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Dienstag, 15. November 2011

30 Jahre

Eine neue Generation ist in diesen 30 Jahren herangewachsen, zum Beispiel meine Töchter, die beide inzwischen selbst Kinder haben und demnächst den Verlag fortführen werden. Aber eine Generation ist auch gegangen, weshalb ich manchen Bekannten und guten Freund auf seinem letzten Weg begleiten musste. Wie groß der Zeitraum, und wie schnell vergingen diese 30 Jahre.
Jeder, der es damals gut mit mir meinte, riet mir dringend davon ab, eine neue Fachzeitschrift auf den Markt zu bringen. Niemand konnte sich vorstellen was sie anderes sein sollte als ein Mix aus den damals bekannten Periodika. Ich denke, es ist nicht überheblich zu behaupten, mit dem FOCUS ist ein bis dato unbekanntes Sujet in die Branche gekommen: keine tiefschürfenden Fachartikel, die kaum jemand verstand, keine anwanzende Hofberichterstattung aus Innungen und der Industrie und kein Abdruck nicht enden wollender Fortsetzungsgeschichten aus früheren Jahrhunderten.
Vielleicht war die Zeit damals gerade reif für ein berufspolitisches Magazin wie den FOCUS. Der gesamte Berufsstand inklusive der Industrie geriet ab den frühen 80ern in eine Zentrifuge, die alles durcheinander wirbelte und aus heutiger Sicht kaum einen Stein auf dem anderen ließ.
Rodenstock und Zeiss besaßen ein faktisches Monopol im Markt, das gerade zu bröckeln begann. Im Verbund mit dem ZVA bestimmten sie bis dahin kompromisslos die Marschrichtung. Natürlich gab es regionale Anbieter wie Rupp + Hubrach, Ehinger, Stratemeyer und andere. Aber das waren Leichtgewichte, die sich zu fügen hatten. Und heute? Essilor, Hoya und Seiko bestimmen die Märkte weltweit.
Für mich hat R+H als mittelständisches Unternehmen in diesen 30 Jahren eine unglaubliche Entwicklung aus der fränkischen Nische heraus nach Deutschland gemacht. Das Engagement der beiden früheren Besitzer, Werner Rupp und Günther Hubrach, erlaubte Entwicklungen in der Glastechnologie, die der Be¬obachter eher von den großen Anbietern erwartet hätte und die für andere richtungsweisend waren.
Aber erst die Fassungsindustrie, was hat sich dort getan? Die weltweiten Marktführer, Marwitz + Hauser, Metzler, Menrad, und Rodenstock segeln mehr oder weniger unbeachtet im Schatten riesiger italienischer Konzerne. Und die beiden erstgenannten gibt es schon gar nicht mehr; sie sind Zombies und fristen ihr Dasein als Kollektionsnamen.
Die Mauer zur DDR war ein Segen für die optische Industrie in Deutschland, die Welt war noch keine Kugel. Im Schatten der Mauer war der Wettbewerb überschaubar, es ging allen gut. Man brauchte seine Fühler nicht weit über Deutschland bzw. Europa ausstrecken und konnte doch gutes Geld verdienen.
Die Großen der Industrie waren so stolz auf diese bequeme Situation, dass sie es sich leisten konnten, alle Bemühungen um eine augenoptische Fachmesse schon im Ansatz zu zerstören. Bloß keinen unnötigen Wettbewerb aufkommen lassen und kleineren Anbietern Raum geben. Bis die optica Mitte der 70er doch eröffnet und nicht mehr wegzudenken war. Und tatsächlich kamen die Besucher aus Übersee zunächst zur optica, weil die deutsche optische Industrie weltweit noch einen hohen Status hatte. Erst danach fuhr man nach Mailand zur MIDO.
Doch wie schnell drehte sich das Blatt, die optica wurde erst zu einer nationalen Messe degradiert und dann durch den aus meiner Sicht arroganten Einfluss von Randolf Rodenstock und die Manipulationen am Termin endgültig eliminiert. Zugegeben, die WVAO hat wesentlich zu diesem Niedergang beigetragen, weil sie als Scheinriese einen robusten Einfluss in den optica-Gremien ausübte, der ihr wegen ihrer Bedeutungslosigkeit in der Branche eigentlich nicht zustand.
Mit dem Fall der Mauer war die Welt plötzlich rund und die deutsche Gemütlichkeit in der verträumten Oase war vorbei. Längst waren andere an der deutschen Industrie vorbeigezogen, sie war nur noch Juniorpartner im globalen Markt. Essilor war mittlerweile der umsatzgrößte Anbieter für Brillengläser und weltweit mit eigenen Schleifereien und Niederlassungen vertreten, wie auch Hoya. Fassungsanbieter wie Luxottica oder Safilo, über deren angeblich schlechte Qualität sich manches Vorstandsmitglied Ende der 70er in München lustig gemacht hatte, beherrschten die Märkte längst mit Designerkollektionen.
Mit der Jahrtausendwende wurde Deutschland, das Land der Ingenieure und Tüftler, wieder Weltspitze und wird dies auch noch lange bleiben. Ein bis dahin unbekannter Ingenieur krempelte die Produktion von Brillengläsern um. Mit einer Kombination (bildlich erklärt) aus Drehbank und Nähmaschine erlaubte seine Technologie die Gestaltung beliebiger Topografien auf Glasflächen: FreeForm war geboren.
Mit dieser Technologie konnten Rodenstock (Impression) und Carl Zeiss Vision (Gradal Individual) im Januar 2000 als erste weltweit eine neue Ära einläuten: individualisierte Progressivgläser.

.(Javascript muss aktiviert sein, um diese Mail-Adresse zu sehen) am 15.11.2011 um 04:00 Uhr
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