www.euro-focus.de  »  Brennpunkt
Sonntag, 15. August 2010

… und jetzt die Bäcker

Jeden Sonntag- morgen stehe ich in einer Schlange von 10 bis 20 Menschen, die, ginge es nach dem Zentralverband des deutschen Bäcker- handwerks, gar keine Brötchen wollen. Für ein frisches Brötchen auf dem sonntäglichen Frühstückstisch gibt es keinen Bedarf. Aber was wollen die alle in der Schlange? Frische Brötchen, genau wie ich.
Und wenn man gegen Feierabend durch die Innenstädte geht, duftet es straßauf und straßab nach frischen Brötchen für den Abendbrottisch. Mit hängendem und knurrendem Magen versucht man aus dieser olfaktorischen Anmache zu entfliehen und den Odysseus’schen Sirenenklängen des wohligen Geruchs nicht zu erliegen.
Backst du noch oder bräunst du schon? Das ist die (akademische) Frage. Denn in den Innenstädten stehen in den Brotshops Backautomaten, in denen Teiglinge – ja was? – gebacken oder gebräunt werden. Der Bäcker, bei dem ich sonntags meine Brötchen hole, ist gar kein Bäcker. Es ist eine Filiale eines Großbäckers vom Niederrhein, der eine Nische im örtlichen Supermarkt gepachtet hat und dort seine leckeren Teiglinge – gebacken oder gebräunt? – verkaufen lässt.
Aldi Süd versucht jetzt mit eigenen Backöfen, die laut Zentralverband der Bäcker keine Backöfen sind, ständig nach Kundenbedarf frische Brötchen – ich sag mal – anfertigen zu lassen. Dagegen klagt der Bundesinnungsverband wegen unlauteren Wettbewerbs. Selbst wenn dieser Streit vor Gericht gegen Aldi gewonnen wird, und er kein Marketinggag der Bundesinnung war, um mal wieder bundesweit in die Schlagzeilen zu geraten, wird das Bäckerhandwerk zweiter Sieger bleiben. Wettbewerbsprozesse zu gewinnen heißt nicht, den Markt zu gewinnen. Das hat der ZVA in den vergangenen 30 Jahren immer wieder neu erkennen dürfen, denn gelernt daraus hat er nicht. Und jedes Urteil in Wettbewerbsstreitigkeiten enthält ausgiebige Hinweise wie man eine wettbewerbswidrige Anpreisung für den Verbraucher kaum merklich umformulieren und umgestalten muss, um dann mit der äußerlich gleichen Aussage wettbewerbskonform zu sein.
Das schönste Beispiel aus meiner Sicht ist immer noch das höchstrichterliche Urteil gegen die Werbung „Brille zum Nulltarif“, die Fielmann beworben hatte und doch nur eine zuzahlungsfreie Fassung meinte. Die Freude über diesen vermeintlichen Sieg währte nur relativ kurz, denn bald kam die komplette Brille zum Nulltarif. Und die älteren Augenoptiker aus dem Sendegebiet von NDR 2 bekommen heute noch Ohrenschmerzen, wenn sie sich an die kleine Julia erinnern, die jahrelang um fünf vor sieben in den Äther krähte: „Und mein Papi hat nichts dazu gezahlt!“
Da stellt sich die grundsätzliche Frage: Wann lernen Handwerker, und wann lassen Bundesinnungen diese Erkenntnis zu, dass das fachliche Können und Wissen nur ein (sehr wichtiger) Baustein für einen erfolgreichen Handwerker ist? Aber es ist nur ein Baustein. Unternehmensführung, Marketing, Kundenansprache, Kundenbetreuung (auf Neudeutsch: Customer Relations Management, kurz: CRM), Positionierung und Strategien des eigenen Unternehmens am Markt sind ein paar weitere Bausteine. Aber dieses unternehmerische Fachwissen wird in der Handwerksausbildung immer noch ausgeblendet. Es müsste den Verantwortlichen langsam klar sein, dass das sträfliche Unterlassung ist.
Die jungen Dipl. Ingenieure, Bachelors und Master haben heute einen Wissensstand, dass sie, wie Thomas Nosch in einer Pressekonferenz mal voller Stolz sagte, schon als Assistenzärzte eingesetzt werden. Schön, die meisten aber arbeiten anschließend als normale Augenoptiker und sollten dort in der Unternehmensführung erfolgreich eingesetzt werden und nicht als Verkäufer mit Refraktionskenntnissen verrotten. Das Image kann auch nicht dadurch aufgehübscht werden, wenn jetzt die weißen Kittel mit PD-Stab im Revers wieder modern werden.
Bäcker und Augenoptiker, alle Bundesinnungen sollten die fachlich überfrachtete Ausbildung abbauen, und ihre zukünftige berufliche Generation fit machen, sicher am Markt und im Wettbewerb zu bestehen. Me-too-Angebote für Gleitsichtbrillen für unter 100 € machen Sinn, wenn man weiß, wie man es macht und eine Strategie dahinter steht, die die notwendigen Margen sichert. Die jungen Leute müssen deshalb die Spielregeln kennen lernen, die im immer härteren Wettbewerb mit Großanbietern gelten und sich dagegen zu behaupten.
Dazu gehört, zu erkennen, wie der Internethandel mit individuell gefertigten Brillen funktioniert. Ob wir es wollen oder nicht. Es wird nicht bei den ersten offensichtlich sehr erfolgreichen Versuchen á la Mr Spex bleiben. Asthenopische Beschwerden, wenn die den Begriff überhaupt kennen, interessieren nicht. Das Konzept dagegen ist einfach: Brille nicht gut = Brille zurückschicken = Geld zurück = keine asthenopischen Beschwerden mehr. Wie rechnet sich das aber?
Zum Überlebenskampf gehören auch ein paar (je nach Sichtweise erlaubte oder unfaire) Tricks. Wie beispielsweise das Angebot einer Ray Ban Piloten- Sonnenbrille für damals nur 59 DM. Dieser Preis galt ausschließlich für die kleine weiße Ausführung, die auch nur dekoriert war. Das Original, das auch heute noch in allen Köpfen ist, kostete selbstverständlich den üblichen Preis und musste umständlich „von hinten“ geholt werden.

.(Javascript muss aktiviert sein, um diese Mail-Adresse zu sehen) am 15.08.2010 um 05:00 Uhr
(0) Comments | Permalink | Artikel empfehlen
Seite 1 von 133 Seiten  1 2 3 >  Letzte »
Brennpunkte-Archiv