Schlickefänger

15. August 2017

15. August 2017

Es ist immer wieder ein beliebtes Spiel, mit dem man versucht mittelständischen Augenoptikern mit großen Sprüchen und auf den ersten Blick mit angeblich wunderbaren Lösungen seiner bisher nicht erkannten Probleme das Geld aus der Tasche zu ziehen. Erstaunlich was alles versucht wird. Mancher kann zwar den einen oder anderen Augenoptiker kurzfristig belabern, aber solange kein wirklich sinnvolles Konzept hinter den Angeboten steckt – das Augenoptiker auch verinnerlichen können – sind sie schnell im Off verschwunden.

„Mein Sehen“ – der Originalname ist ein französisch/italienischer Mischmasch – verspricht seinen möglichen Augenoptiker-Kunden ein Programm, mit dem die Kundebindung gestärkt werden soll. Aber, und das ist ganz wichtig bei solchen Angeboten, der Augenoptiker muss erst mal selbst richtig Geld abdrücken. Wer in den Himmel will, muss schließlich auch dafür kämpfen.

Für einen Fehlsichtigen, der gerade eine neue Brille kauft, mag das lukrativ sein, bekommt er doch nach Abschluss des Ratenvertrages auf diese neue, gerade gekaufte Brille einen Sofortdiscount von 25 €. Die monatlichen Raten und deren Buchung während der nächsten 33 Monate wickelt „Mein Sehen“ ab – gegen ein kleine monatliche Summe Geldes (das steht aber ohne Nennung eines Preises tief in einem Waschzettel für die Presse).

Das ergibt in der günstigsten Ratenvariante knapp 105 € an Kosten für den Augenoptiker, der sich mit diesem System abgibt. Zur Kalkulation gehören noch die Kosten für die Einstandspreise der Ware plus der handwerklichen Beratung und Verarbeitung.

So selbstlos will der Anbieter aus Ostwestfalen sein? Ein kleiner Hinweis, was sich hinter dem Angebot verstecken könnte, ist ein Fingerzeig, der im Grau des Textes in dem oben genannten Waschzettel verschleiert, schnell überlesen wird. Da wird für das doppelt so teure Ratenmodell für Individualgläser eine Schleiferei genannt, deren Produkte nach allgemeiner Meinung der Branche nicht unbedingt zur Spitze möglicher Präzision gehören soll. Dabei wird mitverdient!

Wer dann tiefer gräbt, findet schnell die URL des Anbieters der Brillenprämie. Dort, ganz unten versteckt sich ein Link „System-Partner“. Der Hinweis auf eine Einkaufsgemeinschaft. Denn „Mein Sehen“ steht für aggressiven Nulltarif von Eigenmarken in den Geschäften des Inhabers. Für Endverbraucher erscheinen die vielfältigen Bedingungen verklausuliert und unübersichtlich. Auch wenn überall „Nulltarif“ zu lesen ist: Es gibt auch in Blomberg nichts umsonst.

Das also ist seit Sommer die jüngste Version, mittelständische Augenoptiker vor dem Untergang zu bewahren. Nur, was nützt es? Es ist auch nicht verboten, andere Marketing-Systeme anzubieten und damit selbst Geld zu verdienen.

Die tragische Erfahrung aber beweist immer wieder, die große Mehrzahl der Geschäftsinhaber hat keinen Plan, will vielleicht auch gar nicht gerettet werden. Und wer auf dieses oder andere Angebote aufspringt und sich die explosionsartige Entwicklung seines Umsatzes und der Stückzahlen verspricht, springt nach einem halben Jahr entmutigt und enttäuscht wieder ab.

Denn niemand hat ihnen gesagt, erfolgreiches Marketing ist das Ergebnis eines bewusst geplanten, langfristigen Auftrittes, untermalt mit aktiven und schnell verständlichen Angeboten. Das ist harte Arbeit. Harte Arbeit darin, die Mitarbeiter davon zu überzeugen, dass sie unmittelbar mitverantwortlich sind für den Erfolg der Marketingstrategie.

In den 40 Jahren, die ich diese Branche als Journalist begleite und beschreibe, hat sich nicht viel geändert, auch bei den jungen Augenoptikern nicht. Markeeting (Betonung auf dem ee) war früher fast wie ein widerlicher Begriff aus der Pornoindustrie. Das hat sich Anfang der 90er Jahre geändert. Aberhunderte Marketingseminare und maßgeschneiderte Systeme weiter hat sich nichts geändert.

Wie auch, wird den Schülern und Studenten doch eingebläut, nur das allerhöchste Fachwissen sichert den dauerhaften beruflichen und unternehmerischen Erfolg. Schauen wir uns doch mal um: Die Geschäfte sind leer. Aber hier und dort gibt es regionale größere oder kleinere Leuchttürme erfolgreicher mittelständischer Augenoptiker, die sich den Markt gekapert haben.

Es sind immer die Besten im Markt – fachlich sowieso. Aber sie haben eine ausgefeilte und hart erarbeitete Marketingstrategie, die sie seit Jahren in ihrem Einzugsgebiet durchsetzen. Manch einer nutzt bestimmt ein ähnliches System wie das oben beschriebene. Das ist dann aber nicht 1:1 übernommen, sondern an die eigenen Bedürfnisse angepasst

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Kommentare

  1. Jörn Gehler
    19.08.2017 um 14:39 Uhr

    Hallo Herr Spangemacher,

    welchen redaktionellen Anspruch und welche Interessen vertreten Sie denn mit diesem Kommentar? Ich wundere mich sehr, da Ihre redaktionellen Beiträge seit langem immer einen gewissen journalistischen Stil nicht missen ließen.

    “...Es ist immer wieder ein beliebtes Spiel, mit dem man versucht mittelständischen Augenoptikern mit großen Sprüchen und auf den ersten Blick mit angeblich wunderbaren Lösungen seiner bisher nicht erkannten Probleme das Geld aus der Tasche zu ziehen. Erstaunlich was alles versucht wird…”

    Selbstverständlich gibt es die unterschiedlichsten Lösungen für bekannte oder nicht bekannte Probleme. Der Kernpunkt war schon immer: Jemand muss ein Problem erkennen, es benennen und idealerweise dafür eine Lösung anbieten Das jemand sein Problem nicht kennt heißt nicht, dass ein Problem nicht existiert. Letztendlich ist es die Aufgabe eines jeden Unternehmens Probleme von anderen Menschen / Unternehmen zu lösen. Wenn es diese Probleme besser lösen kann als andere, dann wird es am Markt bestehen und wachsen. Dass die Probleme nicht kostenlos, sondern nur gegen die Zahlung von Geld erfolgt, das ist vielen Berufsgruppen gemein. Oder würden Sie einem Arzt vorhalten, dass er vielleicht unbekannte Probleme bei seinem Patienten benennt, dafür eine mögliche Lösung bietet und dafür Geld nimmt? On die Lösung dann das richtige ist, darüber kann man trefflich streiten. Aber das direkt “belabern” zu brandmarken, das geht mir doch etwas weit. Aber es kommt mir vor als wenn dieser populistische Tenor im weiteren Text so fortsetzt.

    Wenn ein Unternehmen für seine Dienstleistung - egal ob man sie gut findet oder nicht - Geld verlangt, das ist wohl nicht verwerflich (Sie postulieren dies ja sogar im weiteren Verlauf Ihres Brennpunktes. Ich muss für eine Zeitschrift auch Geld zahlen, ob den Inhalt gut finde oder nicht. Es obliegt aber meiner freien Entscheidung sie zu kaufen oder nicht. Ich hätte mir gewünscht, wenn Sie sich mit dem Inhalt des von Ihnen beschriebenen Geschäftsmodel kritisch, aber journalistisch sauber auseinandersetzen.

    Welche journalistische Rechtfertigung hat zum Beispiel dieser journalistische Worterguss: “... Da wird für das doppelt so teure Ratenmodell für Individualgläser eine Schleiferei genannt, deren Produkte nach allgemeiner Meinung der Branche nicht unbedingt zur Spitze möglicher Präzision gehören soll. Dabei wird mitverdient!...”
    Schon alleine das Ausrufezeichen hinter mitverdient verwundert mich und zweifelt an einer journalistischen Integrität. Ist es nicht ein gutes Recht und die Pflicht eines jeden Anbieters zu verdienen? Und alleine der Hinweis, dass Produkte einer Schleiferei nach der ´allgemeinen Meinung der Branche nicht unbedingt zur Spitze´ gehören lässt mich am Wahrheitsgehalt des Meinungsbildes zweifeln. Woher nehmen Sie das Wissen die allgemeine Meinung einer gesamten Branche zu kennen? Wenn Sie entsprechende Daten vorlegen können, so lese ich das gerne nach, ansonsten fällt auch dieser Satz für mich in den Bereich des Stammtisches. Und dafür sollten Sie sich zu schade sein.

    Und noch ein Satz den ich, auch wenn ich kein Freund des Nulltarifes bin nicht nachvollziehen kann: “...Auch wenn überall „Nulltarif“ zu lesen ist: Es gibt auch in Blomberg nichts umsonst…” . Ich glaube Sie kennen, wie die Branche auch, ein Unternehmen, dass mit Nulltarif groß geworden ist und dieses Wort sogar in den Duden gebracht hat. Dass es bei keinem Nulltarif etwas umsonst gibt, das ist Ihnen als Branchenkenner doch sicherlich bekannt.

    Erst in dem letzten Abschnitt Ihres Textes kommen Sie zu dem Kern des Problems:
    “...Das also ist seit Sommer die jüngste Version, mittelständische Augenoptiker vor dem Untergang zu bewahren. Nur, was nützt es? Es ist auch nicht verboten, andere Marketing-Systeme anzubieten und damit selbst Geld zu verdienen.”
    Sie kommen zu der fehlenden Positionierung der Unternehmen. Jede zugekaufte Werbemaßnahme kann nie den Kern des eigenen Unternehmens in den Vordergrund stellen. Jede Marketingmaßnahme ist nur so gut, wie sie zu dem einzelnen Unternehmen passt. Zu viele Unternehmen stürzen sich auf vorgefertigte Werbemaßnahmen und vergessen dabei Ihre eigenen Stärken zu stärken. Und in einer Zeit, in dem viele Kollegen Ihre Stärken gegenüber den Wettbewerbern in “guter Beratung”, “fairen Preisen” und einer “guten Augenglasbestimmung” sehen, sollte einem schon angst und bange um die Positionierung und dem weiteren Bestand der “traditionellen” unabhängigen Augenoptikern werden.

    Da bin ich aber so was von bei Ihnen, aber ich empfinde unsachliche Kritik an Brillenglasherstellern oder Anbietern von Marketingsystemen sollte unter Ihrer Würde sein. In den genannten 40 Jahren ihres journalistischen Daseins haben Sie doch die Größe, darüber zu stehen.

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