Präsenz in China

16. April 2018

16. April 2018

Es ist schon lange kein Geheimnis mehr, dass Brillenfassungen fast nur noch aus China kommen, egal was im Bügel steht. Ähnliches gilt für Brillengläser – Einstärkengläser, aber auch für Rezept- und Gleitsichtgläser. Diese Feststellung sagt grundsätzlich nichts über die Qualität der Produkte aus.

Die vor wenigen Wochen in Shanghai beendete Fachmesse ist die wichtigste Messe für Im- und Export im asiatischen Raum. Als Langnase – so bezeichnen die Chinesen uns Europäer – kommt man sich auf diesen Messen sehr einsam vor. Kaum ein Mitglied der deutschen optischen Industrie stellt selbst aus, sieht man von den Maschinenbauern ab. Sie lassen sich von lokalen Importagenturen vertreten.

Erstaunlich ist, Inhaber oder Geschäftsführer aus Industrie und Großhandel glänzen durch Abwesenheit. Sie bilden sich kein eigenes Bild über den Markt, seine Besonderheiten, seine Möglichkeiten und seine Schwierigkeiten. Dabei ist der Markt solvent wie kaum ein zweiter bei 1,3 Mrd. Einwohnern, schließlich sind die Einkommen der Küstenregion überdurchschnittlich hoch. Kein Wunder, dass nirgendwo anders so viele Teslas wie in Peking, Nanjing oder Shanghai fahren.

Nur vereinzelt trifft man auf diesen Messen europäische Gesichter, meist – die üblichen fünf Verdächtigen – aus der zweiten oder dritten Reihe, oder pensionierte Mitarbeiter als Beobachter.

Ich möchte nur ein positives Bespiel anführen, das mir regelmäßig auffällt und das beweist, wie erfolgreich ein konsequenter Auftritt auf chinesischen Messen sein kann: Vor etwa zehn Jahren hatte Flair einen kleinen Stand mit seinem chinesischen Agenten gebucht. Vor diesem Stand drängelten sich jeden Tag Trauben von Messebesuchern. Das Geheimnis, was gab’s zu sehen? Ein Mitarbeiter aus Oelde zeigte – und zeigt seither auf jeder Messe – wie man Bohrbrillen bearbeitet und Brillen richtet. Der Stand ist gewachsen und die Trauben der Interessierten wurden größer.

Die amerikanische Sicht der Optometrie gilt in China als der allein seligmachende Standard, selbst wenn jemand in Russland studiert hat. Abbe oder Gullstrand waren Amerikaner, davon ist man in China überzeugt. Prismen sind unbekannt, werden abgelehnt ebenso wie Entspiegelungen; abgedunkelte Refraktionsräume mit einer Messentfernung von unter 3 m sind genauso üblich wie standardisierte Probierbrillen mit symmetrischer PD. Gleitsichtgläser werden abgelehnt wegen angeblicher Unverträglichkeit und hoher Reklamationen.

Anfang April wurde in Peking ein Kongress zum Thema „Future of Freeform Optics for Vision Science and Optometry“ veranstaltet. Ausschließlich britische und amerikanische Redner waren eingeladen Referate zum Thema zu halten. An deutsche Professoren, die ganz bestimmt hochwertige Beiträge hätten liefern können, denken chinesische Veranstalter nicht einmal. Deutsche Wissenschaftler, Forscher und Professoren mit dem Fachgebiet Optometrie sind in Asien und den USA unbekannt. „In Deutschland gibt es auch Hochschulen für Optik und Optometrie?“, fragte mich jemand der hochkarätigen Kongressteilnehmer.

Seit drei Jahren arbeiten meine Geschäftspartnerin in Xi‘an mit ihrem Team und ich daran  mit deutschen Fachlehrern, die wir regelmäßig nach China einladen, unser Verständnis von Optometrie in China zu verbreiten. Jetzt, so langsam wird der kleine Kreis von chinesischen Optometristen größer, die ihre Reserviertheit überwunden haben und nach einer Schulung in unserem eigenen Schulungszentrum plötzlich Erfolg bei ihren Kunden haben. Darin unterrichten wir die Anpassung von Gleitsichtgläsern sowie die binokulare Augenglasbestimmung in Theorie und Praxis.

Ein einwöchiges Seminar, das wir im Herbst vorigen Jahres in einer Augenklinik im Norden der Volksrepublik China veranstaltet haben, brachte die Nachfrage von weiteren Kliniken solche Seminare auch dort zu halten. Damit stoßen wir an unsere Grenzen, wir finden nicht genügend Dozenten. Denn wo immer ich an deutschen Schulen nach Referenten frage, spüre ich große Zurückhaltung. Dozenten werden für ein solches Abenteuer von der Verwaltung nicht freigestellt, möchten andererseits ihre Freizeit lieber wie üblich privat gestalten, statt sich auf unbekanntes Terrain zu begeben. Lehraufträge ich China? – absurd.

Dagegen schicken amerikanische und australische Universitäten ihre Dozenten regelmäßig zu Ausbildungs- und Weiterbildungskursen an chinesische Ausbildungsstätten – die können genauso wenig Chinesisch wie deutsche Dozenten. Geht eben doch. Diese Unis veranstalten mit ihren chinesischen Partnerhochschulen Kongresse mit bis 25.000 Besuchern aus beiden Ländern.

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