Tschüss

15. August 2019

15. August 2019

Grundsätzlich war alles ganz anders geplant. Als Uhrmachermeister und Absolvent der Uhrmacherschule in Hamburg (1969) und Absolvent der SFOF Berlin als staatl. gepr. Augenoptiker (1973) eröffnet man ein eigenes Fachgeschäft oder übernimmt eins von einem älteren Kollegen, der in Rente gehen möchte – so gehörte sich das. Aber das Abenteuer rief, und als ich nach drei Jahren in Kuwait wieder nach Deutschland kam, heuerte ich beim Augenoptiker als Redakteur an. Der Job sollte nur als Parkplatz und Sprungbrett dienen, bis ich nach Singapur konnte, um dort eine neue Existenz aufzubauen.

Es herrschte damals Goldgräberstimmung bei den Augenoptikern. Die GKV bezahlte eingeschmolzene Nahteile statt der bis dahin üblichen eingeschliffenen. Wie so oft, die Augenoptiker übertrieben den Verkauf dieser Mehrstärkengläser, und die GKV musste diesem Exzess Einhalt gebieten, weil ihnen die Kosten davon galoppierten. So kam das erste Kostendämpfungsgesetz (nicht nur wegen der Augenoptiker). Das Kostendämpfungs-Ergänzungsgesetz von 1982 erzwang eine noch schärfere Kostenbegrenzung.

Wer die Branche von außen betrachtete wie ich, spürte das Rumoren in der Tiefe, es standen tiefgreifende Veränderungen an. Denn die Branche war seit den Fünfzigern nichts anderes als ein versiegelter Closed Shop. Wer als Augenoptiker nicht in der Innung war, bekam keine Kassenzulassung, schließlich findet sich immer etwas, das zu Bemängeln ist.

Er wurde von den Großen Fünf der optischen Industrie nicht beliefert. So war es nur eine Frage der Zeit, wann sich der Klient den Sanktionen beugte und der Innung beitrat. Hatte er genug Buße getan, durfte er, wenn der Obermeister gnädig war, sogar die in dem halben Jahr gesammelten Rezepte nachträglich mit der GKV abrechnen. Gab es mal Streit mit den Kassen, vertrat die Innung deren Interessen gegen ihr Innungsmitglied.

Konkurrenz für die ca. 5.000 Betriebe war nicht zu befürchten. Denn es gab nur die Schulen in Berlin und Köln, an denen man die Meisterprüfung ablegen konnte. Wer konnte sich das leisten? Theoretisch hätte ein junger Geselle an einem Abendkurs einer Handwerkskammer teilnehmen können. Die wurden aber nur sehr vereinzelt angeboten. Das änderte sich erst, als der BNA (Gewerkschaft) massiv Druck gemacht und mehr Meisterausbildung gefordert hatte. Mit dem Effekt, dass sich heute bei praktisch gleichem Branchenumsatz wie in den 70ern ca. 10.000 Betriebe diesen teilen. Für einen Redakteur waren bei diesen Entwicklungen spannende Zeiten zu erkennen. Also blieb ich und hatte tatsächlich das Glück, beobachten und beschreiben zu können, wie die alten und verknöcherten Strukturen der Branche aufgebrochen wurden und wie verzweifelt sich Innungen und ZVA versuchten dagegen zu wehren. Aber auch die Dominanz der optischen Industrie, vertreten durch den Industrieverband und die beiden Marktführer in München und Aalen, wurde gesprengt. Die Augenoptiker erkannten, dass es in Italien auch Hersteller gab, die modischere und preislich günstigere Brillenfassungen machen konnten. Als die Kunststoffgläser aufkamen, war nur Hoya über Jahre in der Lage eine Hartschicht zu liefern, die nicht zerriss. Das war der Grund für den erfolgreichen Markteinstieg eines ­japanischen Anbieters in eine urdeutsche Domäne.

In diese sich anbahnende neue Zeitenrechnung gründete ich 1981 den FOCUS, der diese Entwicklung als einziger begleitete, beschrieb und kommentierte. Heute noch unglaublich wie hilflos Innungen und ZVA einem aufkeimenden Fielmann seine Grenzen aufzeigen wollten, sich an den ungeschriebenen Kodex der Branche zu halten. Es wurden sinnloseste Prozesse und regelrechte Schlachten vor Gerichten angezettelt und meistens verloren, weil der Branchenkodex in den wenigsten Fällen der demokratischen Grundordnung entsprach.

Diese Schlachten sind geschlagen und gehören zur Historie. Das bedeutet aber nicht, die Branche könnte sich heute beruhigt aufs Tagesgeschäft konzentrieren. Die jetzt lauernden Umwälzungen werden tiefer greifende Veränderungen bringen, die ein einzelner Augenoptiker nicht mehr allein bewältigen kann. Denn welches Gespenst man auch immer am Horizont zu sehen glaubt, bis zur Realisierung braucht es heute nur wenige Monate.

Und so schließt sich der Kreis. Der FOCUS der 80er und 90er Jahre hat sich gewandelt wie sich auch die Branche gewandelt hat. Die Redaktion wurde schon vor Jahren an junge Augenoptiker-Journalisten übertragen, die die Geschichte anders begleiten und beschreiben als ich das früher tat. Es ist schön für mich diese Entwicklung zu verfolgen – die Änderungen tun trotzdem manchmal weh. Der FOCUS ist so erfolgreich geblieben wie er immer war, er hat weiterhin die höchste abonnierte Auflage der IVW-geprüften Magazine für Augenoptiker in Deutschland – und nur das ist entscheidend.

Damit verabschiede ich mich von Ihnen, denn ich scheide aus in die Rente. Es war eine turbulente Zeit, mit unendlich viel Arbeit – aber es hat Spaß gemacht. Ich habe sicherlich dem einen oder anderen auf die Zehen getreten, das tut mir zwar leid, aber was sollte ich als Journalist machen? Zum 1. Juli habe ich alle Medien der MediaWelt GmbH im Zuge eines Management Buyouts drei bewährten Mitarbeitern übertragen: Petros Sioutis, Silke Sage und Efstathios Efthimiadis.

(Anmerkung der Redaktion: So einfach lassen wir Jörg ­Spangemacher nicht vom Haken. Lesen Sie mehr dazu in der kommenden Septemberausgabe des FOCUS)
 

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Alte Augenoptik, neue Augenoptik

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