Alte Augenoptik, neue Augenoptik

18. Juni 2019

18. Juni 2019

Der Komet hat die Erde getroffen. Das Ende der Augen­optik-Dinos ist nah. Aber Neues ist im Anzug und schon zu sehen. 2019 scheint das Jahr zu werden, in dem sich die alte Augenoptik verabschiedet und die neue Augenoptik immer stärker Kontur gewinnt. Dieser Wandel kommt heute schleichend. Anfang der 80er Jahre wurde die Branche mit brachialer und unübersehbarer Gewalt umgepflügt und aus ihrem Garten Eden verjagt. ZVA und Innungen mussten ohnmächtig erkennen, dass eherne Verhaltensregeln und Absprachen einer juristischen Prüfung nicht standhalten und somit ihre Mitglieder nicht schützen konnten. Wie bereits seit Monaten im FOCUS regelmäßig beschrieben, wird sich die Augenoptik in den kommenden Monaten – ­Monaten, und nicht in Jahren – rasant verändern. Die Augenoptik, wie wir sie bisher kennen und wie sie bisher den Alltag der meisten Augenoptiker bestimmt hat, wird abgelöst werden von Augenoptik 4.0 / Optometrie 4.0. Und wieder, so scheint es, sind weder die Innungen noch der ZVA oder die mittelständischen Augenoptiker darauf vorbereitet und stehen diesen Veränderungen ähnlich hilflos gegenüber.

Die Digitalisierung bringt nicht nur neue Untersuchungs­methoden und Gerätekonzepte mit sich, auch der Markt mit seinen Anbietern verändert sich. Konzeptstores von Liefer­anten, aber auch neue Unternehmensvisionen von Onlinehandel und stationärem Handel entstehen nicht erst; die ersten sind schon da! Vereinzelt noch, aber auch Fielmann hat mal klein angefangen. Folgendes ist im Zusammenhang mit Brille24 und Essilor als Hintergrundinformation in diesem Zusammenhang wichtig: Das Unternehmen nutzt vor allem künstliche Intelligenz (KI), Neuronale Netze und Algorithmen in verschiedenen Bereichen, damit der Kunde seine neue Brille von seinem Laptop aus kauft. Manuel Zapp erklärte: „Unser Ziel ist es, dass die Endgeräte der Nutzer mittelfristig alle Funktionen und Fähigkeiten eines Beraters im stationären Handel mindestens gleichwertig erfüllen können – von der Messung der Korrekturwerte bis hin zur Stilberatung“. Der 27-Jährige leitet seit Mai 2018 die Forschungs- und Entwicklungsabteilung bei Brille24 und arbeitete zuvor für das Deutsche Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz in Saarbrücken, mit dem Brille24 seit mehreren Jahren kooperiert.

Wie aber soll ein mittelständischer Augenoptiker ein solches „Partnerkonzept“ ernst nehmen, wenn im Hintergrund bereits daran gearbeitet wird, dass der Augenoptiker gar nicht mehr gebraucht wird? Was wird denn eigentlich mit den Menschen passieren, die in dieser Branche arbeiten? Sind die dieser Veränderung mit allen Konsequenzen gewachsen – egal ob Inhaber oder Angestellte? Verstehen die, was sich gerade ändert und können sie daraus Schlüsse ziehen für ihr weiteres Handeln? Augenoptiker werden sich schneller als ihnen lieb ist an die neuen Marktbedingungen und den kommenden Wettbewerb anpassen müssen. Wettbewerb, der immer öfter an ihnen vorbei zieht und Augenoptiker gar nicht mehr braucht! Und auch ohne Meisterpräsenz beste Geschäfte mit Brillen machen kann! Um in ihrer Rolle als David bestehen zu können, benötigen die Augenoptiker zusätzlich zum Fachwissen die Fähigkeit digital zu denken und trotzdem nicht die Verbindung zum Menschen zu verlieren.

Im Moment sehe ich leider wieder die übliche totale Technikverliebtheit. Man klammert sich lieber fest an iPad und Co. und findet das digitale Messen total geil. Manch einer vergisst dabei den Kunden. Menschliche Kommunikation mit dem Kunden in einer digitalisierten Umgebung findet kaum noch Raum. Es zählen nur noch Kurven, Grafiken und Tabellen. Aber Kommunikation mit dem Kunden wird in den kommenden Jahren immer wichtiger. Den Kunden muss man abholen, für sich und seine Dienstleistungen begeistern. Beispiels­weise mit neuen Marketingansätzen. Aber auch, indem man ihn ernst nimmt. Den Kunden zu reduzieren auf Abbildungen von Augenhintergründen auf Kontrollmonitoren, darauf wird kein Geschäftsmodell aufzubauen sein. Dann gibt es da noch die junge Generation an Menschen, die diesen Beruf erlernen möchten. Bereitet die Branche ihnen eine nachhaltige Basis, auch um später eine eigene Familie ernähren zu können? Wenn man das Schielen nach zusätzlichen Absatzkanälen außerhalb der Augenoptik beobachtet, hat die Optik-Branche an sich keinesfalls bei jedem Marktplayer die höchste Priorität. Manche aus der noch jungen Augenoptikergeneration haben von sich aus Konsequenzen gezogen und den Wandel für sich abgehakt. Sie kehren dem Beruf bereits während der Ausbildung, spätestens aber nach Lehre oder Studium den ­Rücken. Arbeitszeiten im Einzelhandel bzw. Perspektivlosigkeit was das Ausleben von Optometrie im gegenwärtigen Augenoptikgeschäft angeht, passen nicht in die Lebens­welten der jungen Berufseinsteiger.

Manche bleiben aber.
Aus Überzeugung.
Auf die sollten ZVA, Innungen und Inhaber setzen und die neue Augenoptik aufbauen.

 

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Einmal im Jahr

Kommentare

  1. Leo Speedy
    29.06.2019 um 18:07 Uhr

    Liebe Augenoptiker Kollegen und Kolleginnen.

    Wir soolten unseren Verstand einschalten und
    uns das Video: https://youtu.be/z0uRzkZuVuM
    “Die Digitale Diktatur | Harald Lesch | SWR Tele-Akademie”
    anschauen. Hier wird alles gesagt. Wir soolten uns nicht
    dem “Herdentrieb” hingeben, sondern besser unsere Kunden aufklären!
    Prof. Lesch ist ein Mahner,ein Gewissen und hält der Gesellschaft den
    Spiegel vor. Er zeigt uns, wie gleichgültig und naiv wir sind!

    Ebenfalls: Die Menschheit schafft sich ab | Harald Lesch | SWR Tele-Akademie

    https://youtu.be/gMRnowgpGig

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