Montag, 15. Februar 2010
Wenn wir die opti mit den beiden großen europäischen internationalen Fachmessen vergleichen, dann scheint die Welt bei uns noch in Ordnung zu sein. Es war in München zwar nicht die Euphorie des vergangenen Jahres zu spüren, stattdessen aber eine gesunde und breite zuversichtliche Stimmung. Alles in allem waren die Aussteller sehr zufrieden, besonders was die Qualität der Besucher und der Orders anging.
Es hat sich offenbar ein Wandel vollzogen. Wer im Januar nach München zur opti fährt, ist nicht auf der Durchreise in die Skigebiete der Alpen, sondern will geschäftlich dorthin. Man will sich informieren oder ordern. Das hat der Messe gut getan, der Tourismus ist weg.
Ist jemandem aufgefallen, dass die großen italienischen Aussteller auch in diesem Jahr gefehlt haben? Haben sie wirklich gefehlt? Ich glaube kaum. Nach dem Desaster im Abverkauf der Brillenfassungen und ganz speziell der Sonnenbrillen im vergangenen Jahr können sich die italienischen Firmen einen pompösen Auftritt wie in der Vergangenheit auch gar nicht mehr leisten. Sie waren auch schon auf der Silmo nur in minimalstem Auftritt erschienen.
Dem Vernehmen nach soll der alles entscheidende Absatz von Sonnenbrillen in Italien auf etwa 30 Prozent der früher gewohnten Stückzahlen eingebrochen sein. Die MIDO lässt sich fünf Wochen vor der kommenden Messe partout nicht in die Karten gucken, aber – wie zu erfahren ist – die großen Italiener soll man suchen müssen, so sollen ihre Stände geschrumpft sein. Und das wird auch als Grund genannt, warum die Messe mit einer Halle weniger auskommen soll.
Und damit sind wir beim Blick in die europäischen Nachbarländer. Welche Zahlen Spectaris oder ZVA im Rückblick auf 2009 auch immer nennen, es sind gute Zahlen. Es ist egal, ob die Branche mit plus oder minus zwei, oder vielleicht minus drei Prozent abgeschlossen hat. Das sind im europäischen Vergleich sogar beste Zahlen. Denn zumindest im vorigen Jahr haben wir auf einer Insel der Glückseligen gelebt, Dank der Konjunkturprogramme unserer Bundesregierung.
Überall in Europa sonst sind die Umsatz- und Stückzahleinbrüche im vorigen Jahr manchmal weit über die Zehnprozentmarke hinaus gefallen. Um das für Deutschland in 2010 zu verhindern, versuchen Wirtschaftsverbände aller Couleur die Bundesregierung zu überzeugen, die Förderprogramme aus 2009 zu prolongieren. Aber die scheint lieber ein paar Opelaner, Hoteliers und korrupte Banken retten zu wollen, als sich für die deutsche Gesamtwirtschaft einzusetzen.
Diese Betrachtung soll aber nicht darüber hinweg täuschen, die Augenoptik stünde blendend da. Im Einzelhandel gibt es vermehrt stille Schließungen, weil die Nachfolge nicht geregelt werden kann oder das Auslaufen des Mietvertrages zum Aufgeben des Geschäftes genutzt wird.
Da bleibt die Industrie nicht unberührt. Vor einem Jahr räumte Dr. Norbert Gorny überraschend seinen Schreibtisch als Geschäftsführer der Carl Zeiss Vision, nachdem EQT auf Einhalten des Businessplans verwies, den man damals beim Einstieg mit 50 Prozent in das Unternehmen beschlossen hatte. Arne Frank, Deutschland Statthalter von EQT, übernahm das Ruder selbst und konnte doch nicht verhindern, dass es laut Financial Times Ärger mit den Banken gab, weil der Verschuldungsgrad zu hoch geworden war (FOCUS-NetNews vom 3. November 2009). Dem seit 1. Dezember residierenden, neuen Vorsitzenden der Geschäftsleitung, Michael Hoffmann, kann man nur ein glückliches Händchen wünschen, dieses Traditionsunternehmen in schwerem Wasser zu steuern.
Viel dramatischer scheint es in München zuzugehen. Rodenstock kommt auch nach Jahren des Umbaus und verschiedener Neu-Ausrichtungen nicht zur Ruhe, das wurde der Branche am Sonntag – noch während der opti – bekannt. Ein ganzseitiger Beitrag in der Sonntagsausgabe der FAZ berichtete ausführlich über die finanzielle Schieflage des Unternehmens. Danach steht Rodenstock wieder einmal zum Verkauf, was später zwar dementiert, von der Süddeutschen Zeitung vom 20. Januar aber wiederholt wurde.
Die Financial Times vom 18. Januar berichtete unter der Headline „Brillenhersteller in Not“, dass das Unternehmen in München 370 Mio. € Schulden bei einem Umsatz in 2008 von 378 Mio. € und einem Verlust in 2008 von 14,5 Mio. € bedienen muss. Und die seriöse Nachrichtenagentur Reuters berichtete sogar, Rodenstock solle im vergangenen Jahr ebenfalls die Kreditauflagen verletzt haben.
Wohin geht die Reise in diesem Jahr? Wer die Antwort wüsste, hätte für den Rest seines Lebens ausgesorgt. Für alle anderen gibt es nur eines: Gezielt nach vorne schauen, nicht ablenken lassen, auf die eigenen Stärken konzentrieren und vertrauen sowie das eigene Unternehmen mit allen Mitteln stärken, auch gegenüber dem Kollegen auf der anderen Straßenseite. Oder anders ausgedrückt: Für die Kunden erkennbar besser sein als die Konkurrenz.
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