Sonntag, 15. Februar 2009
Sollte man überhaupt zur opti fahren, und sich in das Tal des Jammerns begeben? Das Wehklagen von Augenoptikern, Industrie und sonstigen Anbietern ertragen wegen der Weltwirtschaftskrise und ihre desaströsen Auswirkungen auf die Branche? Muss man sich das antun? – Als Journalist hat man wenig Chancen sich vor so einem Termin zu drücken.
Und dann! Am Freitagabend: Die Gänge waren voll, die Stände gut besucht, die Mienen der Aussteller und Besucher zufrieden. Die Stimmung in den Hallen war durchweg positiv. Das dürftige Ergebnis des vierten Quartals des vergangenen Jahres wurde nicht mitgeschleppt, man blickte nach vorn. Die Weltwirtschaftskrise fand woanders statt. Es ist uns allen zu wünschen, dass sie nicht nur für dieses Wochenende ausgeblendet war.
Ein ganz wichtiges Detail mag die gesunde Stimmung auf der opti beschreiben: Ich habe auf der opti niemanden getroffen, der ernsthaft gemeckert hat. Denn egal wie erfolgreich die Fachmessen in Köln oder München waren in der Vergangenheit, gemeckert wurde über Alles und Jedes. Nicht einmal das Wetter wurde thematisiert, und dieses Mal hätte es sich wirklich gelohnt darüber zu raisonieren wegen des Sturms und der Wassermassen auf den Autobahnen am Freitag.
In einem Satz zusammengefasst: Ich kann mich nicht erinnern, eine so harmonische und eine für alle Beteiligten offensichtlich erfolgreiche Messe der augenoptischen Branche in Deutschland erlebt zu haben.
Selbst das Verbot der VK-Listen war nicht wirklich ein Thema in den Gesprächen in München. Es wurde zwar hier und dort angesprochen, besonders von den Softwareentwicklern, aber die preislistenlose Zeit dominierte nicht das Geschehen. Während sich die meisten noch sinnierend gaben, wie das Thema im Sinne der Augenoptiker angegangen werden sollte – wie man die Handwerksleistung kalkulatorisch darstellen soll (schließlich ist der Preis für eine Fremdrandung oder -bohrung bekannt – und manchmal sogar kostenlos) gab es eine perfekte Lösung schon zu sehen.
Diese Software berücksichtigt für die Kalkulation die randomisierten Zahlen aus dem eigenen Betrieb, die simpel aus der Jahres-BWA entnommen und übertragen werden können. Selbst der Unternehmerlohn fließt in diese Kalkulation ein.
Wichtig aber – und an diesem Punkt hakte das Bundeskartellamt zu Recht richtig heftig ein – dieses Programm berücksichtigt die teilweise exorbitanten Rabatte auf die EK-Liste der Brillengläser.
Dabei stellt sich dem Beobachter die Frage: Warum muss es eine solche Softwarelösung erst geben, nachdem das Bundeskartellamt energisch und für einige Firmen existenzbedrohende Strafen verhängen mag? Warum hat der ZVA sich nicht schon früher darum gekümmert? Etwas weniger Druck und Konzentration auf die Höherführung und Neupositionierung des Optometristen und etwas mehr Konzentration auf das wirkliche Leben hätten die Innungsmitglieder heute vor weniger Probleme gestellt.
Jetzt aber auf das gescheiterte HKKB zu verweisen, ist nicht sachgerecht. Dieses System und seine Friseurliste waren aus sich heraus zum Scheitern verurteilt. Es war völlig unrealistisch und diente nur der Profilierung eines Kleinwüchsigen.
Den Verantwortlichen der opti um den Geschäftsführer Dieter Dohr muss der Beobachter ein Kompliment machen: Die opti bekommt ein Bild, sie wirkt nicht mehr zerrissen und erscheint perfektioniert. Auch das Engagement, einige der wichtigen ausländischen Aussteller wieder ins Boot zu holen scheint aufgegangen zu sein. Trotzdem wirkte der hallenfüllende Lärm bei akrobatischen Darbietungen störend – gegenüber den unmittelbaren Ausstellern auch unfair und geschäftsschädigend. An diesem Punkt muss noch nachgebessert werden.
Diese Messe hat gezeigt, wie wichtig eine zentrale Messe in Deutschland für diese Branche ist. Der Wildwuchs der regionalen Veranstaltungen und ihrer volkswirtschaftlichen Fragwürdigkeit wird drastisch zurechtgestutzt, wenn die Verantwortlichen in München weiter an der Entwicklung der opti arbeiten und ihr so den Platz verschaffen, der ihr zusteht.
Und irgendwann müssen sich die italienischen Fassungshersteller überlegen wie lange sie sich ihre Arroganz erlauben können, den wichtigsten und umsatzstärksten Markt in Europa zu boykottieren oder in ihrer Kalkulation auszublenden.
Wenn Dieter Dohr die opti so weiterentwickelt, werden sie nicht drum herum kommen, sich auf der opti zu zeigen.
Mit dem Boykott der optica und der demonstrativen Präsenz auf der damals noch blutjungen opti konnte man der optica tatsächlich den Boden entziehen. Der Boykott der opti jetzt, um einen Konkurrenten im Messegeschehen klein zu halten oder vielleicht auch auszuschalten, war ein netter Versuch. Er kann als gescheitert betrachtet werden.
Egal wie groß die Armada der Kofferschlepper ist, die Nichtpräsenz in München wird das auf Dauer nicht ausgleichen können. Und zur Mido sind in der Vergangenheit nur wenige deutsche Augenoptiker gefahren. Es ist kaum anzunehmen, dass die Besucherzahl zu dem vorverlegten Messetermin Anfang März höher sein wird als in der Vergangenheit im Mai, wenn das Wetter in Mailand nicht wirklich sommerlich ist.
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