Zu reich, zu blöd oder zu faul?

16. Oktober 2019

16. Oktober 2019

In Paris gibt es einen Augenoptiker, der stellt seine Brillenfassungen noch selbst her. In einer winzigen Passage, die so versteckt ist, dass man wissen muss, dass es sie überhaupt gibt, kann man durch ein Schaufenster in eine kleine schrullige Werkstatt blicken. Die Werkstatt beherbergt all das, was früher einmal in der Ausbildung zum Augenoptiker ­gelehrt wurde. Es wird gefeilt, geschmirgelt, poliert, gemessen und genietet. 
Die Brillenfassungen, die hier angefertigt werden, sollen nicht das Gesicht des Trägers verdecken, sondern seine Persönlichkeit hervorheben. Dazu muss der Kunde mindestens zwei Mal das Geschäft besuchen, und zwar bevor die Gläser bestellt werden. Das wird anstandslos befolgt, auch wenn der Kunde, dazu jedes Mal vom anderen Ende des Landes anreisen muss. 
Was hier in der Passage zu beobachten ist, ist die Arbeit eines Lunetiers, der die hohe Kunst der Brillenmanufaktur noch beherrscht. Hier gibt es keine Labels, Brands, oder Aufsteller. Nur den eigenen Namen. Seine Kunden kommen nicht nur aus seinem Viertel oder gar nur aus Paris. Er bedient Kunden aus der ganzen Welt, manchmal auch Milliardäre, Staatschefs oder Designer, die sich hier ihre persönliche Brille auf den Leib schneidern lassen. Und auch die kommen zur Anprobe, wenn der Lunetier dies verlangt.
Wissen Sie noch wie es sich anfühlt ein Stück Acetat in den Händen zu halten, mit einem mehrfach gefalteten 1.200er Schmirgelpapier darüber zu streichen, bis sich die Oberfläche glatt und weich anfühlt. Mit einer Reibahle Kunststoffkanten zu brechen, bis es angenehm ist, mit dem Daumen darüber zu fahren und aus einem kantigen Rahmen einen vollendeten Fassungsrand macht? Es wäre schön, wenn ja, denn diese Kunst haben die meisten unseres Berufsstandes von der Pike auf gelernt. 
Man muss daher nicht bis Paris fahren, um sich das anzuschauen. In Deutschland gibt es auch noch Augenoptiker, die nicht nur dieses Handwerk beherrschen, sondern auch ganz selbstverständlich anbieten. Zu deren Tagesgeschäft es gehört, neben Refraktion und Glasberatung auch Brillenfassungen anzufertigen. Sie haben wenig Angst vor großen markt­beherrschenden Firmen oder vor einer Bedrohung durch ­Online-Optiker. 
Die Sache hat nur einen Haken: Es sind nur Wenige. Und wer nicht versteht, dieses Handwerk perfekt in Szene zu setzen, zu vermarkten und sich und seine Handwerkskunst angemessen bezahlen zu lassen, verpasst diese Chance und geht trotz allem, im Mainstream der großen Marken unter. 
Wurde in den 80er Jahren begonnen, Brillenfassungen eine Zeit lang in Kooperationen mit rauschenden Namen großer Modehäuser zu branden, so werden die Labels heute immer mehr zum Mainstream. Nachdem Starwars und Disney an jeder Unterhose dransteht, selbst Gummibärchenhändler eigene Fassungsmarken haben und nur so mittelexklusive Modelabels an jedem Brillenbügel zu finden sind, steht wahre Exklusivität in krassem Gegensatz dazu. Es gilt die Nische zu finden, in der Menschen kaufen, die sich auch gut fühlen, wenn nicht das fette Logo eines Modehauses noch von der gegenüberliegenden Straßeseite aus lesbar ist. 
An einer maßangefertigten Brille suchen Sie ein Label meist vergeblich. Es mag ein kleines Scharnierdetail sein, eine besondere Niete, oder eben rein gar nichts, was auf den Urheber der Brillenfassung hindeutet. Außer sein Können und schließlich der Preis, den sich der Kunde das kosten lässt. 
Ein Augenoptiker, der so ein Können mit anderen Augen­optikern in Seminaren teilt, stellt sich in dieser FOCUS-­Ausgabe die Frage: Sind die Augenoptiker in Deutschland mittlerweile dafür entweder zu reich, zu blöd oder zu faul?*
Denn, schaut man sich an, wie einfach es ist, eine ganze Fassungsserie, ja, eine eigene Kollektion zu entwickeln und zu seiner eigenen Marke zu machen, wundert man sich, warum es nur noch so wenige machen!
Liegt es an der Verlagerung in die Höherpositionierung des Berufs? Eben noch den Schmirgelstaub an der Jeans abwischen, um dann im Testraum die Retina zu scannen... das passt scheinbar nicht mehr zusammen. 
Muss es auch nicht. Hier kommt die alte Weisheit: Finden Sie Ihre Nische. Und Konzentrieren Sie sich darauf!
Silke Sage
FOCUS Chefredakteurin
*Seite 44, Ludwig Rosenberger
 

Vorheriger Eintrag:

Was kommt?

Kommentare

  1. Antonios Deligiorgis
    19.10.2019 um 22:59 Uhr

    Ja wo ist er denn? Paris, winzigen Passage, versteckt, schrullige Werkstatt… . Wenn du schon weißt, wer es ist dann sag es doch.

Kommentieren