Digital brauchen wir nicht

16. Dezember 2018

16. Dezember 2018


Schaut man in die augenoptische Branche, so könnte man glauben, sie funktionierte noch wie vor 40 Jahren, als die Krankenkassen Bifokalgläser mit eingeschmolzenem Nahteil in ihren Leistungskatalog aufnahmen. Außer, dass es die heute kaum noch gibt, scheint sich nicht viel geändert zu haben. Diese Gläser bescherten der Branche für ein paar Jahre einen Boom sondergleichen, und dieser Boom war ein wesentlicher und unmittelbarer Anlass für die Kostendämpfungsgesetze.
Zaghafte Versuche mit der 3D-Refraktion bekämpfte die Branche, ähnlich wie einst die mechanischen Webstühle. Digitale Bestellformate gibt es, aber man rümpft die Nase, weil dubios und vielleicht unseriös. Versuche, eine Fassungsauswahl am heimischen Fernseher anzubieten werden ­belächelt, weil die hohen augenoptisch optometrischen ­Ansprüche bisher wirklich nicht erfüllt werden können. Auf Deutsch: Alles easy.

Digital funktioniert in der Augenoptik einfach nicht, also keine Panik, die Füße stillhalten. Falsch, denn dieser Kelch geht auch an dieser Branche nicht vorbei! Er ist schon greifbar.
Am 27. November platzt eine Pressemeldung ins Haus und bestätigt den letzten Satz oben. Sie informiert, Fielmann, bzw. die Fielmann Ventures GmbH ist mit 20% in ein französisches Unternehmen eingestiegen, Fittingbox S.A. Mit den Produkten dieses Unternehmens wird die Fernauswahl von Brillen am heimischen Fernseher tatsächlich und jederzeit möglich (http://www.fittingbox.com). Das Unternehmen wurde 2006 in Labège nahe Toulouse gegründet.
Nach eigenen Aussagen sind sie der weltweit führende ­Anbieter von Augmented-Reality-Technologie für die 3D-­Anprobe für Brillen und Sonnenbrillen. Fittingbox soll nach eigenen Angaben über die weltweit größte Datenbank von Brillenfassungen in 3D-Darstellung verfügen. Diese Datenbank soll aber auch jederzeit von jedem Nutzer um seine persönliche Angebotspalette erweitert werden können.

Marc Fielmann, der Sohn von Günther Fielmann und inzwischen Vorstandsvorsitzender, wird zitiert: „… wir (arbeiten gemeinsam) am Online-Brillenkauf in Fielmann-Qualität. Dafür notwendig sind innovative Technologien wie die 3D-Anprobe, aber auch die millimetergenaue 3D-Anpassung von Brillen. So digitalisiert Fielmann die augenoptische Branche zum Vorteil der Kunden, ohne Kompromisse bei der Qualität zu machen.“
Vertieft sich der Interessent in die Internetseite von Fittingbox, erlebt er eine professionelle Struktur, in der alle Möglichkeiten des Systems durchgespielt und ausführlich erklärt werden. Es erscheint logisch und praktikabel. Kein Wunder, dass Fielmann das System in den nächsten Wochen zunächst in dem relativ kleinen Markt Österreich testen wird. Aber schon 2019 soll das System auch in Deutschland installiert werden.
Wenn die Fittingbox tatsächlich so funktioniert wie beschrieben, wird ein uralter Traum Günther Fielmanns Wirklichkeit, dass nämlich die Kunden ihre Brillenfassungen auf der ­Straße am Schaufenster auswählen können. Erste Versuche startete er 1983 mit seinem ersten Supercenter an der ­Mönckebergstraße in Hamburg. Für diese Idee wurde er von der Branche nur mitleidig belächelt. Mit der Fittingbox ist das jetzt am Schaufenster individuell in 3D für jeden machbar. Jeder kann sich auf der Straße oder zuhause eine Brille aussuchen, ohne den Laden zu betreten.

Jetzt wird wieder das große Gezeter anheben, dass der das nicht darf. Er verstößt gegen die Grundsätze der edlen Optometrie und Augenoptik. Damit zerstört er den mittelständischen Augenoptiker, der mit den notwendigen Investitionen nicht mitziehen kann. Und wiedermal hilft die Innung nicht, und der ZVA schon gar nicht.
Dabei liegt das Problem ganz woanders. Diese Branche lebt mit grundsätzlichen Denkverboten, nur bloß keine Veränderung, nichts Fremdes. Funktioniert nämlich alles nicht, ist sinnlos, die Kunden wollen das nicht usw.
Die Älteren können 40 oder 50 Jahre zurückblicken. Jede neue Idee in dieser Branche wurde belächelt, weil sie angeblich keine Zukunft hatte. Das krasseste Beispiel ist Varilux. Das wurde auch damals als überflüssig erachtet. Gibt es ­irgendwo da draußen jemanden, der auf Gleitsichtgläser verzichten möchte? Er möge sich bei mir melden, und wir können darüber diskutieren.

Nochmal 15 Jahre weiter zurück. 1955 stellet Coburn Optical aus Muskogee (Oklahoma) die weltweit erste Zylinderschleifmaschine Rocket 501 vor. Die Augenoptiker wollten endlich torische Brillengläser, die Augenärzte zweifelten am Sinn astigmatischer Korrekturen und die Krankenkassen wollten diese Gläser nicht bezahlen, weil unnötig.
Das einzige was man dem ZVA und den Innungen vorwerfen kann, ist, sie beschäftigen keine Scouts, die nichts anderes tun als regelmäßig die internationale Branche zu scannen wo welche Innovationen ausgebrütet werden. Ihre Sinnhaftigkeit für den mittelständischen Augenoptiker müsste ohne Schere im Kopf geprüft und schließlich die Verwertung für die Mitglieder gesichert werden.
Dabei ist mir bewusst, dass mir alle zustimmen. Käme es aber zur Nagelprobe, ist niemand mehr da: zu teuer, hab mir gerade den neuen GLE bestellt, brauch ich nicht, meine Kunden verstehen das nicht …

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