Befugte Personen

15. November 2019

15. November 2019

Telemedizin und Screenings sind der neue heiße Scheiß in der Augenoptik. Oder etwas vornehmer ausgedrückt: Sie ermöglichen Tätigkeiten über das übliche Maß unseres Berufstandes hinaus, die nicht nur lange indiskutabel waren, sondern zudem in der Vergangenheit, stetig wiederkehrend, die Unstimmigkeiten zwischen Augenoptikern und Augen­ärzten neu befeuerten.
Der Augenoptiker als erste Anlaufstelle für gutes Sehen; ­darauf arbeitet an Fachhochschulen, in Weiterbildungsmaßnahmen und in Konferenzen eine ganze Generation von ­Augenoptikern hin. 
Zuletzt war das deutlich erkennbar auf der gemeinsamen Konferenz der IVBS, VDCO und ZVA, der Sicht.Kontakte in ­Hannover, dort haben mehrere Anbieter entsprechende ­Geräte vorgestellt. Der Tenor war ähnlich: Telemedizin bietet neue Möglichkeiten im Leistungsspektrum der Augenoptiker und erlaubt eine ganzheitliche Ansprache in allen Fragen rund ums gute Sehen. Es ist wie der wahrgewordene feuchte Traum vieler ambitionierter Augenoptiker. 
Doch mit der Möglichkeit der Ferndiagnose und der Screenings kann der Augenoptiker nicht den Kopf aus der Schlinge der Verantwortung ziehen und diese Dritten oder gar einer Software überlassen. Seien sie auch noch so kompetent und verlässlich. Weiterhin ist eine solide Kenntnis und eine entsprechende Erfahrung auf diesem Gebiet wichtig. 
Glücklicherweise geht die Weiterbildung vieler Augenoptiker oftmals weit über ihr in Deutschland rechtlich abgestecktes Feld hinaus, sei es durch Kursinhalte an Fachhochschulen, Auslandsstudien oder andere Fortbildungen. Die geschulten Blicke dieser Fachleute sind in der Lage, entsprechende Veränderungen zu erkennen und in Abstimmung eines Augenarztes weiterführende Behandlungen einzuleiten.
Alles andere ist brandgefährlich. Denn ist die Gefahr nicht groß, dass solche Geräte, samt Software zukünftig in die nächstbesten Hände von jemandem gegeben werden, der sich irgendwie „mit Augen auskennt“? Oder wer hindert einen Shopbesitzer in einem Einkaufszentrum daran, ein Gerät aufzustellen und Messungen durchzuführen, wenn es ohnehin durch eine fachkundige Instanz verifiziert wird? 
Während in den Fachvorträgen im großen Hauptsaal der 
­­­Sicht.Kontakte viele Augenoptiker freudig angespannt auf der vorderen Stuhlkante bei Themen rund um die Optometrie und interdisziplinären Inhalten hockten und sich im Geiste schon bei Amazon einen neuen weißen Kittel bestellen sahen, war die Stimmung im etwas kleineren Tagungssaal nebenan bei der Obermeistertagung etwas verhagelt. Denn man war sich hier noch nicht einmal 100%ig sicher, ob die ureigenste Tätigkeit eines Augenoptikers, die Refraktion, auf dem Spiel stehe.
Die Refraktion! Unsere Expertise, die jahrzehntelang nicht verteidigt werden musste und in der uns niemand etwas vormacht, schon gar nicht ein Augenarzt – und deren Diskussionen darüber seit den Verhandlungen um das HHVG schon bei den Akten lag.
In seiner Rede versetzte ZVA-Präsident Thomas Truckenbrod die anwesenden Obermeister in Alarmbereitschaft. Denn er brachte neue Erkenntnisse von einer Präsidiumssitzung am Vortag mit, in der Dr. Matthias Neumann, Regierungsdirektor im ­Referat Medizinprodukte des Bundesgesundheitsministeriums, auf eine kurze ungenaue Formulierung im Medizinproduktegesetz aufmerksam gemacht hatte, die aber kriegsentscheidend sei, ob ein Augenoptiker zukünftig nur noch auf Rezept (des Augenarztes) eine Brille aushändigen kann – oder ob er die Brillenglaswerte immer noch selbst bestimmen darf!
Dem Wortlaut nach, dürfe eine Brille nur herausgegeben werden durch „eine schriftliche Verordnung durch eine befugte Person“. Würde diese Formulierung nicht durch eine genaue Bezeichnung ersetzt, bliebe die Frage: Wer denn so eine ­befugte Person sei? Ein mögliches Worst-Case-Szenario brachte Truckenbrod ins Spiel, in dem eine andere Berufsgruppe den Teil „befugte Person“ ersetzen könne. Damit die Politik nicht zu Ungunsten der Augenoptiker entscheide, sei Eile geboten und entsprechende Maßnahmen würden eingeleitet. 
Bei Drucklegung dieser Ausgabe sind die Entscheidungen bereits getroffen, wir sind sicher, sie werden die Augenoptik nicht in die Nachkriegszeit zurückversetzen. Eine befugte Person in Sachen Refraktion ist und bleibt der Augenoptiker.
Silke Sage
FOCUS Chefredakteurin
 

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