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Deutschland versinkt im Moment in einer erschreckenden Diskussion über Heuschrecken. Wie vor knapp 30 Jahren wird „das Kapital“ (wer oder was auch immer das ist) mit den alten eingeübten sozialistischen Parolen angegriffen.
Es scheint so, als sei es unsozial, wenn Unternehmen zwar Gewinne machen und trotzdem ihren Mitarbeiterstab reduzieren. Die Politik tut so, als bestünde da ein direkter unmoralischer Zusammenhang.
Richtig bei allem ist, dass deutsche Unternehmen im internationalen Vergleich deutlich unterkapitalisiert sind. Selbst die Deutsche Bank könnte den Versuch einer Kampfübernahme durch eine Investorengruppe nicht erfolgreich abwehren. Unternehmen in anderen Ländern verfügen über eine weit höhere Kapitaldecke und Finanzstärke wie die jüngsten Aufkäufe in der Pharmabranche zeigten.
Das gilt nicht nur für diese Giganten. Durch unsere neuen Verlagsprodukte, die außerhalb der Augenoptik angesiedelt sind, bin ich in jüngster Zeit sehr viel in den USA und China. Auf den Messen dort werde ich regelmäßig von chinesischen Unternehmen angesprochen, die deutsche Unternehmen und Patente kaufen wollen. Sie wollen diese Unternehmen ausschlachten und Patente wie auch Produktionstechniken nach China verlagern. Leider werden sie oft genug fündig, denn die kleineren deutschen Unternehmen haben nicht genug Kapital, um mit der rasend schnellen Entwicklung in der Präzisionsoptik, Litho- und Lasertechnik mithalten zu können.
Ähnliches passiert auch in der Augenoptik. Es ist richtig, wenn ein Traditionsunternehmen, das von der Eignerfamilie abgewirtschaftet wurde, durch Investoren gerettet werden kann. Es ist auch richtig, wenn sich ein anderes Unternehmen mit Hilfe von Investoren in die globale Oberliga aufschwingen kann und dort hoffentlich erfolgreich mitmischen kann.
Auch wenn Günther Fielmann auf meine Frage während der jüngsten Bilanzpressekonferenz die Existenz anderer Großvertriebsformen in Europa und deren Bedeutung lässig abgetan hat, so werden intern mit Sicherheit Szenarien durchgespielt, wie seine AG zukunftssicherer aufgestellt werden kann. Seine regelmäßig wiederholte Antwort auf die Frage nach der Expansion in Europa, er wolle nicht jeden geforderten Preis zahlen, kann auch dahin interpretiert werden, ihm fehlten die Mittel dazu. Hall/Pearle und Luxottica jedenfalls verfügen über größere finanzielle Mittel als die Fielmann AG. Und selbst Specsavers hat ihm in Holland eine Lektion erteilt, auf die er nicht vorbereitet war. Die Vision über den Kanal zu springen und dort den Markt aufzurollen, ist erst einmal deutlich verblasst.
Was geht das Spiel der Großen den mittelständischen Augenoptiker an? Ich denke, sehr viel. Inzwischen geht auch schon das ZVA-Präsidium damit hausieren, dass Fielmann über 50% der Stückzahlen an neuen Brillen verkauft und dass die Top Ten der Filialbetriebe gemeinsam 2/3 bis 3/4 aller Brillen verkaufen. In echten Zahlen bedeutet das: 2004 wurden 8,4 Mio. Brillen verkauft. Davon sind allein 4,2 Mio. Stück über die Tageskassen der Fielmann AG abgerechnet worden. Die 10 größten Vertriebsformen haben zwischen 5,6 Mio. und 6,3 Mio. Brillen verkauft in nur knapp 1.200 Geschäften.
Das bedeutet: Den 8.600 selbständigen Augenoptikern blieben im vorigen Jahr nur noch zwischen 2,8 Mio. und 2,1 Mio. Brillen, um die sie sich geprügelt haben. Diese Betriebe haben im vorigen Jahr statistisch nicht mal mehr eine Brille pro Tag verkauft! Vorausgesetzt, diese offiziellen Zahlen spiegeln die Realität wider – wovon existieren diese Betriebe? Da rettet auch keine Negerknete mehr.
Unter diesem Aspekt drängt sich die Frage auf, wie lange es sich mittelständische Augenoptiker noch leisten können ohne ein gemeinsames schützendes Dach auszukommen. Unbegrenzte und uneingeschränkte Unabhängigkeit müsste rechtzeitig dort enden, wenn der eigene Untergang abgewendet werden sollte. Denn Eigenkapital haben diese Betriebe nie gebildet, es wurde nur konsumiert.
Nur ein starker Verbund kann den starken und gesunden Einzelbetrieben auf Dauer gegen die Großen helfen. Der ist aber nur möglich, wenn jeder etwas von seiner Individualität aufgibt und so Strukturen erlaubt, die denen der Großvertriebsformen ähneln: Gemeinsames Layout im Marketing, in der regionalen und örtlichen Werbung, gleiche und gemeinsame Vermarktung von Produkten.
Solche Ideen werden von mittelständischen Augenoptikern auch heute noch rigoros abgelehnt. Warum eigentlich? Das Wurschteln in eigener Regie erlaubt heute kein unternehmerisches Handeln mehr. In Frankreich ist ein Überleben ohne Verbundgruppen kaum noch denkbar, und die Einzelkämpfer werden ständig weniger. In England gibt es schon so gut wie keine eigenständischen Betriebe mehr.
Vor etwa 30 Jahren sind die Uhrmacher ausgestorben. Es waren zu viele kleine und unrentable Geschäfte, die die Umstellung in der Technik nicht erkannten. Selbst die Genossenschaften wie die Dugena sind schließlich von den Marktgesetzen überholt worden, weil sie nicht stark genug waren. Wollen wir darauf warten? Dann stirbt auch die Mehrzahl der Industrie und der Lieferanten, und die Fachzeitschriften natürlich auch.
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