Ein Monster vor der Tür

15. Juni 2018

15. Juni 2018

Am 1. März ist etwas passiert, das die weltweite augenoptische Branche über alle Segmente in ihren mittelständisch organisierten Grundfesten erschüttern, wenn nicht zerstören wird. Denn an diesem Tag haben die Wettbewerbsbehörden in Europa und den USA erlaubt, dass die beiden Branchenriesen Essilor und Luxottica fusionieren und beide Firmen in ein gemeinsames neues Unternehmen „EssilorLuxottica“ einbringen dürfen.
Formal ist die Entscheidung korrekt, denn beide Unternehmen, für sich betrachtet, haben weltweit keine Monopolstellung. Essilor kommt weltweit auf einen Marktanteil bei Gläsern auf etwa 45%, und Luxottica hält ca. 25% bei Brillenfassungen. Dieses neue Unternehmen hat einen Marktwert von 50 Mrd. €. Mehr als 140.000 Menschen stehen auf der Gehaltsliste.
Aber erst in der Summe, Brillengläser + Brillenfassungen, wird ein Quasimonopol draus. Denn damit fügt sich zusammen was auch aus zwei Gläsern und einer Fassung wird: eine Brille! Nichts anderes passiert mit dieser Fusion. Die Kartellbehörden fragen die Mitbewerber wie sie zu einer solchen Fusion stehen und welche objektiven Einwände sie haben: Wieso konnte niemand aus der Industrie die Behörden davon überzeugen, dass aus dieser Fusion ein Monster entsteht mit einer unglaublichen Gefahr für die Branche?
Und dieses Monster grüßt über alle Ebenen: Produktion, Vertrieb und Einzelhandel und ist gleichzeitig der größte Anbieter und der größte Abnehmer der eigenen Produkte, aber auch der jeweils größte Konkurrent. Ihm gehören alle Firstclass Fassungsmarken, die größten Einzelhandelsketten in den USA, GB, China, Brasilien oder Hongkong.
Essilor auf der anderen Seite hat in der Vergangenheit die Mehrheit der unabhängigen mittelständischen Schleifereien in den USA aufgekauft und so die traditionsreiche Optical Laboraties Association (OLA) zerstört. Das Unternehmen kauft rund um die Welt Schleifereien, schneller als sie auf die Bäume kommen, kauft Kunststoffproduzenten, israelische Instrumentenhersteller usw.
Die Fusion ist kaum 10 Wochen alt und schon merken Augenoptiker und mittelständische Industrie die Auswirkungen. Die einen (Augenoptiker) werden mit Discounts (spiff money) erfolgreich gelockt, und die anderen werden so aus dem Markt gedrängt, weil sie gegen diese Lockangebote nicht ankommen und von den Augenoptikern ausgelistet werden. Denn, wenn’s ums Geld geht, haben Freundschaften und Treueschwüre nur eine kurze Halbwertzeit.
Der mittelständische Augenoptiker fühlt sich wohl in dieser Situation: Ihm werden im Moment Rabatte geboten, von denen er nicht zu träumen wagte. Mancher, der aus Verärgerung Essilor ausgelistet hatte, kehrt grummelnd zu dem verhassten Anbieter zurück, zu stark lockt das Geld. Und erst die Rabattstaffeln aus der Kombi Gläser und Fassungen aus einer Hand lässt frohlocken.
Das ist viel zu kurz gedacht. Denn die Vielfalt des Angebots für den mittelständischen Augenoptiker – und auch die Ketten – wird schrumpfen. All die vielen kleinen Manufakturen, die das Salz in der Suppe ausmachen, werden vom Markt verschwinden.
Solange Fielmann und Apollo den Markt in Deutschland dominieren, kann sich die Branche glücklich schätzen. Die beiden machen ihr Ding, sind so erfolgreich wie können oder wollen. Augenoptikern und Verbänden kann nur geraten werden alles dafür zu tun, dass der Status Quo erhalten bleibt. Man hat sich nach über 30 Jahren arrangiert.
Sollte eine dieser Bastionen fallen, dann Gnade Gott. Ein Blick nach England oder die USA zeigt schnell was Discount zum Endverbraucher wirklich bedeutet. Die Schneise der Verwüstung auf Kosten des Mittelstands ist erschreckend. Denn die beiden Großen produzieren mehr Gläser und Fassungen als sie verkaufen können. Die Produktionen müssen in den Markt gedrückt werden, egal zu welchen Konditionen. Und da der Abverkauf über die eigenen Ketten verscherbelt wird, verdient der Konzern sowieso und kann auch noch die Marge halten.
Dann wird man sich die Zeiten zurückwünschen, als Fielmann in den 80ern antrat die Branche zu erobern.
Der Gedanke, dass so ein Moloch auf Dauer nicht erfolgreich sein könne, weil zu viele Einzelprobleme zu sehr mit anderen verwoben sind um gelöst zu werden, ist verführerisch. Der Vergleich mit dem Tausendfüßler fällt schnell ein. Der wurde gefragt, wie er schafft seine tausend Füße so zu koordinieren, dass er nicht stolpert. Als er anfing über dieses Problem nachzudenken verhakten sich die Beine und er fiel um.
Mag sein, dass es auch EssilorLuxottica in weiter Ferne treffen wird. Da lohnt sich der Blick auf andere Riesen: Erst nach über hundert Jahren gliedert Siemens einzelne Sparten aus, ähnlich GE, General Motors, Bayer um nur ein paar aktuelle Beispiele zu nennen.
Investoren bezeichnen die Fusion als „category killer“. Frei übersetzt bedeutet das: Die Branche wird ausgelöscht.

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Was noch, außer Augenoptik?

Kommentare

  1. Ralph Abt
    04.07.2018 um 14:03 Uhr

    Völliger Blödsinn und übertriebene Polemik.
    Dazu kommt eine denkbar schlechte Recherche über die Rabattpolitik von Essilor.
    Wenn das so weitergeht ist der Focus das Papier nicht mehr wert und ich kein Abonnent mehr.

  2. Alexander Veith
    05.07.2018 um 13:20 Uhr

    Beim Lesen des Artikels musste ich sofort an 2 sehr häufig verwendete Worte des vergangenen Jahres denken. “alternative Fakten” und “fake news” (def.: in den Medien und im Internet, besonders in den Social Media, in manipulativer Absicht verbreitete Falschmeldungen)

  3. Johannes Mirol-Meier
    05.07.2018 um 16:55 Uhr

    In den vergangen Monaten fragte man sich, was darf man und was nicht. Darf man eine politisch fragwürdige Glaubensrichtung haben?
     
    Ja man darf!

    Darf man eine Fußballmannschaft und ihren Trainer aufgrund schlechter Ergebnisse, wie im Mittelalter öffentlich an den Pranger stellen?

    Ja man darf!

    Darf man bei einem Brillenglashersteller, einem Unternehmen das die deutsche Optikwelt seit nunmehr über 60 Jahre partnerschaftlich mit Innovationen vorantreibt, einem Unternehmen, das allein im Jahr 2017 ca. 2500 behinderten Menschen im Rahmen der Special Olympics zu gutem sehen verholfen hat, von einem  „verhassten Anbieter“ sprechen?

     
    Darf man sagen, dass durch den Zusammenschluss von Essilor uns Luxottica „die Branche ausgelöscht wird“, was fast schon apokalyptisch klingt?
     
    In beiden fällen…
    Ja man darf, oder vielleicht auch nicht? Ich bin der Meinung Nein, dass darf man nicht.

    Stellt sich auch die Frage: „muss das Sein?“ Es werden Worte benutzt wie: „Monster, Zerstörung, Gnade Gottes, Moloch, verhasst und von einer möglichen Auslöschung der Branche“ gesprochen

    NEIN, dass mus nicht sein!

    Neben einer denkbar schlechten Recherche über die Rabattpolitik Essilors, sollte insbesondere die Form und Stil nicht gänzlich aus den Augen verloren werden.
    Einer Wortwahl,Polemik und Hetze, die an französischen und amerikanischem Wahlkampf erinnert, sowie an eine Partei im Bundestag, sollten man als Redakteur einer unabhängigen Zeitung vermeiden.

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