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Montag, 15. Januar 2007

Black Ice

Schlecker und die Brillen aus dem Internet – eine missliche Situation, sicherlich. Kann das unterbunden werden? Wer weiß? In ähnlich gelagerten Fällen vermeintlichen Verstoßes
gegen das Handwerksrecht und die Meisterpräsenz hat der ZVA bisher ohne lange zu fackeln ein wettbewerbsrechtliches Kettensägenmassaker veranstalten lassen. Bei Schlecker aber sind angeblich Gutachten in Auftrag gegeben, die wettbewerbsrechtliche Lage wird seit elend langen Wochen geprüft und geprüft. Null Action, man will plötzlich nichts übers Knie brechen.
Die Branche ist mittlerweile an einem Punkt angelangt, an dem sich Fremdanbieter überlegen, ob sich aus diesem aus ihrer Sicht höchst lukrativen Kuchen nicht das eine oder andere fette Stück herausschneiden lasse. Die üppigen Margen der augenoptischen Branche erlauben diesen Vertriebsformen schon lange wollüstige Träume über unglaubliche Renditen.
Ob die wirklich zu realisieren sind, ist eine ganz andere Frage. Selbst wenn der ZVA in Kürze mit einem Gutachten eines Schlitzohres aufwarten und Schlecker davon geblendet sein Vorhaben einstellen sollte, wird das nicht der letzte Versuch bleiben, in den augenoptischen Markt einzu brechen. Und irgendwann wird einer den „richtigen“ Dreh finden und sich durchsetzen. Daran wird aller Voraussicht auch eine Neuordnung des Berufs nichts ändern.

Denn den Augenoptikern steht möglicherweise das bevor, was die Uhrmacher schon in den Sechzigern des vorigen Jahrhunderts lernen mussten: Uhren sind eine reine Handelsware.
Und Kleinreparaturen wie das Ersetzen von Uhrgläsern, Armbändern, Batterien und selbst Aufzugskronen waren plötzlich keine Ausübung des Handwerks mehr. Diese Tätigkeiten
werden seither in Kaufhäusern meist direkt am Verkaufstresen von Hilfskräften erledigt.
Ist das Übertragen von Korrekturwerten auf einen Bestellschein Ausüben des Handwerks? Wie wichtig sind die Angaben über PD und Höhenzentrierung, wenn selbst Augenoptiker diese
elementar wichtigen Daten bei Fremdverordnungen durch Augenärzte nur selten ergänzen oder vervollständigen?
Ist die Anpassung von Brillen bei der Abgabe Ausüben des Handwerks? Unbedingt! Betrachten wir aber die Brillen der Passanten, die wir vor wenigen Wochen im Gedränge des Weihnachtsbummels aus nächster Nähe betrachten durften, dann trug die Mehrzahl dieser Passanten Brillen von Schlecker nach dem Motto: Anpassen? Wie denn? Brauchen wir nicht!
Aber Gott sei Dank gibt es das wöchentliche Hetz- und Kampfblatt, das mittelständischen Augenoptikern vorgaukelt, die Erde sei eine Scheibe und die Augenoptiker seien von
wirtschaftlichen Mörderbanden und marodierenden Vandalen umgeben. Aber auch die, die mit Abmahnungen schneller bei der Hand sind als Gary Cooper jemals ziehen konnte, verlegen
sich stattdessen aufs plumpe Madigmachen.

Weil der Verschleiß an Redakteuren dort bestaunenswert, die fachliche Kompetenz fraglich ist und der geschichtliche Hintergrund gar nicht vorhanden sein kann, haben diese selbst
ernannten und vermeintlichen Retter längst überholter Traditionen in sträflicher Dummheit der Branche ein hochexplosives hochexplosives Ei ins Nest gelegt. Sogar das Nachrichtenmagazin
Der Spiegel hat sich schon drum gekümmert und den salzigen Daumen in diese offene Wunde gelegt: MI ließ nachweisen, dass die Fassungen von Schlecker nicht den aktuellen Normen
entsprechen und neben Monel allerlei sonstige allergene Materialien enthalten. Vor rund 20 Jahren gab es schon einmal einen Test des TÜVRheinland. Oder hat die Branche den MPA-Test mit seinen verheerenden Ergebnissen schon vergessen? Damals wurde dem ZVA-Präsidenten Oberländer nachgewiesen, dass dessen Fassungen zum Nulltarif der reinste Schrott seien. Die Angebote von Fielmann und Foto Quelle (heute Apollo) aber hatten die besten Bewertungen.

Nicht auszudenken, was passiert, wenn der TÜV Bayern sein Gutachten veröffentlicht.
Wie mögen die Testergebnisse von Fassungen mittelständischer Augenoptiker und der Mitglieder
des ZVA-Präsidiums aussehen? Schließlich wird ein immer größerer Teil der Brillenfassungen aus obskuren Importquellen für drei Euro eingekauft, aber für EUR 300 und mehr verkauft. Noch
schlimmer wird sein: Selbst teure Markenfassungen werden die Tests nicht unbedingt positiv durchstehen. Schlecker dagegen wird glänzend dastehen, denn seine Brillen gibt es
wenigstens zum verbraucherfreundlichen Komplettpreis von EUR 79! Und sei der Service noch so mangelhaft und kundenunfreundlich – er wird professionalisiert und Schritt für Schritt immer perfekter, davon sollte jeder ausgehen und hoffen, dass es möglichst lange dauert. Die Branche sollte nicht ständig wehklagen über Seiteneinsteiger und ihre wenig professionellen Angebote.
Wenn ausnahmslos alle Berufsangehörigen nachprüfbar eine hohe handwerkliche Qualität zu nachvollziehbar verbraucherfreundlichen Preisen anbieten, dann braucht niemand Schlecker und
andere zu fürchten. Leider ist es nicht so, denn untereinander zeigt man gern auf die mangelnde Qualifikation des Kollegen und übersieht leider den Ausschuss, den man selber nicht
unterbinden kann oder will.

Jörg Spangemacher am 15.01.2007 um 07:00 Uhr
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