Sie scharren schon mit den Hufen

18. April 2017

18. April 2017

Die gesetzlichen Krankenkassen kommen zurück, die unternehmerische Freiheit der Augenoptiker wird wieder eingeschränkt. Aus sozialpolitischer Sicht mag das verständlich sein. Der Grund allerdings, warum die GKV ab dem Jahr 2004 keinen Beitrag mehr zu Brillen und Kontaktlinsen leisten wollte, ist heute genauso gültig wie vor 13 Jahren: Die GKV ist nicht dazu da, modische Aspekte einer Brille und Hightech Gläser zu alimentieren. Die Zeiten haben sich zwar verändert, trotzdem darf aber die Gruppe dieser Sehbehinderten, die heute Anspruch auf eine Kassenleistung haben wird, nicht wegen einfachster Billiggläser im Aussehen stigmatisiert werden.

Die Augenärzte haben mit der neuen Situation kein Problem wie auf der AAD (Augenärztliche Akademie Deutschland) Mitte März zu hören war. Es ändert sich nichts, der Leistungskatalog wird nur auf die über 18-Jährigen mit den neu definierten Korrektionswirkungen ausgeweitet. Der Leistungs­katalog mit Abgabepreisen stehe, der gleiche wie für Kinderbrillen. Allgemein begrüßt wird das alleinige und zwingende Recht der Verordnung durch die Augenärzte. Man gab sich überzeugt, dass daran nicht gerüttelt werde.

Entscheidend bei der Verordnung sei aber der Passus, nachdem die Leistungspflicht mit einem Korrektionsbedarf höher als sph ± 6,0 dpt und cyl 4,0 dpt beginne. Es müsse eindeutig festgeschrieben werden, dass es sich bei diesen Werten nur um die Fernkorrektur handeln kann.

Es stellt sich die Frage, ob sich der Aufwand für einen Unternehmer überhaupt lohnt, sich als Lieferant für die GKV zu bewerben. Denn der bürokratische Aufwand für die Präquali­fizierung für eine mögliche Lieferberechtigung, die Dokumentation und regelmäßige Nachprüfung sind enorm.

Und dort liegt für die mittelständischen Augenoptiker der eigentliche Hund begraben. Dr. Jan Wetzel hat es so beschrieben: „… in der Neuregelung liegt … vielleicht sogar eine Chance für die Verbände und Innungen, um mal wieder mit ihren Leistungen zu werben.“

Soll es wieder auf die Zwangsmitgliedschaften herauslaufen, die es offiziell natürlich nie wirklich gab, aber Wohlverhalten vereinfachte die Zulassung damals ungemein. Werden die Innungen wieder die Scharfrichter gegen ihre Mitglieder sein und die Interessen außenstehender Verbände vertreten?

Es ist unbedingt zu erwarten, dass die Meinung Wetzels nicht in diesem Sinne zu verstehen ist. Und das sollte von den Innungen auch so klar dargestellt werden. Denn ich sehe schon wie die Hardliner in den Innungsvorständen mit den Hufen scharren, ihre Schäfchen endlich wieder zur Tränke führen zu können. Leider sind diese machtbesessenen Vorständler der häufigste Grund, warum Augenoptiker in den vergangenen 13 Jahren fluchtartig die Innungen verlassen haben.

Es ist absolut korrekt, dass die Verbände der Augenoptiker die Konditionen mit den Verbänden der GKV aushandeln und festschreiben. Auf gar keinen Fall aber dürfen sie sich wieder als Büttel der Krankenkassen einspannen lassen. Das heißt, kommt es zu Meinungsverschiedenheiten zwischen einem selbstständigen Augenoptiker und einer Krankenkasse, darf es nicht wieder so sein, dass die Innung als Sachverständiger die Interessen der GKV gegen einen Augenoptikunternehmer vertritt – sei der Innungsmitglied oder nicht.

Die Verbände der Augenoptiker müssen die Interessen der Angehörigen dieses Berufsstandes vertreten, dazu sind sie verpflichtet! Die Kassen dagegen sollen sich in Zweifelsfällen um ihre eigene Kompetenz und Sachverständigen selbst kümmern. Schließlich gibt es genügend vereidigte Sachverständige in Deutschland, an die sich Kassen wenden können.

An diesem Selbstverständnis der Verbände wird ihre Leistung in Zukunft gemessen. Die Angsthasen werden schnell wieder unter Mamis Fittiche eilen und auf deren Großmut hoffen, das ehemals fahnenflüchtige Dummerchen nicht zu sehr zu bestrafen und die Präqualifizierung einfacher zu bestehen.

Die anderen, die mit einer klaren Geschäftsidee, werden sich mögliche neue Drangsalierungen einiger vorschneller Obermeister nicht gefallen lassen und die Innungen endgültig und bewusst verlassen. Denn man braucht die Innung tatsächlich nicht, um die Präqualifizierung zu bekommen. Und die Kosten und Anforderungen sind überall gleich.

Über all dem Gekasper, dem Rauch und Nebel, der Kompliziertheit kommender Verträge und Abhängigkeiten hat sich noch niemand folgende Frage gestellt und den ­Augenoptikern eine offizielle Antwort gegeben: Wie muss sich ein Augenoptiker ­verhalten, von dem ein Berechtigter eine Kassenleistung verlangt, nachdem das Gesetz im Bundesgesetzblatt veröffentlich wurde, die Innungs- und die Kassenverbände aber noch keine entsprechenden Verträge und ihre Durchführung beschlossen haben?

Leider haben ZVA und Innungen es versäumt ihre Leistungen im Sinne des Berufsstandes öffentlich darzustellen mit dem Hinweis, dass die Innungsbetriebe per Rundschreiben sehr wohl schon im März unterrichtet worden sind. 

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