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Samstag, 15. Oktober 2011

70 Prozent

15.10.2011

Es ist schon kurios, dass ich mit Vertretern des BVA (Berufsverband der Augenärzte) einfacher und unkomplizierter ins Gespräch komme als mit Vertretern des ZVA – sieht man von wenigen Ausnahmen einmal ab. (Seit zwei Jahren ist die Redaktion des FOCUS sogar blackmailed und erhält den monatlichen ZVA-Report nicht mehr.) Regelmäßig werde ich in diesen Gesprächen von BVAlern gefragt, wie der ZVA und seine Lauttöner darauf kommen, Augenoptiker hätten ihren Anteil an Refraktionen mittlerweile auf 70 Prozent erhöht.
Rechne man die Zahl der jährlich in Deutschland verkauften Brillen auf Augenoptiker und Augenärzte um, dann wären die Augenärzte jeden Morgen um 10:00 Uhr mit ihren Refraktionen durch. Die Realität in den Praxen und Kliniken sähe aber völlig anders aus. Ich weise dann darauf hin, dass mit dieser Angabe des ZVA nur die Augenglasbestimmungen gemeint sein können, die zum Kauf einer Brille führen. Die unendlich viel größere Zahl der Refraktionen, die Augenärzte durchführen, diente schließlich nur der Aufnahme eines optischen Status des Auges für die weitere medizinische Versorgung. Und da kommt es auf 0,25 dpt mehr oder weniger bestimmt nicht.
Dann kommt die Frage, warum Augenoptiker überhaupt Handwerker seien. Produzieren die die Gläser selbst? Nein? Warum sind sie dann Handwerker? Antwort:
1. Früher haben sie die Brillengläser noch selbst in die Brillenfassung eingeschliffen unter Berücksichtigung der Zentrierung. Das machen heute immer weniger, sie lassen es verstärkt von der Industrie machen.
2. Sie passen die Brille gemäß den anatomischen Gegebenheiten des Kopfes des Brillenträgers an.
Also, sie schleifen immer seltener die Gläser ein, sind aber immer noch Handwerker, etwa wegen der Anpassung von Brillen? Augenoptiker wollen also keine Verkäufer sein, weshalb dann in ¬medizinischen Bereichen am Auge wildern, weil sie ihren Nimbus erhalten wollen?
Grotesk, oder? Bevor sich die Hardliner im Kampf gegen die Augenärzte die Bäuche halten vor Lachen um die Dummheit der Augenärzte, sollten sich die Verantwortlichen im ZVA ernsthaft fragen, ob sie denn selbst wissen, was ein Augenarzt in seiner täglichen Praxis so treibt. Und was machen erst die Kliniker?
Erst in der redaktionsinternen Aufarbeitung und der Diskussion mit den Redakteurinnen (immerhin zwei Aalener Dipl. Ing. und eine Absolventin der HFAK) des jüngsten Expertengesprächs mit dem Vorstand des Landesinnungsverbandes NRW kamen Fragen auf, die noch nie (soweit mir bekannt) öffentlich in der Tiefe diskutiert wurden. Und wir entdeckten konträre Aussagen.
Da sind zunächst Statements von Professoren verschiedener FHn, die eine Ausschlussdiagnose durch Bachelor-Absolventen oder so genannte Optometristen nicht befürworten und auch dahingehend nicht ausbilden. Ob Augenoptiker in Zukunft Atropin oder sonstige Medikamente einsetzen dürfen, sollen, können, muss irgendwann grundsätzlich durch andere Institutionen geklärt werden.
Mir geht es um die Ausschlussdiagnose z.B. des Glaukoms. Kann ein junger Absolvent, egal ob von einer FH oder nach Durchlauf des Schnellwaschgangs in Knechtsteden reinen Gewissens und verantwortlich einen Glaukom ausschließen? Ist das – im übertragenen Sinn – mehr als bloß ‚Malen nach Zahlen’? Kennt er aus der klinischen Praxis die unendliche Vielzahl der Bilder eines sich ausbildenden Glaukoms und kann er sekundäre Phänomene erkennen und beurteilen? Kann er zur Not, wenn es Spitz auf Knopf kommt, seine Diagnose juristisch erfolgreich verteidigen und später auch Schmerzensgeld sowie Forderungen nach Schadensersatz abwehren? Über den Tatbestand der fahrlässigen Körperverletzung will ich gar nicht nachdenken.
Die Ausbildung der Augenärzte ist sehr lang, manche sagen, zu lang. Aber, in der jahrelangen täglichen Arbeit in Ausbildungskliniken bekommen diese jungen Ärzte einen Einblick und Erfahrung in die Diagnose und vor allem Ausschlussdiagnose, die kein Augenoptiker je erreichen kann, denn die sitzen auf der trockenen Schulbank. Es ist aber das tägliche Brot der Augenärzte.
Wie sollen junge Augenoptiker da mithalten können? Wo und wie sollen sie diese Erfahrung bekommen? Trotzdem ist es richtig und gut, von der Doktrin des alten Pistor und Volz Abstand zu nehmen. Volz postulierte einst in Stuttgart am Rand der dortigen optica und im Zuge eines Versuchs mich einer Gehirnwäsche zu unterziehen: Selbst, wenn ein Augenoptiker während der Refraktion erkennen sollte, sein Kunde habe einen unentdeckten Glaukom, habe das einen Augenoptiker nicht zu stören; er solle die Refraktion weitermachen und eine Brille verschreiben.
Und doch: Es gibt eine Reihe von Augenoptikern, die anschließend an ihre Meisterausbildung noch Medizin studiert haben und inzwischen als Augenärzte niedergelassen sind. Ich kenne keinen dieser Ex-Augenoptiker, die ein Screening oder gar eine Ausschlussdiagnose durch Augenoptiker befürworten. Im Gegenteil, sie lehnen das vehement ab.
Bleibt die Frage, warum wohl?

.(Javascript muss aktiviert sein, um diese Mail-Adresse zu sehen) am 15.10.2011 um 03:32 Uhr
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