Samstag, 15. Mai 2010
Als ich 1964 in die Augen-optiker-Lehre ging, lernte ich, dass die deutsche optische Industrie der Nabel der optischen Welt ist und niemand anders ihr das Wasser reichen könne – die deutsche optische Industrie ist der absolute Marktführer weltweit, mit dem angeblich höchsten technischen Niveau und allen entscheidenden Patenten. Das hatte ich geglaubt, genau so wie alle anderen auch. Wir kannten nur Rodenstock, Zeiss, Marwitz (nicht der aus Berlin), Metzler, Menrad, Weco, Nigura – Punkt.
PPG (CR 39), Corning (optisches Glas, phototrope Gläser), Bausch & Lomb (Balgrip, Kontaktlinsen), Safilo oder AOC (Brillengläser) kannte kein Augenoptiker, obwohl diese Firmen teilweise viel größer und zumindest ähnlich alt waren wie die deutschen. Für Luxottica (das war schon Ende der 70er) und seine damaligen Versuche einer Serienproduktion hatte die Geschäftsleitung in München nur ein müdes Lächeln über.
Das Kriegsende und die elendige Verbandelung der großen deutschen Unternehmen mit dem jungen ZVA machten seit den 50ern aus Deutschland einen closed shop. Zeiss und Rodenstock drohten, auf Drängen des ZVA, in den 60ern den Uhrmachern/Optikern in ländlichen Gegenden mit Lieferboykott, wenn sie ihre Läden nicht nach Warengruppen teilten – und sie unterbanden jeglichen Preiswettbewerb mit dem gleichen Mittel. Ein Heer an Außendienstlern überwachte alles. Und dieses Heer machte den Einstieg von Wettbewerbern schwer, denn die Erstinvestitionen für einen solchen Stab waren immens. Es lief alles glatt, man brauchte sich um ausländische Märkte nicht kümmern, die Profite sprudelten hier.
Das ist lange her. Mit aller Gewalt versuchte der Münchner Konzernchef über seinen Industrieverband eine deutsche Fachmesse zu verhindern, während die Italiener schon beachtliche Erfolge mit einer eigenen verbuchten. Fast 20 Jahre währte der Kampf um die optica, bis sie endlich zerstört war. In diesen 20 Jahren starb auch die stolze deutsche optische Industrie. Sie war auf ernsthaften Wettbewerb von außen nicht eingestellt, die Mauer war gefallen, die Welt hatte sich gedreht und war plötzlich rund, deutsche Produkte waren international uninteressant, andere waren spannender.
Mallwitz (Marwitz) war das erste Wort, das Japaner zu Beginn des vorigen Jahrhunderts lernten, wenn sie eine Brille brauchten. Es musste eine aus Stuttgart sein, denn deren Doublé-Qualität muss außergewöhnlich gewesen sein. Südamerika war einer der größten Märkte, denn diese Fassungen litten nicht unter der unerträglich heißen Feuchte der Urwaldregionen dort. Ein letztes Aufbäumen noch, als man eine Lizenz für Optyl bekam, dann war es aus.
Menrad, inzwischen von der dritten Generation geführt, gibt es noch. Aber das Unternehmen hat schon lange nicht mehr die Bedeutung von einst. Nachdem Silhouette sich von Metzler getrennt und eine eigene Vertriebsorganisation in Deutschland aufgebaut hatte, standen diese zur Disposition. Die Reste wurden an eine Gruppe aus Hongkong verkauft.
Weco und Nigura gehörten zu Rodenstock. Nachdem Randolf Rodenstock das gesamte Tafelsilber des Unternehmens verscherbeln musste, um das Mutterhaus zu retten, geriet Weco an israelische Investoren und Nigura an die gleiche Gruppe in Hongkong wie Metzler. Diese Gruppe legte wenig später einen spektakulären betrügerischen Konkurs hin, in dessen Strudel Metzler und Nigura fast untergingen. Inzwischen sind sie vereint und werden schon von einem zweiten Investor geführt, haben aber längst nicht mehr die Relevanz am Markt wie einst.
Weco wurde von den Israelis ebenfalls in einen betrügerischen Konkurs geführt und von einem echten Unternehmer, Jacky Buchmann, gerettet und in dessen Briot-Konzern eingegliedert.
Wie wir aus dem Interview auf den Seiten 10 bis 16 erfahren, scheint Carl Zeiss Vision eine neue Zukunft zu haben. Die Übernahme von Sola, an der man vor vier Jahren trotz des Einbindens von EQT fast erstickt wäre, scheint verarbeitet zu sein und man blickt in Aalen mit Begeisterung auf die kommenden Herausforderungen.
Nach dem Verkauf an den Investor Permira und dem späteren Durchreichen an Bridgepoint ist die Situation bei dem ehemals deutschen Flaggschiff der optischen Industrie offen und undurchsichtig. Im Januar verkündete Dr. Göttgens, Rodenstock werde verkauft; er ruderte aber sehr schnell zurück. Inzwischen wird seit Monaten unter dem Druck der Banken hinter verschlossenen Türen um eine Beteiligung gerungen. Zwischenzeitlich gab es sogar Gerüchte, die Firma werde gesplittet in ein Unternehmen für Brillenglas-Technologie und eines für Brillenfashion.
Ein typisch deutsches Bild. Unsere Industrie ist technologisch Spitze, schafft es aber nicht, auf die emanzipierten Bedürfnisse internationaler Märkte einzugehen. Daimler kann nicht mehr allein und braucht Franzosen an Bord, deutsche Schnellzüge haben lebensgefährliche technische Mängel, der ICE 3 darf nicht im Ausland fahren, weil viel zu schwer und nicht kurventauglich; Telefunken, Grundig, Quelle, Voigtländer sind ausgelöscht. Der Transrapid fährt in Shanghai, darf das aber nicht in Deutschland. Nur irgendwo in Ostfriesland kann er hin und wieder im Kreis fahren, so wie meine erste Eisenbahn, die ich mit acht Jahren geschenkt bekommen hatte.
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