Ausländer, nein

15. November 2018

15. November 2018

Der Titel gibt ganz bestimmt nicht meine Meinung wider. Er hat auch nichts mit AfD oder Pegida und sonstigen Irrlichtern zu tun. Nein, offizielle Stellen und Behörden mit ihren Gesetzen und Ausführungsbestimmungen verhalten sich so, solange niemand unüberhörbar „Asyl“ gebrüllt hat.

Allgemein bekannt ist, dass ich aktiver Gesellschafter von zwei Firmen in China bin. Wir produzieren zwei Fachzeitschriften in gleicher Qualität wie hier in Deutschland. Die zweite Firma vertreibt mit großem Erfolg die Refraktionssoftware Paskal 3D. Um diese Software sicher und sinnvoll anzuwenden, tut sich ein riesiges Problem auf, denn der Wissensstand chinesischer Augenoptiker in Refraktion und Brillenanpassung liegt nahe Null. Das heißt, wir schulen und bilden regelmäßig aus, ebenfalls mit großem Erfolg.

Damit haben wir eine kleine Lawine losgetreten. Die Augenkliniken haben schnell erkannt, welches wirtschaftliche ­Potenzial hinter einer guten Ausbildung der sogenannten Optometristen steckt. Inzwischen liegen fünf Anfragen von Augenkliniken vor, bei ihnen eine deutsche Schule zu gründen und Augenoptiker auszubilden. Es würde zu weit führen, die logistischen Probleme an dieser Stelle zu diskutieren.

Nur so viel: Wir brauchen dringend deutsche Lehrer, die ­unsere Vorstellung von Augenoptik lehren können. Viel dringender aber brauchen wir Übersetzer, die in der Lage sind, die Unterrichtsstunden fachlich korrekt für die Schüler zu übersetzen. Am besten wäre, es gäbe einen gut ausgebildeten zweisprachigen Augenoptiker, der diese Arbeit verantwortlich übernehmen kann.

Deshalb hatten meine chinesische Geschäftspartnerin und ich im vorigen Jahr beschlossen, die Lösung langfristig und grundsätzlich anzugehen: Ihr Sohn sollte in Deutschland zunächst Deutsch lernen und anschließend eine Lehre als ­Augenoptiker beginnen. Später, nach ein oder zwei Gesellenjahren soll er in Aalen studieren. Entweder als Bachelor oder Master soll er in etwa zehn Jahren nach China zurückkehren und die Möglichkeiten der Ausbildung in China auf eine breite Basis stellen.

Damit begann mein Kampf mit den fremdenfeindlichen Strukturen der Behörden – ich kann es nicht anders beschreiben. Seine Eltern mussten knapp 10.000 Euro als Sicherheit hinterlegen, bevor überhaupt ein Visum beantragt werden durfte. Dann wurde der erste Antrag mit bewusster Fehlinterpretation – auch das kann ich nicht anders erklären – der zuständigen Ausländerbehörde abgelehnt. Im Verfahren der Remonstration wurde dann doch einem Visum für sechs ­Monate zugestimmt, um die deutsche Sprache zu erlernen.

In Deutschland angekommen, wurde keine Aufenthalts­genehmigung erteilt, weil die Wartezeit darauf drei bis sechs Monate beträgt. Ohne Anmeldung war der Aufenthalt hier widerrechtlich. Und das Visum wäre bis dahin auch abgelaufen. Ohne Aufenthaltsgenehmigung konnte er auch kein Arbeitsvisum beantragen, um eine Lehre zu beginnen. Dann erkannten sein Lehrchef und ich eine typische deutsche ­Eigenart, dass sich zwei Vorschriften gegenseitig ausschließen:

Das Arbeitsvisum kann nur ausgestellt werden, wenn der Lehrvertrag von der HWK amtlich bestätigt ist. Die HWK darf aber nur dann bestätigen, wenn ein Arbeitsvisum vorliegt. Jede erdenkliche Möglichkeit, diese Klippe zu umschiffen, wurde mittlerweile vom Bundesinnenminister verboten, weil Asylsuchende eine Lehre (Ausbildung) angefangen haben und somit nicht mehr abgeschoben werden können.

Dann stellte sich das Arbeitsamt quer. Für Bewerber aus einem Nicht-EU-Ausland wird kein Arbeitsvisum ausgestellt, die ­Augenoptiker werden möchten, weil es zu viele Interessenten gibt. Wie blind der Amtsschimmel ist, beweist das Arbeitsamt, weil dort niemand weiß, dass es kaum Gesellen oder Meister gibt, die eine Anstellung suchen. Trotzdem konnte dieses Problem schließlich auch gelöst werden.

Allerdings gab es kein Visum rechtzeitig zum offiziellen Start der Ausbildung am 1. September. Erst nachdem ich alle politischen Knöpfe gedrückt und etwas Wirbel veranstaltet hatte, meldete sich kurzfristig die zuständige Ausländerbehörde und beklagte sich, dass die ursprünglich zuständige Behörde trotz mehrfacher Nachfrage die benötigten Dokumente nicht weiterleitete. Die sind zur Bearbeitung aber zwingend vorgeschrieben. Erst in einem gemeinsamen Kraftakt mit der deutschen Botschaft in Peking wurde der Weg frei für ein Arbeitsvisum.

Dieses Hick-Hack hat sein Lehrchef mit einer Engelsgeduld mitgetragen und letztlich immer wieder mit einem „jetzt erst recht“ mitgekämpft. Dafür gebührt ihm meine besondere Hochachtung.

Am 1. November konnte der Sohn meiner Geschäftspartnerin seine Lehre antreten.

Als wir Anfang des Jahres beschlossen, dieses Experiment zu wagen, hatten wir keine Ahnung, wie viele und wie große rechtsstaatliche Steine die Behörden uns in den Weg werfen würden.

Ich hätte nie gedacht, wie ausländerfeindlich unsere Gesetze und Bestimmungen sind. Das gilt selbst für EU-Bürger, die hier geboren sind, nie in dem Land gelebt haben, deren Bürger sie sind und jetzt einen deutschen Pass beantragen wollen. Diesen Menschen wird symbolisch und deutlich gezeigt, sie sollen dableiben, wo der Pfeffer wächst.

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Ach, wie war es doch so schön

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