Web-basiertes Seminar

13. August 2020

14. August 2020

Eigentlich wollte ich es ja nicht nennen, das bisherige Unwort des noch so jungen Sommerlochs, getreu der Devise: „Und führe keinen in Versuchung …“ Aber ich tue es doch. Halten Sie sich fest, gleich kommt’s. Aber erstmal zu den harten Fakten: Es war einmal ein gewisser Mark Keller aus Kuala Lumpur*, der sich im Jahre 2003 eine Wortmarke beim Deutschen Patent- und Markenamt eintragen ließ.

Die Marke namens „Webinar“ sollte Dienstleistungen wie die Veranstaltung und Durchführung von Seminaren sowie die Organisation und Veranstaltung von Konferenzen schützen. Und weil sich der Markeninhaber beim DPMA besonders um den Schutz in den Klassen 35, 38 und 41 bemüht hatte, wäre es etwas vereinfacht ausgedrückt ein klassischer Verstoß gegen das Markenrecht, wenn nun jemand auf die Idee kommt, gerade im Internet Informationen unter dem geschützten Begriff bereitzustellen. 

Spätestens ab hier bekommen Anwälte, die sich auf die Abwehr solch böser Taten spezialisiert haben, bestimmt feuchte Träume.

Nun fragt sich jeder im ersten Moment, Webinar ist doch ein Synonym für das Seminar im Web? Die Antwort lautet: ja, ist es, mittlerweile durch den ständigen Gebrauch geworden. Zweite durchaus berechtigte Frage: Was soll uns das jetzt, geschlagene siebzehn Jahre später sagen?

Nunja, es gab Meldungen im Netz, da seien Abmahnungen im Umlauf wegen der Verwendung des Begriffs. Vorausgesetzt man wirbt im Netzt damit für sein eigenes Webinar. Vor allem den netten Brief der Kanzlei aus Wiesbaden, die den Herrn K. aus K. L. vertritt, solle man sich doch besser ersparen. Die Zeiten sind sowieso schwer genug.

Weil Webinare auch für weiterbildungsfreudige Augenoptiker in Corona-Zeiten besonders en vogue sind, hat das Thema auch die augenoptische Branche beschäftigt und so manchen dazu gebracht, per „Suchen und Ersetzen“ ganze Webseiten von heute auf morgen zu ent-Webinar-isieren. Wobei das auch des Guten zu viel wäre. Denn auch wenn ich kein Jurist bin – und Vorsicht: Dies ist alles, nur keine Rechtsberatung! – sage ich mal: Wer weiterhin die mittlerweile so beliebte Online-Schulungsveranstaltung beschreibend erwähnt, und wie wir in diesem Heft auch nicht unbedingt sparsam damit umgeht, ist auf der sicheren Seite und war auch niemals, auch nicht für ein paar Tage im Juli, mit einem Bein im Knast.

Auch wir haben darüber berichtet, schließlich ist Vorsicht besser als Nachsicht, das lernen wir schon von Kindesbeinen an. Denn wir wollen alles, nur nicht, dass Pandemie-bedingte Umsatzlöcher noch löchriger werden durch findige Abzocker, die auf der Suche nach der schnellen Mark sind und dafür ihre Mutter verkaufen würden.

Nach dem Rummel im Netz folgte dann die vorläufige Entwarnung: Herr Keller ließ über seine Kanzlei verlauten, dass er doch gar keine Abmahnungen verschickt habe und, alle gut zuhören, dies in Zukunft auch nicht vorhabe. Und überhaupt, falls es diese Abmahnungen wirklich gab, dann natürlich nicht von ihm. Ist klar, Herkunft also ungewiss. Nun wäre es interessant zu wissen, wie der Ball ins Rollen kam.

Warum zum Teufel sollte gerade dann, wenn endlich die Stunde des Web-basierten Seminars geschlagen hat – nachdem diese Art der Weiterbildung doch recht lange stiefmütterlich behandelt wurde, warum eigentlich?! – jemand auf die perfide Idee kommen, hieraus einen Reibach zu machen. Und gab es womöglich doch Abmahnungen und gar Zahlungen? Am Ende wird man wohl sagen, viel Lärm um nichts. Entwarnung geben wir hiermit aber nicht. Das wäre ja noch schöner. Der Sommer hat doch gerade erst begonnen.

*Kuala Lumpur ist die Hauptstadt von Malaysia und eines der Sehnsuchtsziele des Autors dieser Zeilen. Besonders in Zeiten von elterlichen Verpflichtungen und Langstreckenflügen mit Maske, die wirklich alles aber keinen Reiz ausüben.


Daniel Groß    
FOCUS-Redakteur

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