Wanted!

7. Januar 2020

03.01.2020

Seit Jahren veröffentlicht der FOCUS die aktuellen ­Arbeitslosenzahlen der Agentur für Arbeit. Hier ist stets abzulesen: Der Stand der arbeitslosen Augenoptiker ist so niedrig wie in kaum einer anderen Branche. Während das für Arbeitnehmer eine äußerst komfortable Lage zu sein scheint, ächzen Arbeitgeber aus den letzten Löchern und ­suchen händeringend Mitarbeiter. 

Was ist da eigentlich los in unserem Beruf? Gute Mitarbeiter werden in unserer Branche seit Jahren gesucht wie Nuggets in der Klondike, sie werden untereinander abgeworben oder durch fragwürdige Agenturen in ihren Betrieben vor den ­Augen ihrer Ausbilder und Chefs telefonisch gekapert. Augenoptiker sind beliebt und belegen immer wieder Topplätze bei der Kundenzufriedenheit.1

Doch gehaltsmäßig – das wissen wir alle leider allzu gut – liegt der Beruf des Augenoptikers weit unten abgeschlagen, gleich hinter den Gehältern von Altenpflegern, Köchen und Frisören. Das Einstiegsgehalt eines Augenoptikergesellen liegt laut ­BeOptician2 zwischen € 1.950 und € 2.390. Und auch später wird es nicht unbedingt besser: Das Monatsgehalt liegt dann im Schnitt bei € 2.372: Das macht einen Stundenlohn von € 13,47.3 

Damit hat ein Augenoptikergeselle mit dreijähriger Ausbildung in der Stunde nur zwei bis drei Euro mehr in der Tasche als die Reinigungskraft, die morgens die Böden wischt und die ­Anpasstische abwienert. 

Der Augenoptikmarkt saugt Gesellen, Meister und Hochschulabsolventen auf wie Charlie Sheen sein Koks. Kein Wunder also, dass die großen Betriebe und Filialisten zu den Top-Ausbildern zählen. Sie brauchen schlichtweg Nachwuchs – und den backen sie sich so, wie sie ihn brauchen.

Leider ist das noch nicht alles: Die Arbeitszeiten sind in vielen Betrieben vergleichbar mit denen eines x-beliebigen Klamottenladens in der Innenstadt und damit denkbar unattraktiv. Was also bewegt einen jungen Menschen in diesen Beruf einzusteigen?

Das interessiert auch den ZVA, der nun zum dritten Mal im zweijährigen Rhythmus den Berufsbildungsbericht vorstellte. Im Dezember 2019 lieferte er die neusten Zahlen (ab Seite 30). Den Erhebungen zufolge seien zwar stetig mehr Auszubildende seit 2015 eingestellt worden, doch es reiche hinten und vorne nicht, um die fehlenden Stellen besetzen zu können. Die Augenoptik weist Vollbeschäftigung aus mit 1.227 freien Stellen und nur 530 arbeitslos gemeldeten Augenoptikerinnen und Augenoptikern in 2018. Und weder in der Vergangenheit noch heute regelt die Nachfrage das Angebot. Ein Anstieg bei den Gehältern der Augenoptiker spiegelt sich nicht nennenswert wider. 
Zumindest bei den Ausbildungsvergütungen ist nun der ­Bundestag eingeschritten. Der Bundesrat hat am 29. November 2019 der vom Bundestag beschlossenen Reform der ­beruflichen Bildung für höher Qualifizierte zugestimmt. Sie trat am 1. Januar 2020 in Kraft, um die Attraktivität der dualen Ausbildung zu stärken und sie damit zum Studium wettbewerbsfähiger zu machen. Letztendlich ein Plan, um so dem Fachkräftemangel entgegenwirken.
Neben neuen Berufsbezeichnungen für Meister profitieren auch Auszubildende davon. Sie erhalten künftig eine Mindestausbildungsvergütung, für die ausbildende Betriebe je nach Bundesland deutlich tiefer in die Taschen greifen müssen als bisher.  

Wenn Sie Ihre Mitarbeiter halten wollen, werden Sie nicht umhinkommen, eine bessere Zahlung in Aussicht zu stellen. Wenn Sie das nicht können, werden Sie andere Wege finden müssen, den Job sexy zu gestalten. Hier können vor allem die Arbeitszeiten ein wichtiges Argument sein, ob Mitarbeiter Ihnen treu  bleiben oder zum Mitbewerber gehen.
Viele traditionelle Betriebe schicken ihre Mitarbeiter immer noch in eine zweistündige Pause, in der sie entweder ihr weniges Geld beim Shoppen wieder loswerden oder in einem lieblos gestalteten Mitarbeiterzimmer mit dem Smartphone die Zeit totschlagen. Nach so einem 10-Stunden-Tag bleibt kaum Freizeit. Und motivierend ist das auch nicht gerade.

Silke Sage
FOCUS Chefredakteurin & Herausgeberin

 

1: Platz 1 beim Kundenminitor 2017, ServiceBarometer AG
2: Südwestdeutscher Augenoptiker-Verband
3: Quelle: Gehalt.de

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Mutig!

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