Palmieren ist nicht verboten

16. April 2012

Wen es interessierte, der konnte in den zurück-
liegenden Monaten erleben wie Apple sein iPhone und iPad mit allen erdenklichen juristischen Winkelzügen versuchte gegen die Smartphones von Samsung und Motorola zu schützen und für beide Geräte die eigene Marktstellung zu zementieren. Apple steht vor dem Problem, dass sein Betriebssystem nicht mit dem von Google entwickelten Android mithalten kann.
Google, Samsung und Co. schlagen zurück mit dem Ergebnis, dass Apple den Pushdienst seiner Smartphones dauerhaft einstellen muss, weil es ein geklautes Patent einsetzen soll. Die Verkaufszahlen stehen gegen Apple, da helfen auch die Erfolgsmeldungen der neuen iPad-Generation nicht. Das zeigen die Verkaufszahlen von Apps für beide Systeme: Im Februar wurden für Android 72 Millionen 480 Tausend heruntergeladen, für Apple nur 41 Millionen.
Was hat das mit der Augenoptik zu tun? Mit stillem Stolz vermeldete der ZVA (siehe FOCUS-NetNews vom 23. März), das Oberverwaltungsgericht in Bautzen habe eine Klage des BVA (Berufsverband der Augenärzte) gegen ein Fortbildungsangebot der Handwerkskammer Dresden zum Optometristen abgewiesen. Zwei Blöcke, hier Augenoptiker, dort Augenärzte, bekriegen sich seit Jahrzehnten. Am Ende geht es um nichts anderes als Geld. Und Marktanteile, egal ob nun bei Smartphones oder Glaukomscreenings.
Augenoptiker haben sich schon immer als die besseren Augenärzte empfunden, weil sie angeblich so viel besser refraktionieren können. Und weil sie diese Tätigkeit auch viel kostengünstiger anbieten können als die Augenärzte, nämlich für umme (umsonst). Die angeblich höher positionierenden pseudomedizinischen Tätigkeiten, die die jungen Augenoptiker neuerdings lernen müssen, werden sie trotz horrender Investitionen in Ausrüstung und Instrumente ebenfalls für lau ausführen müssen. So ist der Markt nun mal.
Das passt dem Hardliner-Juristen im ZVA, Joachim Goerdt, natürlich nicht. Er regte sich in der Februarausgabe des ZVA-Reports darüber auf (die FOCUS-Redaktion darf das eigentlich gar nicht wissen, weil er verboten hat, den Report seit etwa zwei Jahren weiterhin an die Redaktion zu verschicken), Fielmann betrachte die Refraktion als kostenlose Serviceleistung. Im Angesicht der nahenden Pensionierung muss Goerdt wieder mal erkennen, dass man der freien Marktwirtschaft und dem Marketing mit der Eisernen Jungfrau nicht beikommen kann. Das war im finsteren Mittelalter sicher anders.
Sieht man von dem berüchtigten Kontaktlinsen-Prozess einmal ab, sind die bisherigen Schlachten vor den Gerichten im Sinne des ZVA ausgegangen. (Die Anmaßung des ZVA im KL-Prozess war zu grotesk, als dass ein ordentliches Gericht der Klage des ZVA gegen den BVA stattgeben konnte. FOCUS berichtete darüber ausführlich.)
Ich denke, die Augenärzte im BVA schaffen es nicht, eine einheitliche Linie aufzustellen. Es gibt zu viele Partikularinteressen in ihren Reihen, mit denen die eigene Formation regelmäßig durchlöchert und hintergangen wird. Von außen betrachtet sieht es dann immer so aus, als ginge es dem BVA ausschließlich um die Sicherung von Pfründen der eigenen Mitglieder. Handfeste und greifbare (für Laien verständliche) Argumente als Begründung für die Klagen gibt es nicht wirklich oder erscheinen nur vorgeschoben.
Andererseits haben es die Augenärzte schwer mit seriösen Argumenten in Zeiten, in denen alternative Heilversprechen auf einer boomenden Welle reiten – und die Optometristen des ZVA reiten wie wild mit. Und wenn dann plötzlich auch Augenoptiker auf die bis dahin brüsk abgelehnten und von Mitgliedern beider Berufsgruppen einhellig als schäbiger Voodoo-Zauber verschrienen Methoden nach Bates schwören und von Heilerfolgen schwärmen, ist es schwer sachlich zu argumentieren. Obwohl noch nie jemand nachgewiesen hat, eine Myopie durch Augentraining überwunden zu haben.
Es ist wie mit den Lasik-Eingriffen. Die Protagonisten schwärmen nur von den Erfolgen, als gäbe es nichts anderes. Vollkorrektion war dort tatsächlich nie angesagt! Ein Restastigmatismus von 0,5 dpt gilt als normal, erst ab 1,0 dpt tut einem das Ergebnis leid – und die postoperative Visusmessung ist ohnehin nicht selten frisiert: Da wird aus 0,8 mal schnell 1,0.
Solange es der BVA nicht schafft, durch sachlich qualifizierte Gutachten nachzuweisen, welche Gefahren wirklich lauern, wenn Hilfsaugenärzte Glaukome, versteckte Anomalien der Netzhaut und andere krankhafte Symptome am Auge beurteilen wollen und sie schließlich doch übersehen, und solange sie nicht sachlich nachweisen können, dass Nichtmediziner ohne langjährige klinische Ausbildung ihre Kundschaft in riskanter Sicherheit wiegen, solange werden sie die Bemühungen um die sogenannte Höherpositionierung der Augenoptiker nicht stoppen können.
Genau so wenig wie Kurse zum Palmieren verboten werden können, können Kurse zum Optometristen verboten werden.
Was bewirkt eigentlich palmieren?

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