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Montag, 15. September 2008

Zwickmühle

Wie immer, früher war alles besser. Man war unter seinesgleichen, man mauschelte untereinander, sprach die VKPreise ab und mobbte Kollegen, die sich daran nicht hielten. Das änderte sich schnell, als Ende der 70er Jahre die heutige Apollo (damals Quelle Optik) und Fielmann erstmals zu einer offensiven Marktdurchdringung ansetzten. Panik breitete sich unter den mittelständischen Augenoptikern aus. Man fühlte sich eingekesselt und umzingelt von den Großen, deren einziges Ziel angeblich war, den Mittelstand auszurotten. Man fühlte sich plötzlich beobachtet, denn die waren auch noch Innungsmitglieder.
Das große Problem in dieser Zeit war, die Großen hörten mit. Es waren auf Innungsebene plötzlich keine Preis- und andere Absprachen mehr möglich, ohne dass die das mitbekommen. Man suchte nach einem stillen Ort, an dem man ohne Feindbeobachtung weitermachen konnte wie bisher. Das war die Geburtsstunde der so genannten Leistungsgemeinschaft, die ihre Mitglieder aussuchen durfte. Und so waren Quelle Optik und Fielmann vom wirklichen Informationsfluss abgeschnitten.
In der Folge tat man alles, um Quelle Optik auch noch aus den Innungen zu graulen – man hatte es irgendwann auch tatsächlich geschafft. Bei Fielmann dagegen hat man sich nie so recht getraut, schließlich kam man nicht umhin zu akzeptieren, dass er trotz allem den richtigen Stallgeruch hatte.
Inzwischen sind fast 30 Jahre vergangen, und das Blatt hat sich gedreht. Die beiden Großen dominieren den Markt mit zusammen mehr als 1.000 Niederlassungen. Das entspricht nur etwa 10% aller Verkaufsstellen. Dennoch behauptet Fielmann unwidersprochen, 50% aller in Deutschland jährlich gekauften Brillen stammten aus einer seiner Filialen. Alle Großvertriebsformen zusammen liefern danach etwa Zweidrittel aller Brillen – das wurde an dieser Stelle schon des öfteren diskutiert.
Längst hat das Imperium Fielmann seine eigene Kaderschmiede in Plön. An dieser Fachhochschule lässt er seine Mitarbeiter auf die Belange seiner Unternehmensziele studieren. Auf die Studieninhalte hat der ZVA nur noch begrenzten Einfluss.
Spätestens seit ein paar Jahren tut sich unübersehbar ein Problem auf, das immer dringender nach einer Lösung ruft: Vertreten der ZVA und die Innungen überhaupt noch die Mehrheit der Branche? Wenn die Innungen bundesweit nur noch einen Organisationsgrad von vielleicht 65% haben, mit weiterhin stetig abnehmenden Zahlen, welches (politische) Gewicht hat diese Stimme überhaupt noch? Wenn über 60% des Marktvolumens und mehr als die Hälfte des Umsatzes von nur 15% aller Verkaufsstellen im augenoptischen Einzelhandel von Großvertriebsformen besetzt sind – ist man sicher, dass der ZVA auch in deren Namen spricht? Wenn über 50% aller handwerklich eingetragenen Betriebe nur einen jährlichen Umsatz von unter EUR 250.000 erwirtschaften – vertritt der ZVA nur die Krauter und deren Sicht der Dinge? Fühlen sich die Großbetriebe unter diesen Gesichtspunkten überhaupt noch vom ZVA und seinen Gliederungen vertreten? Und wenn ja, wie lange noch? Wie lange kann der ZVA diesen Spagat in seiner Berufspolitik noch halten, bevor die Großvertriebsfirmen über alles Konkurrenzdenken hinweg ihre wirtschaftliche Macht und ihre anderen Interessen erkennen und einen eigenen Verband gründen wie das in anderen Ländern völlig normal ist?
Diese Fragen müssen beantwortet werden, bevor man sich intensive Gedanken macht, den Beruf neu- bzw. höher positionieren zu wollen. Bringt die hochtrabende Optometrie den Großvertriebsformen irgendwelche Vorteile? Sind sie bei dieser Diskussion überhaupt mit im Boot? Wie setzen die ihren politischen Einfluss in dieser Frage ein – und zu wessen Nutzen?
In dem Interview mit den Verantwortlichen des fusionierten Landesverbandes NRW (Seite 12ff) wird dieses Thema im FOCUS erstmals öffentlich angeschnitten. Demnach arbeitet der ZVA an einer Lösung, einen Vertreter der zehn größten Filialunternehmen im Vorstand des ZVA – zumindest mit Sitz (aber ohne Stimme?) – zu platzieren. In welcher Form dieser Sitz ausgestaltet werden könnte, an einer solchen Konstruktion sollte noch gearbeitet werden.
Wie aus einer zuverlässigen Quelle zu erfahren ist, neigt man diese Überlegungen Ende August zu begraben. Der nicht vorhandene Sitz am Vorstandstisch bleibt leer. Die Angst, dass dann noch mehr Betriebe aus den Innungen austreten, war noch größer. Damit rächt sich, dass Fielmann und Apollo regelmäßig als Angstgegner angeprangert wurden. Angeblich sind die Chefs der Großen und deren Mitarbeiter die Taugenichtse der Branche – und mit diesen Schmuddelkindern setzt man sich nicht an Vorstandstisch des ZVA.

Jörg Spangemacher am 15.09.2008 um 15:12 Uhr
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