Sind wir das neue Nokia?

14. September 2020

15. September 2020

Gerüchten zufolge arbeitet Apple mit Hochdruck an einer Hightech-Brille, die uns die iPhone-Erfahrung in die Pupille pressen soll. Wir starren demnächst also Tante Erna auf die faltige Stirn, um dann zweimal schnell drauf zu tippen. Instagram mal anders.

Tatsächlich sollen die bekannten Elemente wie Kalender, Mails und Co. auf Alltagsgegenstände in unserer Umgebung projiziert werden, die man dann mit Touch-Gesten steuern kann. So könnte z.B. eine vollwertige Tastatur auf dem Tisch im Café vor uns erscheinen, um mal schnell die heiße Idee für den nächsten Netflix-Hit niederzutippen. Oder stellen Sie sich mal vor, wie es für die Kinder wirken muss, wenn Papa am Frühstückstisch die neuesten Schlagzeilen über die Apple-Brille liest. „Seit wann schielt der Alte? Hat der etwa einen Schlaganfall?“

Noch schreibe ich hier mit spitzer Feder. Aber ich weiß jetzt schon, dass ich eine der Ersten sein werde, die so eine Brille tragen möchte. Und ich weiß auch, wer mich im Büro lauthals auslachen wird. Wenn ich wieder mal der einzige Mensch auf der Welt sein werde, bei dem die Apple-Brille nicht den ­iCloud-Fotostream synchronisieren will oder das Apple-Menü unlogische Fragen stellt und mein Stirnrunzeln schließlich fehlinterpretiert und „ok“ angeklickt wird. 

Was bedeutet das aber für unsere Branche? Sind technologieaffine Menschen für immer verlorene Kunden für den Augenoptiker an der Ecke? Ich denke wohl eher nicht. Man munkelt, diese Brille, wenn sie denn auf den Markt kommt, soll sich normal verglasen lassen. Ob und wie sich die Technologie dann mit Gleitsicht, hohen Brillenglaswerten oder verschiedensten Glasbeschichtungen verhält, ist für uns ahnungslose Verbraucher-Untertanen noch unbekannt. 

Der Tech-Gigant aus Cupertino ist ja dafür bekannt, Software und Hardware aus einem Guss zu liefern. Hier wäre lediglich im Bereich „Accessoires“ etwas zu holen. Ein Skin für die Brille könnte dafür sorgen, dem einheitlichen Look von „Apple Glass“ eine eigene Note zu verleihen. Oder vielleicht ein frisiertes Brillenetui, mit integriertem Akku zum kabellosen Aufladen der Brille? Doch ich sehe auch schon die ersten Flitzpiepen, die mit der Genauigkeit eines Uhrmachers versuchen werden, eine Panzerglasfolie auf die Gläser zu kleben.

Vermutlich wird es interessant, wenn die Konkurrenz auf den Plan tritt. Denn ähnlich wie beim iPhone wird wahrscheinlich auch Google mit einer angepassten Android-Version nicht lange auf sich warten lassen. Und da Google hauptsächlich das Betriebssystem zur Verfügung stellt, sind die traditionellen Hersteller gefragt, die passende Hardware, also Fassungen und Gläser, zu liefern. 

Dabei ist die Datenbrille schon längst da. North präsentierte auf der Vision Expo East 2019 ein Modell, das sich über eine Handsteuerung bedienen lässt. Das Blickfeld des Displays war allerdings recht eingeschränkt und die Steuerung über einen Ring nur so mittelgut. Julbo präsentierte auf der Opti 2020 eine Datenbrille für den Sport. Die wichtigsten Performance-Infos für Sportler plus wichtigsten Geodaten, erscheinen im natürlichen Blickfeld des Sportlers. Feine Sache. Doch diese Brillen sind noch recht sperrig, wenn man sie mit einer normalen Korrektionsbrille für den Alltag vergleicht. 

Moment mal. Google hat doch schon vor Jahren eine Cyberbrille entwickelt und ist kläglich gescheitert! Richtig. Aber wenn uns die Vergangenheit eins gezeigt hat, dann dass es nicht darauf ankommt, wer zuerst da war, sondern wer es zuerst richtig gemacht hat. Und dafür ist Apple leider bekannt. Es gab schon in den 90er-Jahren Windowsrechner mit Touchscreen. Die waren halt schlecht und dann war das Thema lange tot. Bis 2007 Apple mit dem iPhone kam. Der Rest ist Geschichte. Fragen Sie Nokia.

Die Zukunft bleibt spannend. Mein Kollege wartet jedenfalls schon sehnsüchtig auf die Technologie aus der Science-­Fiction-Serie „Black Mirror“, die es ihm erlauben wird, vollends in eine virtuelle Welt abzutauchen, in der sein Schreibtisch mitten auf einem weißen Sandstrand steht und er die kühlenden Wellen an seinen Füßen beim Layouten des FOCUS spürt. Und das alles, während er scheinbar bewusstlos auf der Couch in Duisburg liegt. Nur ein Zucken in seinen Augenwinkeln verrät dann, dass die Textlänge nicht zum geplanten Umfang der Seiten passt. Doch seine Kinder werden sagen: „Jetzt ist der Alte ganz hin!“. 

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