Donnerstag, 15. Oktober 2009
Es war interessant anzusehen, wie sich die Silmo seit Mitte der 80er Jahre kontinuierlich entwickelte und zu einem wichtigen zweiten international beachteten Messetermin reifte. Der Standort Paris mit seinem Flair hat diese Entwicklung sicherlich gefördert. Aber ganz anders als bei der längst vergessenen optica stand hinter der Silmo immer der absolute Wille des französischen Industrieverbandes und jedes einzelnen Mitglieds, diese Messe zum Erfolg zu machen. Ende des Jahrhunderts hatte sich diese Messe im Spätherbst eine Position erarbeitet, die es jedem Anbieter schwer machte, Argumente zu finden, warum er in Paris nicht ausstellen sollte. Abgesehen von einer Delle bei den Zahlen von Ausstellern und Besuchern nach den 9/11-Anschlägen nahmen beide Messgrößen (Besucher- und Ausstellerzahlen) weiter zu – bis 2006.
Aus ungeklärten Gründen sind die Zahlen seither rückläufig. Und in diesem Jahr hat es die Messe so empfindlich getroffen, dass im Schlussbericht nicht einmal mehr die Zahl der Aussteller und der verkauften Ausstellungsfläche genannt wurden. Die Ursachen dieses Desasters sind allgemein bekannt, aber dahinter steht mehr. Unabhängig von der aktuellen Wirtschaftskrise, von der ganz besonders die USA betroffen sind, mit verheerenden Auswirkungen auf die gesamte optische Industrie, scheint die Messe international nicht mehr der Magnet zu sein.
Die drei großen Italiener glänzten mit Abwesenheit, nur Luxottica hatte einen kleinen Alibi-Stand. Andere hatten ihre Stände drastisch auf die Hälfte oder weniger verkleinert. Die Hersteller von Maschinen und Verbrauchsmaterial für die Produktion von Brillengläsern – bis voriges Jahr noch in einem eigenen Messebereich – wurden zusammengepfercht in einer Ecke der Halle 1. Und auch dort fehlten sonst wichtige Aussteller.
Im August macht Frankreich Urlaub. Niemand ist zuhause, niemand arbeitet – nur die absolut nötigste Besatzung fungiert als Stallwache. Das heißt, die Buchungen und Bestätigung für die Stände blieben liegen; Rechnungen wurden zwar verschickt, die vielen Geldeingänge konnten nicht rechtzeitig verbucht werden, weshalb Doppelzahlungen erzwungen wurden. E-Mails wurden wochenlang nicht bearbeitet und konnten rechtzeitig zum Aufbau der Messe auch gar nicht mehr abgearbeitet werden. Hier rächte es sich, wenn eine ganze Nation geschlossen Urlaub macht und niemand voraus denkt.
Sicher, der Termin war eine Notlösung wegen der Verschiebungen im internationalen Messegeschehen, veranlasst durch die MIDO. Das entschuldigt aber nicht das Chaos bei den Veranstaltern, die die Probleme nicht in den Griff bekommen haben. Dass die Tore zu Beginn einer Veranstaltung im Rahmen der Silmo nicht geöffnet werden, das haben wir als Veranstalter selbst ein paar Mal erlebt. Dass aber die Tore zur Messe selbst nicht geöffnet werden können, weil drinnen noch an den Ständen gezimmert und gebaut wird, weil der Müll und das Verpackungsmaterial noch nicht entfernt werden konnten – das ist unglaublich. Weil die Messehallen an der Porte de Versailles dringend aufgemöbelt werden müssen, um Anschluss an internationale Standards zu halten, wird ein Umzug auf ein anderes Messegelände unvermeidlich sein. Ob das neue Gelände aber, weit außerhalb der Tore von Paris, den Abschwung stoppen kann, werden wir in einigen Jahren wissen. Andererseits, die MIDO ist auch vor Jahren aus der Innenstadt ausgezogen – und die Verkehrsanbindung nach Mailand ist mit Katastrophe nur beschönigend beschrieben. Es passiert aber insgesamt etwas Neues im Messegeschäft, nicht nur in unserer Branche. Die Aussteller werden sich in Zukunft jährlich nur noch auf einer internationalen Leitmesse treffen – in unserem Fall wird das die MIDO sein. Dafür werden die anderen Messen mehr und mehr den Charakter von Regionalmessen bekommen, auf denen besser auf die ländertypischen Bedürfnisse eingegangen werden kann. Das B2B-Geschäft und die Diskussionen um Neuentwicklungen sowie Ausrichtung von Fassungskollektionen wird mehr und mehr über die modernen elektronischen Medien wie Skype, MSN und andere im Aufbau befindlichen Systeme abgewickelt. Nahezu kostenlos können die Teilnehmer damit weltumspannend und ohne Kosten treibende Zeitlimits miteinander konferieren.
Das war in den Gesprächen mit Vertretern der optischen und Fassungs-Industrie in China deutlich herauszuhören. Die modernen hoch auflösenden Webkameras und die schnellen Internetverbindungen erlauben es, Fassungs-Muster während des Gesprächs vor der Kamera zu zeigen und aus allen Winkeln betrachten zu lassen. Gleichzeitig lassen sich technische Zeichnungen hin und her schicken. Und Handmuster, die nachts in Peking auf einen Flieger gegeben werden, sind zum Frühstück in Europa.
Aber noch etwas hörte ich in Shenzhen. Die Schwäche der Silmo könnte von Vorteil für die Opti sein, die deshalb ein größeres internationales Gewicht bekommen könnte. Das stünde im Widerspruch zu dem oben Gehörten. Ich glaube auch nicht daran. Aber es zeigt, wie widersprüchlich und zwiespältig von allen Beteiligten das Messewesen betrachtet wird.
Seite 1 von 1 Seiten