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Grauimporte

15. Mai 2013

15.05.2013

Am Rande der ZVA-Jahrespressekonferenz im April fiel eine Bemerkung von Noch-ZVA-Geschäftsführer Goerdt auf, in der er sich über Grauimporte in der Augenoptik beschwerte, die der deutschen optischen Industrie schaden. Eine sehr scheinheilige Darstellung; aber ich denke auch, da ist ihm etwas durcheinander geraten.

Um einen klassischen Grauimport handelt es sich, wenn jemand auf seiner Asienreise in Hongkong eine Nikon kauft, weil die dort angeblich so unendlich viel billiger sein soll und diese nach Hause mitnimmt.

Vielleicht meinte Goerdt aber Importeure und Großhändler, wie es sie zahlreich in Deutschland und Europa gibt. Aber auch das ist falsch. Bekanntlich ist der Handel frei. Die Daihatsus und Toyotas auf unseren Straßen beweisen dies täglich. Aber wirklich interessant wäre, einmal zu hinterfragen, wer hinter dem einen oder anderen Importeur von Brillengläsern oder Brillenfassungen steckt.

Die Bemerkung Goerdts zu den Grauimporten ist deshalb scheinheilig, weil die AMA ursprünglich vom ZVA gegründet wurde und heute noch unter dem unmittelbaren Einfluss des ZVA steht. Die AMA gründete eine Marketinggesellschaft, die u.a. Gläser und Fassungen aus dem Ausland importiert, speziell aus Fernost. Goerdt hätte ergänzen müssen: „Wir tun das natürlich selbst zum Vorteil der Mitglieder der größten deutschen Einkaufsgemeinschaft und bewusst gegen die Interessen der deutschen optischen Industrie.“

Die meisten anderen Marketinggruppen in der Augenoptik importieren ihre Fassungs-Eigenkollektionen ebenfalls aus Shenzhen in China oder Hongkong und die Gläser ihrer Eigen­marken kommen aus Danyang sowie dem Einzugsgebiet von Shanghai oder aus Hongkong. Und natürlich kaufen auch die Filialunternehmen dort. Was ist daran falsch?

Und schließlich kann man sich auch Gedanken darüber machen, ob die Werke der Markenanbieter in Fernost nur die örtlichen Märkte bedienen oder ob sie dort auch für den Export nach Europa oder Amerika produzieren. Dieser Trend ist schon länger rückläufig, weil erstens der Bedarf an Markenprodukten in China so rasant steigt, dass die Produktion immer mehr für den dortigen Heimatmarkt gebraucht wird. Hinzu kommt zweitens, dass der Kostenvorteil einer Produktion in China – auch teuerster Progressionsgläser – immer geringer wird.

Der Produktionsprozess von Rezeptgläsern ist mittlerweile so perfekt automatisiert und verkürzt, dass es fast egal ist, wo der Generator steht. Die Maschinen sind auch die gleichen – hier wie dort. Schließlich gibt es weltweit nur eine handvoll ­Maschinenhersteller, um Rezeptbrillengläser herzustellen. Es bleibt nur der Zeitfaktor, der durch die Zeitzonen für einen Import aus China von Vorteil ist.

Bleibt also die Frage zu klären, wie die Importquote – je nach Standpunkt und Zählweise unterschiedlich in der Betrachtung, aber allgemein anerkannt – von 60% bis 80% aller ­augenoptischen Produkte aus Fernost entsteht. Auf der Suche nach einer Antwort sollte der Leser wissen, dass in China nicht nur billigste Produkte produziert werden. Im Gegenteil, es muss einen Grund haben, warum Samsung seine Galaxys und Apple seine iPhones dort zusammenlöten lässt.

Das gilt auch für die Augenoptik. Es gibt in China eine Vielzahl hochtechnisierter Firmen, die sich mit modernster Maschinenausstattung auf Brillenfassungen oder Brillengläser spezialisiert haben und eine Qualität anbieten, die den ehemaligen deutschen oder europäischen Herstellern in nichts nachsteht. Und was die meisten vergessen: Nördlich der Alpen gibt es kaum noch augenoptische Produktionsstätten, sehen wir von der Rezeptfertigung einmal ab.

Sind die Einzelhandelsakteure dieser Branche wirklich noch im Glauben, die Arbeitsteilung sei an der augenoptischen Industrie vorbeigegangen? Ein Einstärkenglas, mit egal ­welchem Brechungsindex, mit der Wirkung -2,0 dpt und Mehrfach-Entspiegelung ist ein Massenprodukt, egal in ­welcher Gläsertüte es daherkommt. Solche Gläser werden heute nicht mehr einzeln gefräst, die werden in Danyang, Bangkok oder Hongkong gegossen, beschichtet und dann exportiert.

Sollte es wirklich so sein, dass diese Entwicklung seit dem Zusammenbruch des Ostblocks spurlos am ZVA vorbeigerauscht ist? Ist denn niemandem aufgefallen, dass es große deutsche Traditionsmarken wie Nigura oder Metzler nicht mehr gibt? Sie wurden
von einem Fassungskonzern aus Hongkong aufgekauft und sind dann im Strudel eines betrügerischen Konkurses untergegangen. Darüber wurde im FOCUS ausführlich berichtet.

Auch das wird kommen, oder ist vielleicht schon Realität: Wissen wir, welcher Anbieter heute schon einen asiatischen Eigentümer hat? Fakt ist: Ich werde in China mittlerweile regelmäßig gebeten, einen Kontakt zu knüpfen zu einem augen­optischen Unternehmen in Europa, das man gerne übernehmen möchte. Aber das ist nicht mein Metier.

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