärke ausspielen – zum Vorteil der ehemals stolzen deutschen optischen Industrie.

Jörg Spangemacher am 15.02.2008 um 16:18 Uhr
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