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Sonntag, 15. Juni 2008

Aufgemischt

15.06.2008

Die Welt gerät ins Wanken – natürlich nur die Messewelt in der Augenoptik. Denn die Mido zieht mal wieder um. Dieses Mal allerdings nicht in ein neues Domizil, sondern der Termin wird deutlich in den Vorfrühling verschoben. Für die Fachbesucher ändert sich dadurch nicht viel. Außer vielleicht, dass im März kein Feiertag drauf geht für den, der nach Mailand will.
Es ist noch kaum 30 Jahre her, da wollte eine italienische Industrie, die von „der weltweit führenden optischen Industrie“ nördlich der Alpen wegen angeblich minderwertiger Qualität ihrer Brillenfassungen nur mit hochnäsigem Naserümpfen scheel angesehen wurde, ihre Produkte auf dem internationalen Parkett zeigen. Der Schlüssel zum Erfolg sollten die großen italienischen Mode- und Designernamen sein, während die deutsche Industrie wie immer auf hohe und höchste Qualität und Vielfalt setzte.
Vielfalt hieß damals mindestens drei Stegweiten, vier Scheibengrößen und drei Bügellängen, und das in jeder denkbaren Kombination, mit Produktionsauflagen von jeweils mehreren 100.000 Stück. Modellvielfalt und -wechsel hatten sich diesen Vorgaben unterzuordnen. Das Modekarussell kam erst später unter dem Druck der Verhältnisse mühselig in Gang.
Während die deutsche optische Industrie und ihr damaliger Verband eine eigene Messe mit aller Gewalt zu verhindern suchte, um die kleineren Lieferanten und Hersteller so weit wie möglich aus dem Wettbewerb herauszuhalten, dachte der italienische Industrieverband genau andersherum: Selbst dem kleinsten Hersteller aus dem letzten Winkel des Cadore Tals sollte die internationale Bühne offen stehen. Genau dies war ein weiterer Wettbewerbsvorteil: Die deutsche Industrie konzentrierte sich ausschließlich auf den deutschen Markt. Da war genug und üppig zu verdienen. Dependancen im Ausland wurden fast ausschließlich aus persönlichen Präferenzen der Inhaber gegründet und eigentlich nur dazu genutzt.
Während wir es uns im Windschatten der Mauer ohne Wettbewerb gut gehen ließen, eroberten die Italiener die Welt. Im gleichen Maß versank die deutsche optische Industrie international in die Bedeutungslosigkeit. Sie tritt international auch kaum noch auf – wenn ich z.B. in Shanghai an dem Menradstand vorbei komme (kaum größer als eine Besenkammer), frage ich mich regelmäßig, wie weit es mit diesem einst dominierenden Unternehmen gekommen ist.
Das alles ist Geschichte. Wer heute glaubt, er brauche nicht auf der Mido ausstellen, wird international nicht mehr wahrgenommen – das gilt für die Produzenten und Importeure von Brillenfassungen, Sonnenbrillen und Sportbrillen ganz besonders. Und dieser Teil der Industrie ist der wichtigste und umsatzstärkste im globalen Spiel. Es spielen dabei eigentlich nur die Belange der Designer und der international verzahnten großen Nachfrager sowie deren Bestellmengen eine Rolle.
Wen wundert es unter diesen Umständen noch, dass die Mido während der „world’s fashion accessory week“ Anfang März dabei sein will und muss. Zu diesem Termin werden auf dem Messegelände neben der Mido gleichzeitig weitere drei Messen abgehalten für Schuhe, Leder und Pelze und deren aktuellen Kollektionen. Genau in diesem Umfeld werden Brillenfassungen heute gesehen und präsentiert. (Optometrie interessiert dabei niemanden.) Im März stellen alle Hersteller von modischen Accessoires ihre neuen Kollektionen vor.
Mit diesem Schritt und einer weiteren Messe im September nächsten Jahres bringt die Mido den weltweiten Veranstaltungskalender völlig durcheinander und wird auf Dauer eine Konzentration des Messewesens bewirken (dazu auch eine Umfrage unter Austellern ab Seite 20 in diesem Heft!). Nationale Messen werden es sehr schwer haben, wenn sie mithalten wollen. Denn im Frühling sind betroffen die opti in München, die SIOF in Shanghai, die Vision-X in Dubai und die Vision Expo East in New York, die schon reagiert hat und ihren Termin in den April verlegt. Im Herbst trifft es die Vision Expo West in Las Vegas, die CIOF in Peking, die Silmo in Paris, die OLA-Mitgliederversammlung (Verband der Brillenglas-Schleifereien) in den USA, die Messen in Hongkong und Shenzhen wie auch die IOFT in Tokyo.
Die ausstellende Industrie muss sich ernsthafte Gedanken machen, welche Märkte und welche Veranstaltungen für sie noch essenziell wichtig sind und welche Messeangebote Nebenschauplätze sind. Das trifft insbesondere die Hersteller von Maschinen, die ihre Exponate in den kurzen Rhythmen gar nicht mehr fachgerecht abbauen, im Werk zuhause überarbeiten und am anderen Ende der Welt wieder aufbauen müssten.
Den deutschen mittelständischen Augenoptiker betrifft das zunächst mal kaum. Er wird aber feststellen, dass bestimmte Aussteller hier nicht mehr ausstellen werden. Will er sie besuchen, muss er demnächst nach Mailand pilgern.
Und dennoch sehe ich für die opti eine echte Chance, wenn die Verantwortlichen ihren Traum aufgeben, auf Dauer eine Messe mit internationalem Gewicht installieren zu wollen. Der Zug ist längst abgefahren. Auch eine Messe mit dem Schwerpunkt Maschinenbau für Fassungen und Gläser wird es in München nicht geben, auch wenn der deutsche Maschinenbau für Fassungen wie auch Gläser weltweit unangefochten marktbeherrschend ist.
Die Zukunft der opti liegt im Osten Europas. Den wenigen Herstellern dort, aber insbesondere den vielen potenziellen Messebesuchern von dort – viele sprechen schließlich noch deutsch – sollte ein ein Angebot gemacht werden, dass sie nach München kommen müssen.

Jörg Spangemacher am 15.06.2008 um 15:36 Uhr
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