Donnerstag, 15. April 2010
Es stellt sich mir die Frage, wie lange es sich ein Messe-veranstalter erlauben kann, sich gegen die geballten Anforderungen seiner internationalen Kundschaft zu stemmen. Nur weil ein paar durchgeknallte und arrogante italienische Fassungshersteller glauben, sie müssten die Welt zwingen, nach ihrer Pfeife zu tanzen? Diese MIDO hat endgültig gezeigt, Aussteller wie Besucher haben sich anders entscheiden und kommen offensichtlich ganz gut ohne die Messe in Mailand klar. Denn New York, nur zehn Tage später, ist auch eine spannende Stadt und die Vision Expo East immer einen Besuch wert.
Die Wirtschaftkrise hat gerade diesen Fassungsherstellern gezeigt, dass ihre mit Labeln getackerten, aber sonst austauschbaren Fassungen kein Mensch mehr haben will, wenn die Wirtschaft am Boden liegt. Der Abverkauf an Stück italienischer Fassungshersteller und ihrer Schwemme an Labeln ist im vergangenen Jahr um 70 Prozent eingebrochen – mit der Konsequenz: Die Großen wurden auf der MIDO plötzlich so klein, dass eine komplette Halle überflüssig wurde. Und das Aufmaß der Halle 22 war so geschickt, dass nur dem geübten Auge aufgefallen ist: Diese Halle war nur zu gut 2/3 genutzt.
Aber auch sonst gab es kein wirkliches Gedränge. Das lag an den üppig angelegten Gängen und anderen Freiräumen – und an den fehlenden Besuchern. Beleg dafür mag die Situation der Parkplätze am Westeingang sein. Die waren an keinem Tag wirklich belegt, ebenso wenig wie die umliegenden Parkhäuser. Wie ist es sonst zu verstehen, dass bis Ende März noch kein abschließender Pressetext vorliegt, in dem normalerweise mit überwältigenden Besucherund Ausstellerzahlen gestrunzt wird. Normalerweise gibt es die Jubeltexte nur wenige Tage nach Abschluss einer Messe, manchmal sogar noch vor Messeschluss. Wirklich auffallend dagegen waren die Besucher aus Asien, die in größerer Zahl zu sehen waren als in den vergangenen Jahren.
Es fehlten auch einige wichtige mittelständische Aussteller aus dem Bereich Zulieferer der Industrie. Die können es sich nicht leisten, mehrere Sets an Maschinen oder Anlagen durch die Welt und den Zoll dieser Länder zu schleusen. Denn am Samstag endete die Messe in Shanghai, am Sonntag drauf endete die MIDO und zehn Tage später begann die Messe in New York. In dieser Konstellation wird die MIDO gestrichen, denn die Märkte in Asien und Nordamerika sind zurzeit wichtiger als Europa.
China steht vor einem unglaublichen Boom an Investitionsgütern, sprich modernste Maschinentechnologie aus Deutschland für die Oberflächenbearbeitung und -vergütung von Brillengläsern. Denn bis 2012 werden dort 30 Rezeptschleifereien ihre Arbeit aufnehmen. Und Nordamerika wird den Investitionsstau wegen der Wirtschaftskrise bald abbauen und wieder investieren müssen. In Europa dagegen sind wichtige Investitionen erstmal auf Eis gelegt, zumal der Investitionsmarkt im mittleren Osten wegen der Staatskrisen am Golf völlig zusammengebrochen ist.
Die MIDO wurde in den März verlegt, weil die italienische Fassungsindustrie glaubte, sie müsse zur gleichen Zeit ausstellen wie die übrigen Accessoireanbieter auch. Brillenfassungen sind Designobjekte, unterliegen aber nicht dem allgemeinen Fashiontrend. Wer hat auf einem Catwalk schon mal gesehen, dass die Models eine Brille aus der gleichnamigen Kollektion tragen? Die tragen alle möglichen Accessoires, aber eine Brille ganz bestimmt nicht. Nur hin und wieder ist mal eine Sonnenbrille im Haar erlaubt.
Eine Zusatzfrage: Was haben die nihilistischen und filigranen Fassungen einerseits oder die massiven Plastikklötze in Havanna oder Schwarz andererseits mit der aktuellen Mode zu tun? Und, Frau kann ganz bestimmt ein grünes oder lila Outfit tragen, wenn die Mode danach ist. Das wird ihr bestens stehen. Aber eine Brille in diesen oder ähnlichen Farben? Dann sieht frau aus als hätte sie gestern Abend einen ganzen Teller völlig verdorbener Frutti di Mare gegessen.
Wenn aber dieser Termin wirklich Sinn machen sollte, dann müsste es eine Verquickung der drei Messen geben. Die Besucher müssten die Trends der anderen Accessiores vergleichen können. Aber nein, das ist völlig ausgeschlossen und verboten. Die anderen Messen darf man auf gar keinen Fall betreten. Wir bekamen nicht einmal Presseausweise für diese Hallen.
Stattdessen stauen sich die Autos von ca. 300.000 Messebesuchern auf den verschlungenen Autobahnen um das Messegelände. Die Navis spielen verrückt, weil sie trotz Satelliten selbst die Orientierung verlieren. Und dem Fahrer wird wegen der vielen Tunnels, Abbiegungen, Überleitungen, Kreisverkehre sowie Um- und Ableitungen ganz schwindelig.
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