Freitag, 15. Mai 1998
Ab dem nächsten Jahreswechsel kommt mehr auf uns zu als nur neue Geldscheine und Münzen. Wie lauten die neuen Eckpreise? Wer zahlt oder steckt in die Tasche, was beim Auf- oder Abrunden übrig bleibt? Auf diese und andere Fragen haben Sie noch keine Antworten? Es wird Zeit, denn der Euro kommt beängstigend bald.
Wer glaubt, der Euro bedeute nur einen Umrechnungsprozess und neue Geldscheine, der irrt gewaltig. Auch die insgeheim gehegten Hoffnungen, die Währungsumstellung werde in letzter Minute doch noch verschoben, sind seit einigen Wochen vom Tisch. Die EU-Kommission hat ihren Konvergenzbericht vorgestellt, das europäische Währungsinstitut sein Gutachten abgegeben und die Bundesbank hat wegen der Schulden von Italien und Belgien pflichtschuldigst ein bißchen geschimpft. Also wird der Euro nach menschlichem Ermessen termingemäß mit elf Ländern starten.
Es ist müßig, jetzt noch nachzukarten: Dass Euro-Land kein politisches Dach besitze, dass da per Revolution von oben ein Souveränitätstransfer ohne Volksabstimmung stattfinde, oder die Mehrheit der Deutschen gegen den Euro sei. Oder dass auf Druck des großen Geldes eher ein Europa der Banken und Industriekonzerne entstehe, worauf der Börsenboom schließen lässt. Fazit: Der Euro kommt, stark oder wackelig - und es wird höchste Zeit, sich darauf einzustellen.
Nach einer DIHT-Untersuchung hat sich von 25.000 Einzelhändlern bisher nur jeder fünfte mit der Währungsumstellung beschäftigt. Sieht es in der Augenoptik besser aus? Dabei erhält gerade der Handel und das Handwerk eine zentrale Rolle bei der Währungsumstellung. Wir werden die Blitzableiter für den Ärger unserer Kunden und die Wechselstube der Nation sein.
Aber auch sonst greift der Euro in unsere Geschäft ein - direkt und indirekt:
1. Die Auswirkungen auf die Konjunktur und die Konsumstimmung
Der Euro schafft eine bisher unbekannte Transparenz der Standortbedingungen. Deshalb muss hierzulande der Reformstau gelöst werden, was uns allen mehr Leistungsbereitschaft abverlangt und mithin wenig stimmungsfördernd wirkt. Das Versprechen von mehr Jobs wird sich als Lüge herausstellen. Die nationale Wirtschaftspolitik verliert an Steuerungsmöglichkeiten; der Konflikt zwischen Geld- und Beschäftigungspolitik ist vorprogrammiert. Speziell der Mittelstand wird Subventionen, Privilegien und Schutzbestimmungen verlieren. Wenn schließlich auch die Hypotheken und Versicherungen auf den Euro umgeschrieben werden, verstärkt sich die Verunsicherung und unsere potentiellen Kunden halten ihr Geld dann doppelt fest.
2. Der Handel und das Handwerk werden es ausbaden
Die Konzentrationswelle bekommt einen neuen Schub zugunsten von Konditionsvorteilen für die Großen. Vor allem in grenznahen Gebieten wird sich ein verschärfter Wettbewerb bei Preisen und Löhnen ergeben, die sich nicht durch Leistung begründen, sondern einzig vom Gefälle von Steuer- und Sozialgesetzen, Rechtsvorschriften, Sonderangebotsregelungen, Ladenöffnungsvorschriften abhängig sind. Der Vergleich stimmt nicht, wonach der Euro die gleiche Wirtschaftssituation schaffen werde wie sie zwischen New York und Kalifornien herrscht.
3. Die Kosten der Währungsumstellung und ihre Vorbereitung
Diese Kosten werden in jedem Betrieb - ob groß oder klein - gravierend ins Gewicht fallen, selbst wenn es doch noch zum Big Bang kommen sollte. Und schließlich wird sich ein übles Spiel entwickeln um neue Eckpreislagen. Das mag in der Augenoptik bisher nicht so wichtig erscheinen; kann sich aber über Nacht zu einem ganz entscheidenden Faktor auswachsen. Denn man kann nicht einfach von DM auf Euro umrechnen. Was sind die psychologisch richtigen Preise beim Euro? Wer steckt den geldwerten Vorteil der Stellen hinter dem Komma ein, die beim Auf- oder Abrunden anfallen? Die Industrie? Der Großhandel? Die Augenoptiker? Die Kunden? Und wer bekommt wieviel davon?
In Deutschland, einem der teuersten Länder in Europa für augenoptische Produkte, wird die Internationalisierung unserer Branche durch den Euro erst richtig in Schwung kommen. Der Verkauf von Apollo an eine internationale Beteiligungsgruppe und Fielmanns Expansion in der Schweiz sind erst der Anfang. Niemand darf sich darauf herausreden, bis zum Jahr 2002 sei noch lange Zeit. Der Euro beginnt am 1. Januar 1999, also in einem knappen halben Jahr. Ab diesem Zeitpunkt könnten wir theoretisch schon per Scheck oder Scheckkarte in Euro bezahlen! Das gilt also auch für diejenigen Augenoptiker, die die nächste optica tatsächlich als Vorordermesse nutzen und ihre Ware erst im nächsten Jahr geliefert bekommen.
Das haben Sie noch nicht bedacht?