Brille? Bloß nicht!

15. März 2019

15. März 2019


Seit Generationen wollen alle Umfragen der Bevölkerung, wie sie es mit der Bille halten, den Augenoptikern weismachen, mindestens 50% aller Erwachsenen trügen (heimlich) Brille. Nur, auf der Straße und im Büro sieht man sie nicht. Aber vielleicht sind diese 50% auch gerade in einem anderen Stadtteil oder anderen Raum. Dabei schwärmte die Branche vor 25 Jahren von dem Umsatzboom, der sich am Horizont abzeichnete, wenn die Babyboomer 45 Jahre alt werden. Inzwischen sind die in Rente. Den Boom an Gleitsichtbrillen hat es nie gegeben. Zum Entsetzen der Branche hat sich die Mehrzahl dieser Generation stattdessen mit Billigstlesebrillen von der Tanke und auf Flohmärkten versorgt. Die teuren Gleitsichtbrillen liegen in irgendwelchen Schubladen oder Kästen rum; eine billige Lesebrille tut ihre Aufgabe offensichtlich besser. Bewusst wurde mir diese Situation jüngst im Thailandurlaub. Eine Urlauberin dort auf einer Nachbarsonnenliege am Strand las in einem e-Book, ohne Lesebrille. Die hätte ihr vom ­geschätzten Alter ohne Zweifel zugestanden. Stattdessen hatte sie die Vergrößerung so hoch eingestellt, dass ich die zwei bis drei Worte pro Zeile von meiner Sonnenliege aus bequem hätte mitlesen können. Eine andere Urlauberin, kurz vor der Rente, trug eine nigel-­nagel-neue personalisierte, individualisierte und teuerste Gleitsichtbrille mit eingebautem Parkplatz, Minibar und Fernsehballett. Diese Brille gab sie wie selbstverständlich auch ihrem Mann, wenn er die Menükarte für das Abendessen lesen wollte. Diese Brille wanderte im Laufe des Essens mehrmals hin und her. Fachfrage an die Hersteller: Wie ist so etwas möglich? Ist ­diese Individualisierung und Personalisierung von Gleitsichtgläsern am Ende doch nur Mumpitz? Dank Internet kann man überall in der Welt über die Mediathek deutsche Fernsehprogramme verfolgen. Haben Sie schon einmal Marietta Slomka mit Brille gesehen? Ich staunte nicht schlecht, als sie am 12. Februar im Vorspann zum ­Heute-Journal eine Brille trug. In der Überblendung zur Sendung nahm M. Slomka ihre ­Brille ab und verstaute sie in einem schwarzen Kästchen neben ihrem Laptop. Dieses Brillenetui liegt dort jeden Abend deutlich sichtbar. Und wenn man genau hinsieht, erschließt sich auch, warum sie ohne Brille ihr Manuskript lesen kann: Die Schrift ist entsprechend groß ausgedruckt worden. Was also bringen die Brillenträger des Jahres, die für sehr teures Geld eine Brille nur zum Shooting und zum Präsentationsevent bei der opti tragen? Dann verschwindet sie in der Versenkung: Brauch‘ ich nicht. Die oben zitierten 50% stimmen also wohl doch. Verhalten sich Augenoptiker anders? Wir brauchen uns nur in der ­Branche umsehen. Man sollte erwarten dürfen, dass Augenoptiker und Vertreter der Fassungsanbieter zu 100% eine Brille tragen. Aber wer trägt schon selbst das modische ­Accessoire im Gesicht, von dem die Branche lebt? Eine Brille als Demonstration im eigenen Laden wie vielfältig, emotional und modisch eine Fehlsichtigkeit korrigiert werden kann – wer trägt sie? Geschweige denn einfach nur als wirklich modisches Accessoire monatlich wechselnd mit Plangläsern? Ganz lustig die Mehrzahl der anerkannt Großen in der Gilde der Kontaktlinsen-Anpasser, die meist eine Brille tragen und so ihren Kunden von den Vorteilen einer Kontaktlinse vorschwärmen. Sie haben recht, wenn Sie, liebe Leser, mir vorwerfen, über dieses Phänomen leicht lamentieren zu können. Deshalb will ich gestehen, während ich diese Zeilen schreibe, ich trage keine Brille. Ist mir bei der Arbeit am Computer einfach nur lästig. Im Wohnzimmer, an meinem Lesesessel, liegt eine ­billige Lesebrille zum Studium der Tageszeitung. Irgendwo dort liegt auch eine hochmoderne Gleitsichtbrille, eine weitere im Schlafzimmer zum Fernsehen und noch eine beim Autoschlüssel, damit ich nicht vergesse sie mitzunehmen. Die benötige ich zum Autofahren, das ist sicherer. Vielleicht ist es wirklich so: Bei allem Aufplustern wie wichtig Fassungsdesign als Verkaufsargument ist, kommt die Branche nicht um die Erkenntnis herum, eine Brille wird nur manchmal gebraucht: Nur deshalb hat man eine. Man braucht sie aber nicht wirklich. Über 80% aller Korrektionswerte liegen in der Spanne bis - 2,0. Das bedeutet, ein Visus von 0,8 bis 0,9 reicht den meisten Fehlsichtigen fürs tägliche Leben. Das sieht Tillmann Prüfer, Style Director des ZeitMagazins, ­genauso. Seine Augenärztin hatte ihm bei einem Visus von 0,5sc verboten Auto zu fahren, solange er keine Brille trägt. Er will aber keine Brille: „Eines Tages werde ich auf die Straße treten, und aus dem Nebel wird ein Auto heranrasen und mich in den Asphalt reiben. Weil am Steuer ein Autofahrer sitzt, der auch keine Brille trägt. Das geschähe uns beiden dann vermutlich ganz recht.“ Es braucht sich also niemand zu wundern, wenn die Marktdurchdringung einer Brille so gering ist.
 

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Kommentare

  1. Fisahn
    15.03.2019 um 13:32 Uhr

    Ja so ist es. Wir kaufen zum Beispiel nicht bei Fassungsfirmen, die sich in Ihrem Katalog mit 100 Mitarbeitern vor der Firmenzentrale ablichten lassen ( alle in schwarz/weiss gekleidet ), wo nur ca 10 Personen eine Brille tragen, uns aber Brillenfassungen verkaufen wollen. Hätte jeder eine Brille auf und wäre in “Arbeitskleidung” zum Foto erschienen, hätte das auf uns einen tiefen Eindruck gemacht.
    Ich trage Brille R -0,25 L -0,50.

  2. Jörg Spangemacher
    18.03.2019 um 18:09 Uhr

    Hallo Fisahn,
    ich würde gern Ihren Kommentar im nächsten FOCUS veröffentlichen lassen wollen. Sofern Sie damit einverstanden sind, schicken Sie mir bitte Ihren Namen mit postalischer Anschrift und Ihrem Einverständnis.
    Gruß
    Jörg Spangemacher

  3. Leo Speedy
    27.05.2019 um 15:01 Uhr

    Ja die Eitelkeit der Endverbraucher.“Ich brauche keine Brille…...” Das habe ich am eigenem Leib gespürt. Nach meiner Mitralklappen-OP wurden bei mir in einer Reha-Einrichtung von einem ca. 60-jährigen Arzt die Fäden gezogen. Natürlich ohne Brille. Was sonst.  Was soll ich sagen. Fäden sind bei mir immer noch welche drin. Da stellt sich mir die Frage: “Wofür brauchen wir so einen Schwachsinn wie WVAO”? Wenn es nicht mal Ärzte kapieren!

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