Dienstag, 03. März 2009
“1.000 Brillen in zwei Wochen - Wie soll das denn gehen?” Das frage ich mich auch immer wieder, wenn mir mit stolzem Unterton erklärt wird, wie toll man wiedermal den armen Negern geholfen hat. Diese Einleitung möge nicht als Zynismus gewertet werden, aber es fällt schwer an sich zu halten.
Unterschiedlichste Institutionen und mancher Augenoptiker in Eigeninitiative sammeln getragene und abgelegte Brillen, um sie später in einer mildtätigen Aktion in Afrika verteilen zu lassen.
Mancher fliegt aus seinem gemütlichen Dorf auch selbst in den Busch, um dort persönlich im Gefühl des Gutmenschens zu baden und zuhause als Held anerkannt zu werden. Dabei gibt es Länder und Kontinente, die zumindest genauso dringend Sehhilfen brauchen wie in Afrika, von denen wir in Europa aber nichts wissen und um die wir uns auch so gut wie gar nicht kümmern. Afrika ist halt en vogue und liegt vor der Haustür.
Trifft man aber mit dem kostenlosen Verteilen abgetragener Wohlfahrtsbrillen auch die Bedürfnisse der Bevölkerung in Ländern, die als developing oder emerging markets umschrieben werden? Denn unbestritten ist der Bedarf an einer Korrektur der Fehlsichtigkeit auch in diesen entlegenen Gegenden der Welt groß.
Muss man diese Sehhilfen aber kostenlos verteilen und so den ideellen Wert zerstören?
Wäre es nicht besser einheimische Bewohner auszubilden, damit sie zumindest einen Teil ihres Lebensunterhaltes selbst erwirtschaften können und die Bedürftigen wenigstens einen kleinen Beitrag im Rahmen ihrer Möglichkeiten beisteuern?
Denn Geldverdienen muss nicht bedeuten, keine humanitäre Hilfe leisten zu können oder Bedürftige auszubeuten. Schließlich helfen selbst diese Minimaleinkommen solcher lokalen Kleinstunternehmer/innen die Infrastruktur zu verbessern. Immerhin schätzt das World Council of Optometry (WCO) den weltweiten Bedarf auf etwa 1,3 Mrd. einfachster Sehhilfen.
Zum Beispiel im Länderdreieck zu Thailand, Laos und Burma leben über 200.000 Menschen unterschiedlichster ethnischer Gruppen in Flüchtlingslagern unter ärmsten Verhältnissen und praktisch ohne Versorgung. Diese Lager sind per Luft nicht zu erreichen und praktisch auch nicht auf dem Landweg. Ständige Überfälle von marodierenden Banden und Guerilla-Kämpfern machen ein Erreichen dieser Lager zu einem gefahrvollen und risikoreichen Unterfangen. In der Regenzeit verwandeln sich die Straßen auch noch in riesige Seen von unpassierbarem Schlamm. Aber auch diese Menschen brauchen Sehhilfen.
Das WCO empfahl auf einer Tagung, eine erschwingliche Sehhilfe in diesen Ländern sollte höchstens 10% des monatlich frei verfügbaren Einkommens kosten. Daraus ergibt sich eine sehr breite Spreizung des Preises von US$ 1,40 in Eritrea bis US$ 5,20 in Papua Neuguinea. In Albanien dürfte eine solche Sehhilfe etwa US$ 14,00 kosten. Damit sind wir schon in Europa und sollten nicht übersehen, dass diese Anforderungen auch bei uns oder unseren Nachbarländern jenseits des ehemaligen Eisernen Vorhangs für bestimmte Bevölkerungskreise gültig sind. So gibt es eine Reihe von Organisationen, die den Menschen in den Entwicklungsländern Hilfe zur Selbsthilfe anbieten. Da gibt es die Möglichkeit der Selbstrefraktion. Eine Studie aus Ghana dazu zeigte, dass die Ergebnisse einer solchen Selbstrefraktion für die Ferne, den mittleren und den Lesebereich keineswegs so stark von den Ergebnissen einer professionellen Refraktion abweichten.
Die Scojo Foundation, eine Non-Profit Organisation und inzwischen in VisionSpring umbenannt, wiederum baut in Indien, Bangladesh und China eine Verkaufsorganisation auf, die es Interessierten in abgelegenen Gegenden erlaubt Kleinstunternehmer zu werden und die Bevölkerung mit Lesebrillen zu versorgen. Business in a Bag (Business im Rucksack) ist ein Geschäftsmodell, bei dem Interessenten eine qualifizierte Ausbildung erhalten in der Ermittlung des Bedarfs, Sehtafeln, Verkaufstechniken und Lesebrillen.
Organisationen, die solche Sehhilfen und Geschäftsmodelle betreiben, stehen aus Sicht der WCO in direktem Wettbewerb um finanzielle Hilfen für den Kampf gegen Aids, Malaria oder Tuberkulose. Diese nachhaltigen lokalen Geschäftsmodelle in Mikromärkten werden als die bessere Lösung betrachtet als das kostenlose Verteilen gebrauchter Sehhilfen.
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