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Jedes Jahr Ende April ist in der Hamburger Weidestraße ein längst ritualisiertes Schauspiel zu verfolgen: Mitglieder der örtlichen Wirtschaftsredaktionen von Tageszeitungen, Wirtschaftsmagazinen und NDR lauschen andächtig den Siegesmeldungen eines Günther Fielmann. Die Fielmann AG stürmt den Himmel, der Umsatz prescht nach oben, während der Rest der Branche vor sich hin dümpelt. Keiner verkauft so viele Brillen wie Güfi, keiner schafft einen so hohen Gewinn, niemandes Aktien befinden sich in einem solchen Aufwind, niemand zahlt so hohe Dividenden an seine Aktionäre aus, die jedes Jahr weiter hochschnellen.
Szenarien werden auf der großen Leinwand entworfen, wie sich die Zukunft der AG mittelfristig und langfristig entwickeln wird. Endlich können die Brillenträger auch im letzten deutschsprachigen Winkel die Segnungen einer Fielmannbrille genießen. Ein Ende des Wachstums und der Zahl der Niederlassung ist so bald nicht in Sicht; jetzt rückt auch noch der Markt der Hörgeräte ins Zentrum des Interesses.
Auf diese und viele weitere Zahlen, unterlegt mit zahllosen vergleichenden Torten- und Säulendiagrammen, starren alle und übersehen, dass ihnen mittlerweile ein Vexierbild vorgehalten wird: Seit Jahren verwandelte sich die Europakarte um die grüne Fläche Deutschlands, Österreichs und der Schweiz in knalliges Rot. Das seien die mittelfristigen Expansionsräume, die nur darauf warteten, dass sich der Eintritt in eines dieser Länder anbietet, indem dort eine der Ketten zu kaufen ist. – Nur wer auf die Feinheiten achtet, erkennt den Wandel: Die Grafiken sind dieselben, nur die Erläuterungen dazu sind heute verschwommener, allgemeiner.
Der Einstieg in die Niederlande wurde garniert mit hochfliegenden Plänen, wie dieses Land besetzt und augenoptisch umgekrempelt werden sollte und welche Standorte mit Supercentern geschmückt werden sollten. Nach dem Fight mit Specsavers, bei dem eine Brille am Ende nur noch ein paar Cent kostete, den Fielmann aber nicht gewonnen hat, ist es still geworden um diesen Expansionsraum. Heute ist es schon eine Meldung wert, wenn in Luxemburg eine Filiale eröffnet wird.
Alle anderen Expansionsträume ins weite Europa bleiben Jahr für Jahr mittelfristige Planungen. Warum es nicht vorwärts geht, wird mit einem KO-Argument begründet: Günther Fielmann will nicht Fantasiepreise für Filialunternehmen zahlen, die in keiner Relation zum wirtschaftlichen Wert dieser Unternehmen stehen. Für diese kaufmännisch richtige Vorgabe bekommt er regelmäßig wohlwollendes Kopfnicken der anwesenden Wirtschaftsredakteure.
Da diese Redakteure aber keine Ahnung vom augenoptischen Markt in Europa haben, erkennen Sie nicht, dass es neben rein kaufmännischen Überlegungen auch strategische Entscheidungen geben muss. Beide sind unerlässlich in einem europäischen Markt, der immer enger zusammenwächst und vernetzt wird. Und an diesem Punkt gerät die Fielmann AG immer weiter ins Hintertreffen.
Denn die zur HAL Holding gehörende Pearle Europe hat, wie andere auch, strategisch entschieden, und längst sind alle entscheidenden Filialunternehmen einzelner europäischer Länder von diesen Investoren übernommen worden. Inzwischen gibt es europaweit praktisch nur noch unbedeutende Filialunternehmen zu kaufen, denn inzwischen mischt auch Luxottica aktiv mit.
Und selbst an seiner „Heimatfront“ gerät er unter Druck: Mit der Übernahme von 30% der Anteile an Visilab und Kochoptik in der Schweiz durch GrandVision sowie einem Shop-Tausch von GrandOptical kann Fielmann nur noch mit einem Hauch größeren Umsatz (€ 83,7 Mio. zu € 80 Mio.) die Poleposition halten. In Österreich ist er mit 24 Fielmann-Outlets nur das Nesthäkchen gegenüber Pearle mit 75 und Hartlauer mit 154 Geschäften.
Aber auch Frankreich ist seit Jahren kein ernstzunehmendes Expansionsgebiet mehr, denn es ist mit starken Filialketten und straff geführten Marketinggruppen gepflastert. In England ist die Situation ähnlich. Da ist Specsavers dominant und viele lokale Ketten. Ein Einstieg bei Boots Opticians während des Übernahmekampfes zwischen KKR und Terra Firma war nie wirklich möglich.
Fielmann ist längst nicht mehr der Größte in Europa, er steht nur neben dem aus dem Sport bekannten Siegertreppchen. Hinter dieser Entwicklung steht ein dritter Anspruch, dass nämlich Fielmann Filialen immer gleich aussehen, gleich heißen und denselben konzerninternen Anforderungen genügen müssen. Dieser Anspruch ist aber in den romanischen Ländern und Großbritannien nicht so ohne weiteres durchsetzbar.
Aus europäischer Sicht ist die Fielmann AG eingekesselt, denn selbst in den ost- und nordeuropäischen Ländern sind die wichtigsten Polepositionen besetzt. In dieser Situation drängen sich viele Fragen nach der Zukunft des Unternehmens auf.
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