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Sonntag, 15. November 2009

FreeForm

Das neue Jahrtausend war noch kein halbes Jahr alt. Da wurden die Augenoptiker an einem Tag im Mai von Rodenstock und Zeiss mit einer Revolution in der Technologie der Gleitsichtgläser überrascht. Individuell abgestimmt und gefertigt auf die persönlichen und individuellen Gegebenheiten der Kunden sollten sie sein. Wenige Monate später wurde diese Technologie, die hinter diesen Gläsern stand, während des ersten FOCUS-Symposiums für die internationale optische Industrie in Paris vorgestellt und lebhaft diskutiert.
Wer seither unseren in ,MAFO – The Conference, umbenannten Kongress regelmäßig besucht hat, der konnte eine technologische Entwicklung verfolgen, die damals nicht voraussehbar war – jedenfalls nicht in so wenigen Jahren. Irgendwann bekamen die Augenoptiker ein neues Wort um die Ohren gehauen, das sich FreeForm nennt. Das Schlagwort unserer Zeit: FreeForm. Ohne FreeForm geht heute nichts mehr. Was das aber bedeutet, darunter kann sich kaum ein Augenoptiker etwas vorstellen.
Wer den Begriff wörtlich übersetzt, kommt auf freie Form. Nichts anderes erlaubt diese damals völlig neue Technologie. Denn sie bedeutete den Abschied der vierhundert Jahre alten Technologie der Herstellung von Brillengläsern des Pastors Johann Heinrich August Duncker aus Rathenow.
Hinter dieser FreeForm-Technologie stehen entsprechende mathematische Formeln und eine völlig neue Maschinensteuerung, die erst durch die Digitalisierung des Dreh- bzw. Schneidprozesses ermöglicht wurde. Weltweit gibt es nur drei deutsche Maschinenbauer, die solche Maschinen herstellen und den Weltmarkt beherrschen. Es gibt noch einen weiteren nennenswerten amerikanischen Hersteller, der aber hauptsächlich im angloamerikanischen Sprachgebiet auftritt.
Diese Technologie erlaubt tatsächlich, jede erdenkliche Topografie auf ein Brillenglas zu schneiden – ob sie Sinn macht oder auch nicht. Ein Hersteller zeigt stolz ein Glas, auf dessen Oberfläche in voller Breite sein Firmenlogo zu sehen ist. Was soll das, wird sich der Leser fragen.
Genau das sollte er sich fragen, wenn er auf den inflationär gebrauchten Begriff FreeForm stößt. Denn ohne FreeForm geht heute angeblich gar nichts mehr. Und damit einher geht automatisch der Discount. FreeForm-Gleitsichtgläser gibt es inzwischen schon für unter 20 € einzukaufen. Um aus dieser Spirale nach unten ausbrechen und die Preise hochhalten zu können, entwickeln die Hersteller von Markengläsern immer neue „noch bessere“ Brillengläser, die ein noch komfortableres Sehen versprechen. Nur, die Werte auf den Brillentüten haben meist nichts mehr mit der ursprünglich bestellten sphärocylindrischen Bestellung zu tun – wenn der Augenoptiker die Zahlenwerte auf der Tüte überhaupt verstehen kann.
Der Augenoptiker als Fachmann gegenüber seinem Kunden wird von der optischen Industrie alleingelassen. Warum soll er diese teuren Markengläser der jüngsten Generation einkaufen, wenn er sie auch für unter 20 € bekommen kann! – Es ist doch alles FreeForm!, also modernste Technologie.
Eigenartig. Denn der Beruf des Augenoptikers – als man den Beruf noch mit dem Abschluss der Volksschule erlernen und einfach nur Meister werden konnte – bezeichnete sich als ein auf Wissenschaft basierendes Handwerk. Mathematik und Physik wurden vom ersten Tag an gepaukt. Heute haben wir Dipl.-Ingenieure und die ersten Doktoranden machen sich auf den Weg. Aber niemand fragt, was hinter diesen Technologien steckt, geschweige denn, dass die Industrie ihre Kunden im Detail aufklärt. Liest man das Informationsmaterial, gibt es wenig Konkretes, aber viel Geschwalle mit hochtrabenden leeren Worthülsen.
Der neueste Trend heißt WaveFront – auch erstmals im Jahr 2005 vorgestellt und bei ,MAFO – The Conference, unter den anwesenden Fachleuten der internationalen optischen Industrie heftig diskutiert. Die Kombination von FreeForm und WaveFront schien die Ultimaratio im Design von Brillengläsern zu sein. Essilor ist sehr geschickt darin frühzeitig Trends aufzunehmen und zu besetzen. Während sich alle noch fasziniert auf die Fata Morgana eines Dr. Dreher konzentrierten, der das optische System Auge-Brille mittels Aberrometer gemessener Werte korrigieren wollte (er ist grandios gescheitert) fügte Essilor an das Physio W.A.V.E. an (Wavefront Advanced Vision Enhancement) und besetzte mit dieser griffigen Bezeichnung die Korrektur höherer Aberrationen den optischen Kurven des Brillenglas. Jeder kann‘s, jeder macht‘s – aber nur Essilor kann’s auf den Punkt benennen.
Diese Spielchen untereinander sind zwar nett zu beobachten, sie bergen aber eine große Gefahr. Wie lange kann der Wert dieser Gläser und der Technologie dahinter gehalten werden? Denn die Investition in die Maschinen und deren Technologie ist überschaubar; Know How kann weitgehend eingekauft werden. Die mathematischen Formeln für modernste Gleitsichtgläser werden auf dem Markt längst zu sinkenden Preisen angeboten.
Dort lauert die Gefahr für die optische Industrie. Noch versucht man mit Patentklagen den Markt übersichtlich zu halten. Oder jeder, der nicht bei drei auf den Bäumen ist, wird aufgekauft – die Methode Essilor. Wie lange hilft das aber noch gegen ein völliges Umkrempeln der optischen Industrie?

Jörg Spangemacher am 15.11.2009 um 13:36 Uhr
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