Zwei Titanen schmeißen zusammen

15. Februar 2017

15. Januar 2017

Für einen kurzen Moment hielt die Branche den Atem an, als am 16. Januar die Meldung ins Tagesgeschäft platzte, die beiden Titanen Essilor und Luxottica wollen fusionieren. Allen war bewusst, dass die beiden schon länger miteinander sprechen, Gerüchte gab es genügende. Aber es schien nicht einfach zu werden, schließlich wurden die Gespräche verschiedentlich abgesagt.

Wie schwierig die Lage selbst in den beiden Konzernen ist, mag man daran erkennen, dass die FOCUS-Redaktion zwar zu einem Gespräch eingeladen wurde,  dabei aber keine Fragen gestellt und auch keinerlei Aussage vonseiten Essilors gemacht werden durften. Die Fragen mussten letztendlich schriftlich eingereicht und sollten von irgendeiner übergeordneten Stelle beantwortet werden. Da ist die ­interne Kommunikation noch lange nicht abschließend geklärt. Der Beweis, irgendeine Stelle im Konzern hat die Beantwortung der FOCUS-Fragen abglehnt.

Damit will ich nur beschreiben, dass so eine Fusion nicht mit einem Federstrich der beiden Vorstandvorsitzenden erledigt ist. Denn der Teufel steckt auch dort im Detail. Aber, wir werden alle erleben was und wie es passiert. Auf der Opti jedenfalls war es eines der großen Themen.

Was bedeutet das für den mittelständischer Augenoptiker? Zunächst mal gar nichts. Denn der Umsatz eines mittelständischen Augenoptikers mit durchschnittlich 250.000€ ­entspricht einem 60.000stel des neuen Großkonzerns. Das Ganze vollzieht sich also in Sphären und Größenordnungen, die jenseits des Vorstellungsvermögens Normalsterblicher liegen.

Es stellt sich dennoch die Frage nach dem Sinn. Da heiraten zwei Giganten, die konkurrenzlos diese Nische Augenoptik beherrschen, jeder in seinem Kompetenzgebiet. Sie haben keine natürlichen Feinde, ganz anders als im Agrarsektor, wo wir die Diadochenkämpfe der Agrar- und Chemieriesen gerade live verfolgen können. Dort geht es um die Verteidigung und Beherrschung des Weltmarktes gegen andere etwa gleich starke Konzerne.

Aber wer weiß, vielleicht dient es doch der Eigensicherung. Denn, egal wie alle über die schlechten Margen klagen, im Vergleich zu anderen Märkten sind sie sehr begehrlich. Essilor oder Luxottica zu schlucken wird für einen entschiedenen Investor leichtes Spiel sein. Denn Geld oder Liquidität spielt in dieser Größenordnung keine Rolle wie wir im gerade zu Ende gegangenen Jahr mehrfach erlebt haben, als so lukrative deutsche Hightech-Konzerne schneller nach China verkauft wurden als die Wirtschaftsdienste schreiben konnten.

Andererseits geht so eine Fusion nicht unbedingt glücklich aus. Erinnern wir uns daran, als Mercedes den Hals nicht vollkriegen konnte und mit seiner Einkaufstour in Amerika und Japan kläglich gescheitert war. Es ist meist eine Frage der Kulturen: Essilor, ein Konzern seit über 60 Jahren gewachsen aus privatem Engagement visionärer Unternehmer, geschickter Verschmelzung ähnlich gelagerter französischer Unternehmer und bahnbrechender Erfindungen.

Dagegen Luxottica, ein Hersteller von Brillenfassungen zunächst einfachster Provenienzen, geführt von einem in der Gründerzeit von den alteingesessenen Clans von Fassungs­manufakturen im Cadoretal als Emporkömmling belächelten Leonardo Del Vecchio. Dieses Lächeln ist ihnen längst im Halse stecken geblieben. Der Konzern ist auf ihn persönlich zugeschnitten, und er hat auch heute noch das absolut letzte Wort.

Das Geschick der Verantwortlichen auf beiden Seiten wird entscheidend sein wie sie diese beiden diametralen Kulturen überbrücken und verschmelzen können. Verständlich ist ­andererseits aber auch, dass Del Veccio die Existenz seines Lebenswerks auf Dauer gesichert haben möchte.

Der mittelständische Augenoptiker sollte nicht glauben, dass sich die Einsparungen durch die Hochzeit von bis zu 600€ Mio. günstiger auf seinen Einkauf niederschlagen könnten. Das wird nur geschehen durch gezielten Verdrängungswettbewerb. Und das wird die mittelständische optische Industrie (z.B. Rodenstock, Carl Zeiss Vision, Thai Optical u.a.) und die Firmen im Im- und Export hart treffen.

Es wird bestimmt versucht die Produkte des jeweiligen Partners durch Kombiangebote in den Markt zu drücken und so andere hinauszudrücken. Essilor hat diese Technik in den USA exemplarisch vorgeführt als man jede nur erdenkliche örtliche Schleiferei aufkaufte und damit sogar die OLA (Optical ­Laboratory Association) zerstörte. In China passiert seit ­einigen Jahren nichts anderes.

Das Hochzeitsspiel der Branchenhünen braucht den mittelständischen Augenoptiker nicht irritieren. Es wird seine Entscheidung sein, inwieweit er den süßen Sirenenklängen des neuen-alten Außendienstes verfällt und so in eine Abhängigkeit gerät, die er vielleicht nicht mehr überblicken kann. Oder ob er seinen mittelständischen Anbietern die Treue hält, um das Angebotsspektrum insgesamt vielfältig zu halten, zu seinem Vorteil und dem der Brillenträger.

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