Covid-19

16. März 2020

16.03.2020

Ich stehe mit meinem 8-jährigen Sohn in dem gerade mal seit zwei Tagen eingerichteten zentralen Abstrichzentrum für Covid-19-Verdachtsfälle in der Nähe von Aachen bzw. Heinsberg/NRW. Nach seinem plötzlichem nächtlichen ­Fieberanstieg und ­einem morgendlichen Anruf bei der Ärztin wurde empfohlen, uns möglichst zum nächstgelegenen ­Abstrichzentrum zu begeben. 
Viel ist nicht los. Nur wenige Personen müssen von maskierten Herren des Ordnungsamts durch die Schleuse gebracht werden. Zunächst heißt es auch für uns: Masken an. Für Kinder gibt es keine. Eine andere Mutter vor uns hat daher ihrem Kleinkind die Maske wie ein Lätzchen über die ­Nase umgebunden, es hängt mit dem zweiten Gummi wie ein schlaffer Lappen vor der Brust. Die Maske meines Sohns bedeckt sein ganzes Gesicht.
Wir warten in der Kälte, bis wir dran sind. Drinnen: Hände desinfizieren. Der Spender hängt so hoch, dass meinem Sohn die Desinfektionslösung die Arme entlang in die Jackenärmel läuft, bevor er die Chance hat, es zu verteilen. Ein Mitarbeiter überwacht das Prozedere. Ja – auch zwischen den Fingern, und nein – den Daumen haben wir auch nicht vergessen. 
Das Personal trägt dünne grüne Einmalkittelchen über der Alltagskleidung, dazu Masken, die auf dem Schwarzmarkt mittler­weile ein schönes Sümmchen versprechen würden. Dann ein kurzes Feststellen der Personalien und uns wird ein Röhrchen mit einem Wattestäbchen für den Abstrich ausgehändigt, mit dem wir in einer weiteren Wartezone Platz nehmen dürfen. 
Wir sitzen anderen Maskierten gegenüber. Einige nehmen ihre Smartphones aus der Tasche, um die Langeweile zu bekämpfen. Die gleichen Geräte, die sie vor dem Desinfizieren der Hände auch in der Hand hielten. Nach einer kurzen Wartezeit erfolgt ein Abstrich aus dem Mundraum meines Sohnes. Fertig. Ich habe keine Symptome und werde daher auch nicht getestet. 
Warum das Ganze? Der Handballverein unseres Orts lud zu einer Karnevalsfeier ein. Das halbe Dorf ist dort im Verein, viele Kinder aktiv. Die Teilnehmer feierten und gingen danach ihre gewohnten Wege… an ihre Arbeitsplätze, Schulen, Kindergärten. Nach einer Woche kam die Meldung: Eine Person, die auf der Veranstaltung war, ist positiv auf Covid-19 getestet worden. Dann nahm das Chaos seinen Lauf. Zunächst wurden alle Teilnehmer der Feier mitsamt ihren Familien in Quarantäne versetzt. Aber nur für eine Woche, denn eine Woche der vorgeschriebenen Quarantänezeit war ja schon rum. Dann nach drei Tagen ein Update: Nur Personen, die mindestens 15 Minuten mit der Person in Kontakt waren, mussten weiterhin in der Quarantäne verbleiben. Ah ja.
„Wer war denn die Person?“ Diverse Eltern-Whatsppgruppen liefen heiß. Die meisten wissen das natürlich nicht, sofern es keine persönliche Verbindung gibt. Und das ist auch gut so. Es gibt ja immer noch den Datenschutz. Doch die Quarantäne nur für diesen Kreis auszurufen, ist in etwa so, wie mit verbundenen Augen bei Counterstrike punkten zu wollen. Wer weiß schon, wer auf einer feuchtfröhlichen Karnevalsfeier neben wem an der Theke stand und aus schlechtgespülten Gläsern sein Bier trinkt?

Ist die Hysterie rund um das Coronavirus wirklich berechtigt oder übertriebene Vorsicht? Hier wird sich jeder seinen eigenen Reim drauf machen, je nachdem wie entspannt oder unentspannt er Krankheiten allgemein begegnet. Tatsache ist: Unsere­­ Branche ist in diesen Zeiten mehr oder wenig stark gebeutelt. (Noch) nicht unbedingt vom Virus selbst, mehr vom wirtschaftlichen Schaden, der durch eine Quarantänemaßnahme verursacht werden kann. Kleine und große Veranstaltungen werden und wurden abgesagt, Dienstreisen eingestellt, ­Homeoffice ausgeweitet. Es gilt abzuwägen, ob der wirtschaftliche Schaden einer Veranstaltung über dem der Gesundheit möglicher Teilnehmer steht. ­
Während die einen ihre Messe frühzeitig abgesagt haben (SIOF, Shanghai), haben sich andere kurzfristig und beherzt auf die aktuelle Lage eingestellt, auch wenn es wehtat (MIDO, Mailand). Andere warteten noch lange ab und entschieden dann, einer staatlich angeordneten Absage zuvorzukommen, wie der niederländische Kontaktlinsenkongress NCC2020 in Eindhoven, der mit zu erwartenden 1.900 Teilnehmern als größter Kongress für Kontaktlinsenspezialisten weltweit gilt. Auch die Vision ­Expo East in New York wurde knapp zwei Wochen vorher abgesagt bzw. zusammengelegt mit der Vision Expo West in Las Vegas im September. Andere warten bei Drucklegung noch ab (AAD in Düsseldorf) oder ließen die Veranstaltung trotzig stattfinden, wie z.B. das Mitgliedertreffen des ZVA in Dresden oder die ­Copenhagen Specs. 
Kaum auszumalen, wie sehr es unsere Branche ins Herz getroffen hätte, wäre das Virus nur vier Wochen früher aufgetaucht. Die Opti 2020 wäre die erste augenoptische Fachmesse gewesen, deren Veranstalter eine mutige Entscheidung hätten treffen müssen. Mittlerweile gehört es zur Selbstverständlichkeit größere Veranstaltungen abzusagen.
Die Auswirkungen einer Quarantäne auf ein betroffenes kleines Unternehmen wie z.B. einen Augenoptikbetrieb in dem nur wenige Mitarbeiter oder gar der Inhaber mehr oder weniger alleine agiert, können verheerend sein. 
Ich warte bei dieser Niederschrift noch aufs Ergebnis. Ob es positiv ausfällt oder negativ, mir persönlich ist es an dieser Stelle egal. Es ist ein Infekt wie viele andere auch. Nur der Ballast, der damit einhergeht, ist inakzeptabel.

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Licht und Schatten: Die Opti 2020

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