Ahnungslos

15. November 2017

15. November 2017

Gut, dass es Gleitsichtgläser gibt. Sie sichern den Wohlstand der Branche, der Industrie, der Augenoptiker. Aber auch die Endverbraucher profitieren von den Gläsern dieser Technologie. Presbyope haben heute einen bis vor wenigen Jahren noch unglaublichen Komfort beim Sehen in die Ferne und die Nähe.

Sehen wir uns die Klötze der ersten Generation an (ich vergleiche diese Gläser gern mit einem Trabbi) und vergleichen sie mit den feinst getunten Gläsern der heutigen Generation, dann liegen Welten dazwischen, nur der Gattungsname ist geblieben.

Ich will hier nicht davon schreiben wie verantwortungslos sich manche Augenoptiker verhalten, wenn es um die Anpassung sowie Messung der Zentrier- und Anpassparameter geht. Viktorin steht noch immer hoch im Kurs. Neutrale, herstellerunabhängige und tabletbasierte Messprogramme werden kaum genutzt.

Dagegen verlangen die individualisierten und personalisierten Gläser nach bildgebenden Messverfahren, sollen die heutigen Möglichkeiten der optischen Korrektur wirklich vollständig ausgeschöpft werden. Und erst dann sind die ca. 900 Euro oder mehr gerechtfertigt, die der Augenoptiker seinen Kunden für diese Gläser berechnet. Alles andere ist in meinen Augen Betrug am Kunden.

Die Produktion dieser personalisierten und individualisierten Brillengläser ist längst kein Hexenwerk mehr. Die Generatoren in denen die optischen Kurven in das Glas geschnitten werden, sind – am einfachsten zu erklären – eine Kombination aus einer Drehbank und einer Nähmaschine. Sie benötigen eine Software, die diese Maschinen ein bestimmtes Gleitsichtglas mit den definierten optischen Kurven eines bestimmten Designers auf den Punkt genau fertigen lassen. Das heißt, die Generatoren können jedes beliebige Gleitsichtglasdesign in ein Glas schneiden, solange sie auf die gewünschten Fertigungsparameter in einer Software zurückgreifen können.

Während der Diskussion welche inhaltlichen Schwerpunkte zur nächsten MAFO-Konferenz in Mailand gewählt werden sollten, stolperten wir in der Redaktion über die Frage, warum es erstaunlich viele Firmen gibt, die sich dem Design von Gleitsicht- und Einstärkengläsern widmen und von deren Verkauf leben können. Die Erklärung: Es besteht eine relativ große Nachfrage von den vielen Schleifereien in aller Welt nach eigenen und individuellen Flächendesigns.

Dabei geht es weniger um eine harte oder weiche Progression oder die Weite der Progressionszone. Je nach Vorstellung einer Schleiferei können praktisch alle Kriterien eines Gleitsichtglases individuell verändert werden. Und damit komme ich zum Punkt.

Wer weiß welche Philosophie hinter den Gleitern steht, die ein Augenoptiker von seinem Glaslieferanten bekommt? Ich bin überzeugt, niemand weiß es, bis auf die wenigen Programmierer, die sich hauptberuflich mit diesen Fragen befassen.

Es scheint auch nicht wichtig zu sein, denn die einzelnen Hersteller sagen nichts über die Philosophie ihres Designs, außer Gemeinplätzen. Die schönen Bilder zur Demonstration der einzelnen Sehbereiche sind letztlich alle gleich, nur der Hintergrund ist austauschbar. Und die Augenoptiker wissen nichts über die Unterschiede, sie fragen nicht einmal.

Vielleicht ist das auch nicht wirklich wichtig, weil die Designs der Topgläser so verallgemeinert sind, dass sie immer ohne nachzufragen passen. Aber es gibt sie, diese seltenen Ausnahmen: Menschen, die besondere Anforderungen haben wegen ihres Berufes (z.B. Architekten, die auch auf einem Plot in DIN A0 eine Linie auf der gesamten Breite als Gerade sehen wollen und nicht als Bogen), wegen ihres Hobbys oder ihrer besonderen Körper- und Kopfhaltung. In diesen Fällen stoßen die Standardgläser an ihre Grenzen.

Das Problem: Vor dem Augenoptiker steht plötzlich ein Kunde, der seine teure Gleitsichtbrille reklamiert weil er nicht so bequem sehen kann wie versprochen. Jeder kennt dieses Problem. Und jetzt beginnt das Ritual des Pawlowschen Hundes: Sitz der Brille prüfen, Glaszentrierung prüfen, den Kunden nach Hause schicken, er soll sich dran gewöhnen.

Nach ein paar Tagen wird die Brille zum Glaslieferanten geschickt, mit dem Kommentar: Da stimmt was nicht mit den Gläsern. Die Brille kommt zurück mit einem Paar neuer Gläser; der Hersteller konnte an den Gläsern der ersten Lieferung nichts entdecken, aber Kulanz usw.

Der Kunde kommt wieder, hat immer noch Probleme. Also wird das Problem jetzt quick and dirty gelöst mit Gläsern einer früheren Generation. Und siehe da, der Kunde ist glücklich.

Wahrscheinlich hätte man das Problem eleganter mit einem anderen Progressivdesign lösen können, wenn der Augenoptiker gewusst hätte welches andere Design seinem Kunden wirklich geholfen hätte und wo er dieses Progressivdesign hätte bestellen können.

Der Augenoptiker weiß nichts davon, es interessiert ihn auch nicht wirklich weil viel zu kompliziert; und die Industrie sagt nichts.

Vorheriger Eintrag:

Erwin Müller

Kommentieren