Liebe

15. Mai 2018

15. Mai 2018


Lieben sie Ihren Beruf? Fragte man Sie, was würden Sie antworten? „Ja, klar!“ „Sicher, hab‘ ich doch erlernt!“ „Versteh die Frage nicht.“ „Ist halt mein Job.“ Diese Antworten, wenn denn zufällig mal die Frage gestellt wird, sind normal und werden erwartet, ohne dass sich jemand über das Gesagte Gedanken macht. Warum eigentlich? Vor einiger Zeit wollte ich mit einer Augenoptikerin telefonieren. Eine Mitarbeiterin sagte, ihre Chefin werde zurückrufen, es könne allerdings etwas dauern. Ein paar Tage später kam der Rückruf und die Augenoptikerin erklärte nach der Entschuldigung, sie sei in den vergangenen Tagen so beschäftigt gewesen, weil ihr Traum in Erfüllung gegangen war und sie einen hochmodernen komplett neuen Refraktionsraum eingerichtet bekommen habe. Sie habe sich so darüber gefreut, und über das Einarbeiten und Kennenlernen der Geräte und Instrumente einfach die Zeit vergessen. Aus der Art wie sie sprach, war die Begeisterung und Liebe zu ihrem Beruf und den neuen Möglichkeiten unüberhörbar, ein großer Wunsch, eine Vision schien sich tatsächlich erfüllt zu haben. Sollte eigentlich normal sein, dass jemand so über seinen Beruf spricht. Ist es aber leider nicht. Das ist auch der Grund, warum mir dieses Telefonat auch so in Erinnerung geblieben ist. Den Begriff Liebe kann man gleichsetzen mit sich kümmern, Leidenschaft und Verantwortung. Dabei ist es angeblich selbstverständlich, dass Augenoptiker Verantwortung ­übernehmen in ihrem Beruf. Sagt man so: Da braucht eine weitläufig Bekannte eine neue Gleitsichtbrille mit Werten um -7,0 dpt; Add. 2,0. Ihr Haus- und Hof-Augenoptiker bietet ihr ein Paar Gläser mit allem Furz und Feuerstein für 950 Euro an; die besten Gläser, die sie für Geld kaufen könne, so sein Argument. Und ­Sonnenbrillengläser, das Paar noch einmal zum gleichen Preis; und damit sie auch bequem lesen kann, eine Lesebrille zum Schnäppchenpreis von knapp 500 Euro. Das ist volkswirtschaftlich gut und für die betriebswirtschaftliche Situation seines Betriebes sicher wie warmer Regen. Die Kundin könnte sich diese Ausgaben auch leisten, das ist nicht die Frage. Muss man aber einen ahnungslosen Kunden wirklich bis auf den letzten Tropfen melken? Wird der Kollege in diesem Beispiel wirklich noch seiner Verantwortung gegenüberüber seinen Kunden gerecht? Zur Verantwortung und zur Liebe zum Beruf gehört auch, davon bin ich fest überzeugt, dass man die Situation des Kunden bedenkt. Muss eine Sonnenbrille, die im Jahr höchsten vier Wochen getragen wird (inklusive zwei Wochen Thailand­urlaub) wirklich mit dem letzten Schick Mick der Brillenglastechnologie ausgestattet sein? Ganz bestimmt sind asphärische Gläser mit n=1,74 auf dem höchsten technischen Stand, dünner geht es nicht und leichter auch kaum noch. Ob der Kunde aber mit den Besonderheiten in der Abbildung dieser Gläser wirklich zurechtkommt, danach wird nicht wirklich gefragt? Und schließlich: Eine Lesebrille für einen halben Tausender, fällt das schon unter den Begriff Betrug? Deutsche Augenoptiker werden vom ersten Tag an, an dem sie ihre Handwerkslehre beginnen, darauf abgerichtet, nur das teuerst Mögliche zu verkaufen. Die Kunden legen sich krumm, weil es um die Augen und das Augenlicht geht, das nicht Schaden nehmen darf. Wo bleibt da die Verantwortung und die Qualität der Beratung? Das Problem mittelständischer Augenoptiker wird auf Dauer immer größer. Denn es spricht sich unter Kunden rum, dass Brillengläser aus China zum Discountpreis nicht wirklich Kopfschmerzen verursachen oder blind machen. Dazu kommt, dass Internetanbieter mehr und mehr lokal präsent sind und fachlich ausgezeichnet arbeiten mit hoher Kundenzufriedenheit. Und wie aus heiterem Himmel passiert das, und alle Liebe, Verantwortung und Begeisterung für eine sinnvolle Korrektur sind mit einem Schlag perdu: Ein Kunde will einfach nur ‘ne Brille. Kein Aufschwatzen, keine Beratung, nur das Einfachste. Ist schließlich nur zum Gucken! Er lehne Internethändler zwar ab, wolle deren Angebot aber aus dem Mittelstand, ohne sinnlos teure Gläser aufgeschwatzt zu bekommen. Es ist nur zu verständlich, wenn die Liebe in diesem Moment stirbt. Es wäre aber schade, wenn sie endgültig erlöscht, denn dazu ist der Beruf des Augenoptikers zu schön, abwechslungsreich und spannend.
 

Vorheriger Eintrag:

Präsenz in China

Nächster Eintrag:

Ein Monster vor der Tür

Kommentieren