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Montag, 17. Oktober 2005

Heim ins Reich

Warum müssen wir Deutschen uns immer zum Gespött der Welt machen? Warum können wir es nie dabei belassen, wenn wir eine Sache mutwillig vor die Wand gefahren haben und wenn sie jemand anderes erfolgreich weiterführt, auch wenn es der „Falsche“ ist? Die angeblich „Richtigen“ jedenfalls haben bei der optica über 20 Jahre mutwillig alles falsch gemacht, was man nur falsch machen konnte.

Weil das so nicht sein darf, will der ZVA selbst ins Messegeschäft einsteigen. Der Hintergrund ist sicher ein anderer: Wegen der immer größer werdenden Kündigungsquote nimmt der Organisationsgrad in den Innungen immer rapider ab. Die Kündigungswelle im vorigen Jahr war kein einmaliger Unglücksfall wie beschönigend drumherum geredet wurde. Die Konsequenz: Die Einnahmen sinken.

Und da sind die eine Million Euro, die Dr. Jäger, wie aus Messekreisen zu hören ist, jedes Jahr einsacken soll, natürlich ein Quell der Gedankenspielerei und juveniler Phantasmorgien. Hätte man dieses Geld, wären der ZVA und die Innungen mittelfristig viele Geldsorgen los.

Natürlich kann man das nicht zugeben. Deshalb werden hehre Gründe aus der Satzung abgeleitet zur Begründung dieser Idee, die Aufgabe des ZVA sei es, „die wirtschaftlichen und sozialen Interessen der den Landesinnungsverbänden angehörenden Mitglieder zu fördern“. So steht es im Pressetext. Frage: Warum sind diese Interessen in München nicht gefördert? Weil norddeutsche Augenoptiker und die aus den nördlichen neuen Bundesländern nicht zur opti nach München kommen?

Ist Berlin deshalb besser? Wer aus dem Ruhrgebiet nicht nach München fährt, fährt ganz sicher nicht nach Berlin. Bei der Fahrt über München könnte man dagegen sogar als Extrabonbon ein verlängertes Skiwochenende in den Alpen steuerlich geltend machen.

Es stimmt, die Organisation und der Service der ersten opti waren eine Katastrophe, die ich detailliert an dieser Stelle beschrieben habe. Bei der zweiten waren die Defizite immer noch beachtlich und unterstrichen erneut den kaum erkennbaren Willen zum Service an Ausstellern und Besuchern. Um die großen Aussteller bei der Stange zu halten, wurde ihnen nahezu Narrenfreiheit eingeräumt. Sie maulen auch nur noch mit sehr gebremstem Schaum.

Alle anderen bekommen schnell die Selbstherrlichkeit dieses Napoleon der Branche zu spüren. Mit dem Resultat, dass sich die ersten Aussteller wieder abgemeldet haben für den Januar 2006. Und für 2007 scheint sich ein weiterer Rückgang der Meldungen abzuzeichnen wie Gespräche mit Ausstellern zeigen.

Die ZVA-Messe sollte am 22. bis 24. April 2007 stattfinden – gut und gerne eine Woche vor der MIDO. Unglaublich wie erfahrungsresistent Verbände doch sein können. Im Schatten der MIDO hat eine deutsche Messe keine Chance international Beachtung zu finden. Bis auf eine Ausnahme spielt die Musik der internationalen optischen Industrie schon lange nicht mehr in Deutschland. Exportfähige Neuentwicklungen in der Brillenoptik entstehen hier kaum noch. Deshalb werden Neuheiten auch in Mailand gezeigt, aber bestimmt nicht in Deutschland.

Hinzu kommt, die italienische Industrie wird alles daransetzen, eine deutsche Messe in der internationalen Bedeutung klein und unbedeutend zu halten. Und da uns Deutschen so etwas wie Nationalstolz nach dem letzten Krieg aus den Genen entfernt wurde, ist das auch nicht schwer. In Deutschland will jeder der erste sein, und zurückstecken, um ein gemeinsames Ziel zum Wohle aller zu erreichen, ist uns unbekannt. MIDO und SILMO sind aber nur so wirklich groß geworden mit internationaler Bedeutung.

Nun wird erstmal nichts draus. Während einer hochgeheimen Sitzung hinter hermetisch verriegelten Türen wollte das ZVA-Präsidium während der SPECTARIS Mitgliederversammlung Mitte September in Weimar das Konzept der Konkurrenzveranstaltung vorstellen und die Industrie überzeugen. Der ZVA scheiterte schon im Ansatz und alle sagten ab. Zwei Messen in einem Jahr im Abstand weniger Wochen, wer soll und kann das bezahlen?

Dr. Jäger kann man nur ins Stammbuch schreiben: Die Diskussion um eine Konkurrenzmesse wird erst dann ersterben, wenn er von seinem hohen Ross runterkommt und aufhört nicht ausschließlich an das Abfischen auch des letzten möglichen Euros zu denken. Stattdessen sollte er über Service nicht nur wortreich schwadronieren, sondern ihn seinen Kunden – das sind Aussteller und Besucher gleichermaßen – auch wirklich anbieten. Dann sind z.B. die Hallen am Freitag beheizt, so dass man ohne dicke Winterkleidung über die Messe gehen kann, und der Auf- und Abbau ist ohne unnötigen Stress möglich.

Wenn Dr. Jäger hunderttausend Euro in den Service stecken würde, hätte er alle hinter sich und alle Gedankenspiele einer Konkurrenzmesse wären im Keim erstickt. Neunhunderttausend Euro Jahreseinkommen für ein paar Wochen Arbeit reichen aus für ein bescheidenes Leben ohne all zu großen persönlichen Verzicht, denke ich.

Jörg Spangemacher am 17.10.2005 um 21:16 Uhr
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