Die neue Opti, endlich

5. Januar 2018

5. Januar 2018

Wir Deutschen sind stolz auf unsere perfekte Ingenieurskunst (LKW-Maut, BER, Stuttgart 21, Deutsche Bahn) und Organisa­tion, für die uns alle Welt beneidet. Und wir zeigen sie auch gern überall in der Welt. Seit über vierzig Jahren wird jedem jungen Augenoptiker eingebläut, die deutsche optische Industrie bildet die absolute Weltspitze in Qualität und Forschung unter allen anderen vergleichbaren Unternehmen in der Welt.
Aber wenn man wie ich regelmäßig in den USA und Fernost unterwegs ist, drängt sich die Frage geradezu auf: Wo ist denn diese stolze Industrie? Wo zeigt sie sich? Gibt es sie überhaupt?
Wenn es DIE Deutsche optische Industrie tatsächlich jemals gegeben hat, heute gibt es sie jedenfalls nicht: Marwitz + ­Hauser, WECO, Nigura, Metzler – das waren mal Weltmarktführer, aber es gibt sie schon lange nicht mehr. Rodenstock lebt von der ehemaligen Nachkriegsgröße, und Menrad gibt es noch irgendwie in dritter Generation.
Einer der Gründe, warum das so ist, liegt an der Dominanz während der 50er bis Ende der 70er Jahre der beiden Firmen in München und Aalen, die über den früheren Industrieverband F&O (Feinmechanik & Optik) alle Kraft einsetzten, um unliebsame und unerwünschte Forderungen nach Modernisierung mit aller Gewalt zu unterdrücken. Denn im Schatten der Mauer sprudelten die Umsätze und Gewinne fast grenzenlos, wozu da noch unliebsame Konkurrenten großziehen?
Das versteckte Motto dahinter: Seit wann kommt der Knochen zum Hund? Übersetzt: Deutsche Technologie [Knochen] kauft man bei uns Zuhause. Auf internationalen Messen, soweit es sie schon gab, war man nicht präsent. Oder, wie mir mal ein deutscher Botschafter in Kuwait bestätigte, wir brauchen sowas nicht. Die Kunden kommen zu uns, unsere Technologie ist besser!
Also war eine internationale augenoptische Import- und Exportfachmesse auf deutschem Boden mit aller Macht zu unterbinden. Gleichzeitig musste den Pressungen der WVAO nachgegeben werden, die um die Existenz ihres opulenten und im Nachkriegsmief erstickenden Kongresses fürchtete. Denn die WVAO sah die üppigen Sponsorengelder schwinden mit denen diese barocken Veranstaltungen künstlich am Leben gehalten wurden. Und die Industrie fürchtete eine Plattform zu verlieren, auf der sie ihre Produkte wissenschaftlich verbrämt verkaufen konnte.
Man kann es nicht anders formulieren: Aus reinem Industrie­egoismus gegenüber den Interessen ihrer Kunden und Vereins­egoismus der WVAO (Lass keine Götter neben mir sein) wurde eine Leistungsschau deutscher Firmen und ihrer Produkte unterdrückt.
Erst nach dem Mauerfall erkannte die optische Industrie, dass die Wirtschaftswelt doch keine Scheibe ist und rieb sich die Augen. Überall waren sie schon auf den Märkten der Welt vertreten: AOC, Sola, Hoya, Luxottica, Essilor (dominiert heute total und unangefochten den chinesischen Markt), Seiko u.a.
Natürlich wurde irgendwann der Druck zu groß, und es entstand die Optica. Wie ein Bankert wurde sie von F&O behandelt, bis sie 2001nach langem Siechtum endlich starb – angegriffen und waidwund geschossen von Veranstaltern, die in Österreich scheiterten und im Münchener M.O.C. neu starteten. Mit ihrem Konzept warfen sie in kürzester Zeit alle eingebildeten deutschen Heiligtümer über den Haufen.
Die Augenoptiker stürmten in Massen nach München, um die Opti zu besuchen. Legendär sind die kilometerlangen Staus auf der A9 vor der Abfahrt München-Freimann und die chaotischen Zustände an der Garderobe mit stundenlangen Wartezeiten, weil niemand mehr in der unübersehbaren Masse die aufgegebenen Mäntel und Koffer finden konnte.
Das M.O.C. war schnell zu klein und eine Lösung musste her. Die Münchner Messe sprang ein und bot zunächst Asyl. Wer Asyl gibt, bestimmt die Konditionen des Asyls. – Die Asylanten aber stellten schnell Ansprüche, die so nicht zu erfüllen waren. Diese Miniaturmesse ist eingeklemmt zwischen zwei riesigen Messen und wird als Gnom zwischen den Terminen dieser beiden riesigen Messen hin- und hergeschoben.
Jetzt endlich, nach Fertigstellung eines Teils der neu geplanten Hallen, kann die Opti sich in der Halle B4 entfalten und entsprechend der internationalen Führungsposition den deutschen Maschinenbauern die rechte Präsenz ermöglichen. Denn die drei Hersteller von Maschinen zur Produktion der Glasoberfläche und der Hersteller für Maschinen zur Fassungsproduktion sind weltweit Marktführer. Es gibt keine wirklichen Konkurrenzfirmen.
Endlich wird auch chinesischen Ausstellern in Halle B4 der deutsche Markt geöffnet. Sie kommen mit Gemeinschaftsständen. In dieser Halle werden auch die Schwesterzeitschriften des FOCUS (MAFO/optische Maschinen; FOCUS China und ­CONTACTlens World) mit einem eigenen Stand im Umfeld ihrer Kunden und Lesern vertreten sein.
Endlich, nach dreißig Jahren kleinkarierten Kampfes gegen eine positive Darstellung der deutschen optischen Branche in all ihren Facetten, ist die Opti 2018 die erste, die allen Strömungen der deutschen und internationalen Augenoptik Raum gibt, sich darzustellen, sich zu orientieren und zu vergleichen.
Endlich kann sich die Opti im internationalen Ranking etablieren.
 

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