New normal

15. Oktober 2020

15. Oktober 2020

Ich gebe es zu: Ich mag diesen Begriff nicht. Was ist schon die neue Normalität? Im Grunde genommen möchten wir die Zeit gerne zurückdrehen – um sagen wir ziemlich genau 12 Monate. Auf die Zeit, bevor sich das Coronavirus, von wo auch immer, auf seinen infektiösen Weg von Träger zu Träger über den gesamten Erdball gemacht hat. 

Egal wohin ich blicke: Jeder möchte diese Zeit hinter sich lassen. Corona und damit auch all seine Hygiene- und Social Distancing-Maßnahmen zur Eindämmung sind ein Schock, der von außen auf uns zukam. Plötzlich, unerwartet und ohne eigenes Verschulden ist eine Krise sondergleichen entstanden. Die Hoffnung, dass sich nach dem gravierenden Ereignis wieder alles normalisiert, ist zentrales Thema in allen Medien. Doch die neuen steigenden Infektionszahlen verpassen uns nun einen ordentlichen Dämpfer.

Können wir – dürfen wir – in diesen Zeiten eine Messe besuchen?

Vor der Pandemie boomte die Messebranche geradezu seit mehr als zehn Jahren. Nicht nur bei uns in Deutschland, sondern auch auf internationalem Parkett. Einige Messen erlebten regelmäßige Besucherrekorde. Nach dem herben Einschnitt, der in unserer Branche auf europäischem Boden wie ein Paukenschlag durch die kurzfristige Absage der MIDO stattfand, laufen nun nach monatelangem Verbot von Messen diese nun mühsam wieder an.

Machen wir uns nichts vor: Die lange Abstinenz hat Folgen. Eine Messeteilnahme mit raumgreifenden, spektakulären Ständen ist – je länger dieser Zustand anhält – für Unternehmen keine Selbstverständlichkeit mehr. Erst recht nicht in wirtschaftlich schwierigen Zeiten. Auch die Hürde bei Besuchern baut sich auf. Nach monatelangen Corona-Maßnahmen, die teilweise erhebliche persönliche Einschnitte bedeuteten, soll nun eine Halle mit vielen Menschen betreten werden. 

Wie fühlt es sich an, durch Messehallen mit Mundschutz und unter strengen Hygienemaßnahmen zu flanieren? Kommt Messefeeling auf? Das haben wir vom FOCUS-Team auf dem Düsseldorfer Messegelände selbst getestet, auf der Caravan Salon 2020. Hier trafen 350 Aussteller auf rund 107.000 Besucher. Damit war diese Messe von ihrem Rekord von 268.000 Besuchern in 2019 meilenweit entfernt. Auch die Ausstellerzahl hatte sich fast halbiert. Und doch gab es geschäftiges Treiben, Gespräche und Vorführungen auf reduzierter Fläche. Es fühlte sich gut an. Kein noch so perfekter Digitalauftritt kann das ersetzen. 

Die zurückliegenden massiven Einschränkungen zwangen die Aussteller und Messeveranstalter gleichermaßen, an alternativen digitalen Konzepten zu arbeiten. Nicht immer kam dabei was Gutes raus.

Die Macher der Gamescon in Köln hatten sich nach einigem Hin und Her entschlossen, die Messe nur digital stattfinden zu lassen und haben damit nicht ins Ziel getroffen. Sie gilt als eine der größten Fachmessen in der Unterhaltungselektronik und lockt jährlich rund 350.000 Menschen an. Hier wurde es jedoch nicht wirklich geschafft, ausgerechnet die digitalaffinen Besucher in die virtuelle Welt zu locken. Es heißt, diese Messe habe ein Gefühl der Ratlosigkeit bei Besuchern und Ausstellern hinterlassen. 

Ein anderes Problem: Für Reichweiten im Digitalformat und Slots für Werbebotschaften sind Aussteller nicht bereit, ähnliche Preise wie bei einer Präsenzveranstaltung zu zahlen. Wobei Aussteller auch über andere Kanäle potenzielle Neukunden erreichen können. Auch die Besucher zahlen weniger für solche Events. Und so lautet die Gretchenfrage: Wie lässt sich mit digitalen und hybriden Messen ausreichend Geld verdienen? Daran werden sich in den kommenden Wochen und Monaten die Anbieter abarbeiten müssen, wenn sie eine Messe auf digitaler oder hybrider Ebene stattfinden lassen möchten. 

Für unsere Branche stand bis zuletzt die Opti ganz analog im Januar an. Weit nach Drucklegung dieser Ausgabe erreichte uns die Meldung von der Absage und unser kurz zuvor geführtes Interview mit dem Opti-Veranstalter GHM wirkt wie ein letztes Aufbäumen inmitten von aufkommenden (Selbst-)Zweifeln. Einmal mehr lernen wir alle in diesen verrückten Zeiten: Nichts ist so aktuell wie das Infektionsgeschehen von morgen.

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